Ronny Rentner Rocket Internet CTO

Rocket-Internet-CTO Ronny Rentner

Ronny Rentner gibt Einblicke in Rockets IT

Die IT ist für Online-Unternehmen eigentlich etwas Selbstverständliches. Und doch kann sie einen erheblichen Wettbewerbsvorteil bedeuten. Bei Rocket Internet (www.rocket-internet.de) ist sie ein zentrales Element – der Inkubator der Samwer-Brüder dient auch hinsichtlich der Technik als Konzeptgeber, Koordinator und nicht zuletzt als Helfer in der Not. Geleitet wird die Rocket-IT von Ronny Rentner. Wie ein Entwicklungszyklus bei Rocket Internet aussieht, was die aktuellen Entwicklungen sind, wie weit man beim „Inspirieren-lassen“ gehen darf und wer Alice und Bob sind, verrät der Rocket-CTO im Interview.

Übrigens: Wer auf noch engere Tuchfühlung mit Rockets Technik-Team gehen will, kann ihm am 14. August einen Besuch im Berliner BASE_camp abstatten. Dort findet der Rocket Tech Talk statt, für den Gründerszene 20 Tickets verlost. Wer Interesse hat, sollte in den Kommentaren in zwei kurzen Sätzen beschreiben, warum gerade er oder sie an dem Event teilnehmen sollte.
Gründerszenes Gewinnspiel-Richtlinien sind hier einzusehen.

Was genau sind die Aufgaben eines CTO bei Rocket Internet? Immerhin haben die einzelnen Portfoliounternehmen meist auch eigene IT-Chefs.

Mein Aufgabenbereich bei Rocket ist sehr vielfältig. Zum einen arbeiten wir im Tagesgeschäft eng mit unseren Ventures zusammen: Wir lösen kurzfristig Probleme und springen ein, wo es mangelt. Zum anderen übernehmen wir von Berlin aus übergeordnete, koordinative Aufgaben: Wir bauen die lokalen Teams auf, konzipieren die Architektur, definieren und etablieren Prozesse und planen die langfristige IT-Strategie.

Wie genau wird der Wissenstransfer bei Euch realisiert?

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Es gibt bei Rocket verschiedene Formate: In unserer „Rocket University“ und auch in Workshops fördern wir den Wissensaustausch zwischen den Mitarbeitern. Wir unterstützen aber auch die teamübergreifende Zusammenarbeit, zum Beispiel im Rahmen von Pair-Programming. Code-Reviews und entsprechendes Feedback an die Entwickler stehen außerdem auf dem Programm.

Was kann Rocket technisch, das andere nicht können?

Wir haben mit Alice & Bob ein einzigartiges Framework, das uns große Performance garantiert und eine hohe Entwicklungsgeschwindigkeit erlaubt. Der Name ist angelehnt an die in der Informatik verbreiteten Beispiel-User Alice und Bob (de.wikipedia.org/wiki/Alice_und_Bob), wobei Alice unser Shop-Frontend ist und die Verwaltung über Bob, unser Backend, erfolgt. Zusammen mit vielen weiteren Modulen, zum Beispiel für Suche, Recommendations sowie Warehouse- und Order-Management bilden Alice & Bob die Basis für viele unserer Ventures.

Apropos agile Softwareentwicklung: Wie sieht ein typischer Entwicklungs-Zyklus bei Rocket Internet aus? Unterscheidet sich das je nach Größe des Portfoliounternehmens beziehungsweise den Prozessen größerer Konzern-Entwicklungsabteilungen.

Die Prozesse unterscheiden sich durchaus sehr stark zwischen den Teams. Es kommt unter anderem darauf an, ob das Team auf mehrere Standorte verteilt ist und welches Alter das Projekt hat. Wir glauben daran, dass die Verantwortung für den Entwicklungsprozess bei den Teams liegen sollte. Nur so können neue Ideen ausprobiert und positive Erfahrungen geteilt werden. Grundsätzlich gibt es aber ein- bis zweiwöchige Entwicklungszyklen, anschließend eine QA-Phase und dann ein Release.

Was sind die relevanten IT-Trends etwa im Shop- oder Paymentbereich?

Mobile Apps sind von starker Bedeutung für uns, insbesondere in Hinblick auf die Emerging und Super-Emerging Markets, in denen viele der Rocket-Startups aufgebaut werden. Zudem arbeiten wir ständig daran unsere Shops und Seiten an die lokalen Gegebenheiten anzupassen, sei es in Bezug auf Design, Usability oder auch Geschwindigkeit.

Stellt der stark wachsende Bereich Mobile die IT vor besondere Herausforderungen? Und wenn ja, welche?

Mobile Apps sind komplexer als Websites. Sie müssen kompiliert werden und unterliegen beim Release einem Review-Prozess von Apple oder Google, was schnelle Bugfixes erschwert. Zudem müssen oft verschiedene Teams zusammenarbeiten, weil die Mobile Apps auf APIs zugreifen, die man stabil halten muss. Insgesamt erfordern Mobile Apps mehr Abstimmungsaufwand und eine starke Koordination der einzelnen Entwicklungsschritte.

Stichwort Skalierung: Worauf sollten junge Gründer von Beginn an achten, wenn sie ihre Prozesse später zum Beispiel international aufstellen wollen?

Das lässt sich pauschal kaum beantworten, weil jedes Projekt seine eigenen Tücken hat und verschiedene Regionen in der Welt verschiedene Anpassungen erfordern. Ein Beispiel: Im arabischen Raum muss man auf ein flexibles Design achten, damit man die Laufrichtung der Schrift je nach Sprache ändern kann. Es gibt natürlich verschiedene Ansätze, aber insgesamt setzt Rocket eher auf kleinere, gute isolierte Komponenten, die man auch einzeln austauschen kann. So bleiben wir flexibel.

Wie wichtig ist die Qualitätssicherung in der IT – und wie wird sie bei Rocket gehandhabt?

Wir haben ein recht großes QA-Team und führen ständig Code-Reviews sowie Unit- und Behaviour-Tests durch. Manuelles, exploratives Testing gehört auch dazu.

Auf der Infrastruktur-Seite messen wir die Performance unserer Server, um gut auf Lastspitzen vorbereitet zu sein. Zudem lassen wir regelmäßig Security-Audits anfertigen. Wir überwachen unsere Server rund um die Uhr und können dementsprechend bei Problemen schnell an die richtige Stelle eskalieren.

Stimmt es, dass es im IT-Bereich einen starken Fachkräftemangel hier in Berlin gibt?

Wir haben hohe Ansprüche an unsere Mitarbeiter. Man kann schon sagen, dass es sich um einen Nachfragemarkt handelt und wir hätten vermutlich Probleme unsere Stellen ausschließlich mit Berliner Entwicklern zu besetzen. Rocket ist aber sehr international aufgestellt und wir rekrutieren viele Kollegen aus aller Welt. Geschätzt sind zirka ein Drittel der IT-Mitarbeiter im Berliner Rocket-Headquarter nicht aus Deutschland. Nichtsdestotrotz veranstalten wir am 14. August das erste Rocket IT-Event im Base Camp in Berlin: den Rocket Tech Talk. Wir möchten Entwickler ansprechen und zeigen, wie Softwareentwicklung bei Rocket funktioniert.

Welche Rolle spielt das Crowdsourcing bei Tech-Vorhaben?

Crowdsourcing spielt bei uns, wie in vielen Internet-Firmen, indirekt eine wichtige Rolle, da wir in vielen Bereichen Open-Source-Software einsetzen. Für das Hosting nutzen wir zum Beispiel fast ausschließlich Linux. Zudem evaluieren wir die Möglichkeiten unseren Code und unsere Tools unter der GPL zu veröffentlichen.

Macht Rocket alles selbst, oder werden kleinere Projekte auch an Externe vergeben?

Wir arbeiten bei Bedarf durchaus mit externen Agenturen zusammen, allerdings immer nur projektbezogen. Ergibt sich ein langfristiger Bedarf bauen wir entsprechende interne Ressourcen auf.

In der Startup-Szene haben sich in der Vergangenheit Unternehmen vereinzelt sehr nah an einem erfolgreichen Vorbild bewegt – nicht nur beim Geschäftsmodell, sondern auch ganz konkret beim Seiten-Code. Wie weit darf man gehen?

Was den Seiten-Quellcode angeht, so kann ich nur jedem raten, da sehr vorsichtig zu sein. Der Code wird von Copyright und Urheberrecht geschützt und diesen ohne Zustimmung der Urheber zu kopieren kann ernsthafte Konsequenzen haben.

Thema Suchmaschinenoptimierung: In welchen Bereichen ist SEO heute besonders relevant? Verliert es aufgrund von Social Media insgesamt an Bedeutung?

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Suchmaschinenoptimierung hilft uns auch weiterhin geschäftsmodellübergreifend die Webseiten, aber auch die verschiedenen Marketingkanäle, noch stärker auf die Nutzernachfrage auszurichten. Social Media ersetzen SEO nicht, sondern sind eher komplementär zu verstehen. Es gibt den Internetnutzern ein Gesicht im Netz und das hilft auch Google Inhalte und Interessen besser zu verstehen, um passgenaue Ergebnisse auszuliefern. Welche Inhalte findet der Nutzer relevant und wie werden Social Signals genutzt, um Webseiten auf Google sichtbar zu machen? Social SEO ist hier ein gutes Stichwort und das haben wir natürlich im Blick.

Bild: Rocket Internet