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Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, René Obermann, bei der israelischen Konferenz IPC.

Israel liegt im Trend – auch bei der Telekom

Israel ist für die Politik und Unternehmer-Welt derzeit ebenso ein Trendthema wie etwa das Silicon Valley. Wirtschaftsminister Philipp Rösler, gerade erst zurück von seiner Kalifornien-Stippvisite, reiste gestern erstmalig in das krisengeschüttelte Land am Mittelmeer. Gemeinsam mit Startup-Vertretern eingereist, besuchte er nicht nur politische Einrichtungen, sondern machte sich auch ein Bild von Startup-Israel.

Israel steht auch bei der Deutschen Telekom nicht erst unter Führung des Vorstandsvorsitzenden René Obermann hoch im Kurs. Der seit knapp sieben Jahren amtierende Telekom-Chef ist regelmäßiger Israel-Besucher. Die Telekom selbst ist dort seit Jahren unter anderen mit Kooperationen, Venture Capital, den T-Labs und neuerdings auch Hub:raum (www.hubraum.com) aktiv. Gründerszene bat den scheidenden Vorstandsvorsitzenden während seiner Israel-Reise vergangene Woche zum Gespräch.

Hallo Herr Obermann, ich hoffe, es ist ok, wenn wir uns, wie in der Startupszene üblich, duzen?

Mich stört es so gar nicht.

René, du hast gerade die Israeli Presidential Conference (IPC) besucht. Worüber hast du gesprochen?

Das Thema der Konferenz war „Shaping Tomorrow“. Meine Rolle war, über die Zukunftsentwicklungen in der Mobilfunktechnik zu reden. Also: Wie managen wir die vielen neuen Anwendungen und vor allem die Datenexplosion. Die Verkehrsmenge im Internet wird sich ja in den nächsten Jahren bis zum Tausendfachen des heutigen Volumens entwickeln, getrieben unter anderem durch Videoanwendungen und das „Internet der Dinge“ mit 40 bis 50 Milliarden Geräten am Netz. Ich habe darüber gesprochen, was wir tun müssen, um damit fertig zu werden.

Erstens: Wir brauchen mehr Funkspektrum und zwar sowohl im niedrigen als auch im hohen Frequenzbereich.

Zweitens: Wir müssen heterogene Netze aufbauen, die mehrere Techniken wie G4, G3 und WiFi miteinander kombinieren. Dazu zählen auch mehr Indoor-Zellen. Momenten versuchen wir, mit unseren Mobilfunkmasten von draußen in die Gebäude rein zu kommen, wo sich unsere Kunden die meiste Zeit aufhalten. Wir müssen die Gebäude aber von innen versorgen.

Drittens brauchen wir auch ein effizienteres Netzmanagement. Dabei helfen uns sogenannte Software Defined Networks, bei denen dezentrale Netzwerkfunktionen wie das Datenmanagement in die Cloud ausgelagert und dort konzentriert werden. Nach der Konferenz waren wir in unseren Entwicklungslaboratorien der Ben-Gurion-Universität.

Du hast vor zwei Jahren auf der IPC zum Thema Sicherheit gesprochen. Mobile, Datenflut und Sicherheit gehen Hand in Hand: Ich schätze, dass Sicherheit für euch immer noch ein Riesen-Thema ist?

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Das Thema wird noch größer. Durch Sicherheitslücken und kriminelle Aktivitäten entstehen immense Schäden, Schätzungen gehen von bis zu einer Billion Euro jährlich aus. Viele Unternehmen sind nicht ausreichend für die vielen Angriffsformen gerüstet. Weil sie nicht wissen, wie sie mit neuen Trends umzugehen haben. Oder weil sie keine integrierten Sicherheitskonzepte haben, geschweige denn Recovery-Systeme und -Prozesse. Und dann kommen die mobilen Geräte als neues potenzielles Eintrittstor hinzu. Insofern wird die Lage immer kritischer und mehr und mehr kritische Infrastruktur wird über das Internet gesteuert und angreifbar.

Es gibt aber auch die positive Seite: Auch im Bereich Sicherheit kommt mehr und mehr Venture Capital an, werden neue Ideen gefördert, entstehen immer mehr Innovationen. Und die internationale Vernetzung nimmt zu. Wir arbeiten sehr stark mit ausländischen Unternehmen zusammen – unter anderem in Israel, das ein Zentrum im Bereich IT- und Netz-Sicherheit ist.

Du hast die T-Labs erwähnt, die es in Israel schon ein paar Jahre gibt. Insgesamt wirkt es so, als wenn dort eher nur geforscht wird, als dass entwickelte Ideen auch in die Praxis umgesetzt werden.

Am Anfang war das vielleicht so. Erstens, weil die T-Labs zunächst Kernkompetenzen und Schwerpunkte aufbauen mussten. Und zweitens, weil große Unternehmen wie wir dazu tendieren, Innovationen, die nicht selbst entwickelt worden sind, erstmal kritisch zu sehen und abzuwehren. Wie einen Virus, der von außen in einen Organismus eindringt. Heute ist das aber viel besser geworden.

Uns ist mittlerweile klar, dass wir nur überleben können, wenn wir ein Ökosystem aus T-Labs‘ eigenen Produktentwicklungen und Unternehmen, die wir von außen als Partner ins Unternehmen holen, entwickeln. T-Labs-Entwicklungen gelangen viel schneller zur Marktreife. Zum Beispiel Sicherheitsanwendungen, die wir in unserem Bezahlsystem ClickandBuy verwenden wollen. Und es gibt viele andere Beispiele.

Innovation von außen ist kein neues Thema. Wenn man sich die Facebooks und Googles anschaut, die auch sehr aktiv in Israel sind – nehmen wir den Waze-Milliarden-Exit, oder Face.com an Facebook – sieht man, dass es essentiell wichtig ist. Man sieht aber auch, dass diese Unternehmen alle nach Amerika gehen.

Unternehmen wie Google sitzen auf viel Cash, weil sie eine weltweit marktbeherrschende Stellung in ihrem Kerngeschäft haben. Es ist ein Gravitätsprinzip: Wer ohnehin schon viel Erfolg hat, bekommt Erfolg hinzu. Ich würde es aber auch nicht überbetonen, weil das nur die spektakulären Fälle sind. Es gibt aber auch weniger spektakuläre Sachen, die sehr relevant sind. Wir haben mit T-Venture (www.t-venture.com) 18 Beteiligungen und fünf neue Startups mit Hub:raum über die vergangenen zwölf Monate aufgebaut.

In Israel haben wir mit Hub:raum gerade ein neues Programm gestartet, um den Fokus der dortigen Startup-Szene auch auf den europäischen Markt zu lenken. Außerdem haben wir in Israel eine Reihe von relevanten Beteiligungen, wie bei MyThings (www.mythings.com), Inuitive (www.inuitive-tech.com) oder Flash Networks (www.flashnetworks.com). Ich kann aber nicht bestreiten, dass die Kraftzentren für Software- und Internet-Unternehmen an der US-Westküste liegen und das Kraftzentrum für Infrastruktur schrittweise mehr nach Asien wandert.

Bild: Chen Galili, ShiloPro

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