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Im Februar diesen Jahres gaben die Samwer-Brüder Alexander, Marc und Oliver mit ihrem Copycat Billpay (www.billpay.de) den Anstoß für deutsche Bezahlsysteme nach dem Vorbild von Billmelater, nun ist mit RatePay (www.ratepay.de) seit kurzem ein weiterer Klon des US-Vorbilds am deutschen Markt. Aus der Feder von den beiden Founders-Link-Machern Oliver Beste und Fabian Hansmann (Founders Link ist ein Berliner Inkubator mit Fokus auf Internet-StartUps und brachte bisher beispielsweise Deal United (www.dealunited.de) hervor) bietet RatePay Bezahlmethoden für Onlinehändler an, wobei das Unternehmen aus Berlin die Ausfallrisiken der verschiedenen Zahlungen übernimmt.

So funktioniert RatePay

Das Ende 2009 gegründete RatePay wird von einer dreiköpfigen Geschäftsführung bestehend aus Miriam Wohlfarth, Alexis Giesen und Michael Röbbecke geleitet. Das Berliner Unternehmen versteht sich als ein Anbieter der Dienstleistungsbranche, mit speziellem Fokus auf Online-Händler. RatePays Produkte ermöglichen Online-Händlern, ihren Kunden Zahlungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die sie ohne zusätzlichen Aufwand einsetzen können, während RatePay sich um das Risiko eines Zahlungsausfalles kümmert.

RatePay übernimmt die Bündelung, Steuerung und Koordination der verschiedenen Arbeitsaufgaben, die bei einer Online-Transaktion anfallen. Risikomanagement,  Prüfungs- und Bewertungsmethoden werden inhouse abgewickelt, andere Aufgaben wie das Debitorenmanagement werden an externe Dienstleister übertragen. Derzeit fokussiert sich RatePay vor allem auf zwei angebotene Inhalte:

  • Ratenzahlung: Will ein Kunde in einem Onlineshop auf Raten bezahlen, erfolgt zunächst online durch RatePay eine Risikoeinschätzung für die Bank (Identität und Bonität), wobei sich das Unternehmen damit brüstet, auf Post-Ident-Verfahren zu verzichten (welche im Online-Geschäft zu hohen Abbruchquoten führen können). Die anschließende Risikoeinschätzung auf Basis verschiedener RatePay-Scorekarten erfolgt automatisiert und in Echtzeit.
  • Rechnung: Um dem jeweiligen Onlinehändler einen Kauf auf Rechnung zu ermöglichen und dennoch das Risiko eines Zahlungsausfalles zu minimieren, wird der Kunde durch RatePay online während seines Check-Outs überprüft (Identität und Bonität). Das Ergebnis bewertet RatePay auch hier über verschiedene Scorekarten. Das verbleibende Risiko eines Zahlungsausfalls wird von RatePay (bzw. einer bei RatePay angeschlossenen Bank) übernommen. Begleicht der Kunde seine Rechnung später nicht, erhält der Händler den Rechnungsbetrag abzüglich einer geringen Gebühr von der Bank, an die er seine Forderung veräußert.

Vor allem die Online-Ratenzahlung ohne Post-Ident (also ohne nachträgliche Offline-Maßnahmen zur Identifizierung) betrachtet RatePay als seinen USP: “Ratenzahlung ohne Post-Ident-Maßnahmen online abzubilden ist eine Neuerung, die wir in den Markt bringen wollen. Wir betrachten uns definitiv nicht als Billmelater-Klon, weil wir unser Produkt auf den deutschen Markt angepasst haben, was andere Abfragestrategien und eine unterschiedliche Technik bedeutet,” meint Miriam Wohlfarth, Geschäftsführerin und Mit-Gründerin von RatePay. “Unser Kernprodukt ist im Gegensatz zu anderen deutschen Anbietern daher auch eher der Ratenkauf online.”

Otto steigt über EOS als Stratege bei RatePay ein

Wer sich die Webseite des frisch gestarteten RatePay einmal genauer ansieht, bemerkt, dass die Otto-Gruppe (www.otto.com), welche mit Unternehmen wie Smatch (www.smatch.com) oder Mirapodo (www.mirapodo.de) ja bereits im Ecommerce-Bereich umtriebig ist, bereits als Stratege bei RatePay eingestiegen ist. Über die hundertprozentige Otto-Tochter EOS hält das Familienunternehmen aus Hamburg 51 Prozent der Anteile. Und ein Indiz für Detail-Verliebte: Mit seinem Account folgt RatePay bereits der Otto-Gruppe bei Twitter.

Die EOS-Gruppe hat mittlerweile 6.000 Mitarbeiter und war gestartet, indem sie das Forderungs- und Inkassogeschäft für das (Offline-)Otto-Geschäft abwickelte. Aus dem kleinen Zuarbeiter wurde ein großer Finanzkonzern, der sich mittlerweile auch Themen wie Factoring oder Kreditversicherungen widmet – eine insgeheime Cash-Cow, die für die Otto-Group und weitere Kunden Abwicklungen vornimmt. Miriam Wohlfarth kommentiert den zustande gekommenen Deal entsprechend positiv: “Es ist für uns sinnvoll und ein großer Erfolg, dass wir die Otto-Gruppe als Strategen gewinnen konnten, weil die Erfahrung von Otto gezeigt hat, dass sich Rechnungs- und Ratenkäufe im Markt etabliert haben. Ottos Erfahrung trifft so auf unser Knowhow, wie wir diese Bezahlmethoden online umsetzen können.”

Eine unternehmerische Ehe, die für beide Seiten sinnvoll ist: RatePay startet gleich zu Beginn mit einem potenten Strategen an Bord, der auch operativ mit der ein oder anderen Dienstleistung zur Seite steht. Zum Vergleich BillPay von den Samwers legte mit Finanzinvestoren los. Für Otto ist dieses Arrangement sinnvoll, weil das Unternehmen zwar shopseitig ausgeprägte Erfahrungen aufweist, im B2B-Segment jedoch nicht in diesem Maße für das spezielle Payment-Thema Erfahrung aufweist. Aus seiner Versanderfahrung schätzt die Otto-Gruppe Raten- und Rechnungskäufe, doch das Thema weist einen hohen Finanzierungsaufwand auf und ist technisch wie konzeptionell alles andere als trivial. Für ein Scoring in Echtzeit braucht man Scoring-Spezialisten und spezifisches Knowhow, dass der Otto-Gruppe in dieser Form fehlen dürfte. Und dass die Time-to-Market (TTM) bei großen Konzernen sonst hoch wäre, liegt ebenfalls auf der Hand.

Die naheliegende Vermutung, dass RatePay für alle Otto-Sparten fortan seine Funktionen anbietet, dürfte in der Praxis jedoch nicht unbedingt gegeben sein, schließlich haben alle diese Firmen bereits bestehende Lösungen – wahrscheinlich Marke Eigenbau –, die jedoch nicht verkaufsfähig sein dürften. Es gilt für RatePay bei den bestehenden Unternehmen also das eigene Konzept zu pitchen, während bei Neugründungen die Chancen besser stehen dürften. Das Intro zu dieser Kooperation kam von Oliver Beste und entsprechend zufrieden ist man auch bei Founders Link: “Es freut uns natürlich sehr, dass wir gemeinsam mit dem Management-Team von RatePay in Otto einen Mitstreiter gefunden haben, der viel Knowhow und Input beisteuern kann”, resümiert Fabian Hansmann. “So früh einen Strategen wie Otto vom eigenen Konzept zu überzeugen, ist ein tolles Kompliment für das Team und das Konzept von RatePay.”

Internationale Konkurrenten von RatePay

Das internationale Pendant Billmelater.com ist bereits seit dem Jahr 2000 am Markt und konnte in seinem zehnjährigen Bestehen (!) in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 200 Millionen US-Dollar Funding (!) ergattern. Das Bezahlsystem von Bill me later funktioniert als eine Kombination aus Kredit- und Lastschriftverfahren: Billmelater prüft bei einem Zahlvorgang online, ob die entsprechende Zahlung gedeckt ist, indem Nutzer einfach ihren Geburtstag und die letzten vier Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer angeben. Ist die Kreditwürdigkeit gesichert, bezahlt Billmelater den Händler und schickt dem Kunden eine Rechnung – eine Alternative für all jene, die nicht gerne online mit ihrer Kreditkarte bezahlen.

In Deutschland ist BillPay aus dem Hause Samwer am Start. BillPay wird seit dem Start neben Rocket Internet (dem Inkubator der Samwers) auch von Investment-Buddy Holtzbrinck Ventures (www.holtzbrinck-ventures.com) unterstützt. Mit Billpay können Online-Händler ihren Kunden Rechnungskäufe mit einem Zahlungsziel von 20 bis 30 Tagen  anbieten und Billpay übernimmt das gesamte Risiko- und Forderungsmanagement der Rechnungsforderungen. Zahlungsausfällen soll durch eine Billpay-Zahlungsgarantie entgegen gewirkt werden. Zu den Fokus-Unternehmen von Rocket Internet scheint BillPay jedoch (noch?) nicht zu gehören – die Seite ist noch nicht einmal prominent indiziert.

 RatePay, Bezahlsystem, Billmelater, Bill me later, Billsafe, Paymorrow, Heidelpay, PayProtect, Klarna AB

Doch BillPay ist längst nicht der einzige Deutsche Player. Mit PayProtect von Domnowski Inkasso und einem vergleichbaren Produkt von Heidelpay gibt es bereits typische B2B-Anbieter. Paymorrow (www.paymorrow.de) und BillSafe (www.billsafe.de) sind Wettbewerber, die bereits etwas mehr nach Web 2.0 aussehen und gerade BillSafe konnte als Spin-Off-Gesellschaft der mediafinanz AG – einem Online-Inkasso-Unternehmen – bereits eine recht gute Marktstellung erringen. Auf europäischem Boden ist das schwedische Klarna AB etwa auch in Deutschland aktiv.

Die Schwierigkeit des Themas lässt sich zum Teil wohl auch daran ablesen, dass erst Anfang 2010 die ersten bekannten Klone des Billmelater-Modells entstanden, obwohl der Bill-me-later-Exit an ebay über 820 Millionen US-Dollar schon im Juni 2008 über die Bühne ging.

Zum Geschäftsmodell der Billmelater-Klone

Der Vorteil dieser online-basierten Transaktion liegt vor allem in der Kostenreduktion: Sowohl für die Käufer als auch für die Seitenbetreiber reduzieren sich die Transaktionsausgaben und beide Parteien werden komplett von ihrer Bank entkoppelt, was eine internationale Anwendung erleichtert. Gründerszene-Leser Josua Seiler gab zum Start von BillPay zu bedenken, dass bis dato für die meisten Händler zwar ein positiver Effekt zu spüren war, die Anbieter jedoch aufgrund der höheren “Chargebacks” das Disagio relativ anziehen mussten bzw. die Garantie nicht mehr halten konnten. Mit steigendem Disagio wird die Rechnungszahlung natürlich wieder unattraktiver für die Händler.

Die Attraktivität des RatePay-Modells bemisst sich also an der Qualität des Scorings der Plattform (der Liquiditätseinschätzung der Kunden): Es gilt einen Tradeoff zwischen dem Aussortieren “guter Kunden” und dem Annehmen “schlechter Kunden” zu beherrschen, was eine gewisse Datenanreicherungskompetenz erfordert. Muss diese Kompetenz von externen Partnern eingekauft werden, sinkt entsprechend die Marge von RatePay et. al. Eine umfangreiche Scoring-Datenbank und/oder eine entsprechende Infoscore dürften also zu den notwendigen Komponenten für RatePay gehören.

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Bildmaterial: jppi