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Das Phizzard-Team: Analystics-Chef Martin Vetter, CEO Peer Hohn, CTO Stefan Voß und Entwickler Jan Schneider (von links)

Drei Monate lang läuft das Programm des Axel-Springer-Accelerators. Am Ende findet ein Demo Day statt, an dem die Startups um die Gunst und das Geld geladener Investoren buhlen. Auch am gestrigen Mittwoch pitchten wieder neun Startups vor etwa 200 Gästen. Mit dabei war Phizzard, eine B2B-Lösung für Einzelhändler. Das Berliner Unternehmen macht die Umkleidekabine smarter: Ein Touchscreen wird installiert, auf dem Kunden nach der richtigen Artikelgröße, passenden Accessoires oder weiteren Kleidungsempfehlungen suchen können. Gründerszene hat mit Mitgründer und CEO Peer Hohn über das Accelerator-Programm und sein Produkt gesprochen.

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Peer, erzähl doch mal: Was genau macht Phizzard?

Wir transformieren Methoden aus dem E-Commerce für den stationären Handel: Mit unserer Lösung helfen wir Kunden, passende Produkte im Laden zu finden. In der Umkleidekabine scannst Du einfach den Barcode des Artikels an einem Touchscreen, klickst „zu klein“ oder „zu groß“ und durch einen Algorithmus suchen wir aus dem Sortiment das passende Stück heraus. Für diesen Algorithmus haben wir bereits viele Daten gesammelt, ausgehend von den Standardgrößen der Händler haben wir aufgrund der Ratings unsere eigenen Artikelmaße entwickelt.

Könnte man nicht einfach einen Verkäufer fragen?

Die meisten Leute fragen generell keine Verkäufer, sobald sie einmal in der Umkleide stehen. Und das Einscannen und sofortige Anzeigen der Verfügbarkeiten geht um einiges schneller – besonders, wenn es um einen Artikel geht, den der Verkäufer erst noch suchen müsste. Mit Phizzard wird der Verkäufer durch eine Nachricht auf seinem Tablet hingewiesen, wo das Kleidungsstück liegt. Außerdem bekommen die Kunden noch Empfehlungen: Artikel, die so ähnlich sind oder sich gut als Ergänzung oder Ersatz machen würden, falls ein bestimmter Artikel in der Größe nicht mehr vorhanden ist. Welcher der Verkäufer hat denn das komplette Sortiment seines Ladens im Kopf und weiß, wie die Artikel jeweils ausfallen? Die meisten kennen gerade mal fünf bis zehn Prozent aller Artikel und haben außerdem ihre persönlichen Lieblingsartikel, die sie den Kunden standardmäßig empfehlen.

Für Händler hat es den Vorteil, dass sie wichtige Daten über ihre Kunden sammeln können und vor allem erstmalig systematisch herausfinden können, warum ein Artikel gekauft oder eben nicht gekauft wird: liegt es zum Beispiel am Preis oder eher an der Passform? Wir haben schon so einige interessante Analysen aus den gesammelten Daten gezogen: zum Beispiel haben die Farbe und das Muster des Kleidungsstücks einen Einfluss auf die (gefühlte) Passform des Artikels.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Ich habe vorher als Geschäftsführer bei einem Berliner Online-Händler mit mehr als 150 Mitarbeitern gearbeitet. Dort haben wir mit verschiedenen Projekten ausprobiert, wie wir die Retourenquote verringern können, weil die mit Kosten verbunden ist. Bei einem Offline-Händler geschieht das „Umtauschen“ oder „Zurückgeben“ zwar in der Umkleidekabine, es hat aber den gleichen negativen Einfluss auf das Kaufverhalten der Leute. Nur ein Drittel der Leute, die etwas anprobieren, kaufen auch wirklich etwas.

Was sind die größten Learnings, die Ihr aus dem Accelerator mitgenommen habt?

Für uns war es natürlich super, dass wir durch Axel Springer von einem riesigen Händlernetzwerk profitieren können. Aber das war nicht das Einzige: Am Anfang war unser CTO auch gleichzeitig unser Sales-Mann. Wir haben gelernt, dass es für unser geplantes Wachstum von Vorteil ist, wenn wir einen erfahrenen Vertriebsprofi mit guten Kontakten zum Modehandel haben. Es ist halt ein B2B-Business.

Bisher sind wir eher ein Nerd-Team. Wir können uns sehr schnell in technische Details unserer Lösung verlieben. Bei Axel Springer haben wir gelernt, unser Produkt in der Außendarstellung vor allem sehr einfach und sexy zu erklären, um es zu verkaufen. Da reicht es aus, sich auf unseren wichtigsten ein bis zwei Features zu konzentrieren, um die Leute zu überzeugen: Nämlich die Conversion im Laden zu erhöhen, in dem die Kunden schneller die passenden Artikel finden. Unseren ganzheitlichen Lösungsansatz für das Modebusiness interessiert zurzeit noch niemanden.

Was sind für Euch bisher die größten Herausforderungen gewesen?

Es ist schwierig, bei allen Retailern, mit denen wir im Kontakt stehen, auch wirklich am Ball zu bleiben und deren interne Entscheidungssituation nachvollziehen. Man muss Geduld mitbringen, denn relativ viele Offline-Händler tun sich gerade mit dem Thema Innovation etwas schwer – einerseits wollen sie, andererseits möglichst ohne Risiko. Naja, alles hat halt seinen Preis.

Aber in Zukunft wird es noch viele andere Herausforderungen geben: Vergangene Woche war ich in China, um dort nach Kooperationen zu suchen. Das ist aber bislang nur eine Idee. Ich war überrascht, dass dort das Preisniveau ungefähr auf gleicher Stufe mit Deutschland steht. Vor allem sind die Chinesen anscheinend wirklich sehr offen gegenüber Innovationen, deutlich offener als wir Deutschen und dieses Land hat unglaublich viel Potenzial: 90 Städte mit mehr als einer Million Einwohner. Das würde mich schon sehr reizen…

Peer, danke für das Gespräch!

Die weiteren acht Startups, die drei Monate lang bei Axel Springer an ihren Ideen arbeiteten, waren: das Massagen-Startup Massagio, der Online-Marktplatz für Zahnarztbehandlungen Dentolo, die Verkaufsplattform für ungenutzte Urlaubsbuchungen Retravel, Ride-Sharing-Plattform Match Rider, Gebrauchtwagen-Marktplatz Karosso, Roadmap-Sharing-App Halfbake, Nachrichtenportal Egyptian Streets und Offtime, eine App zur Einschränkung der Internetnutzung. Im Original-Batch war noch Pipe dabei, eine Datei-Übertragungs-App. Laut Plug and Play konnten sich beide Parteien nicht einigen und man beschloss, nicht gemeinsam weiterzumachen.

Bild: Axel Springer Plug and Play. Disclaimer: Axel Springer ist Gesellschafter der Vertical Media GmbH, dem Medienhaus von Gründerszene. Weitere Informationen zur Vertical Media GmbH hier: www.vmpublishing.com