Wofür Rocket Internet Respekt verdient

Auch wenn die ersten Stunden enttäuschend verliefen: Der Rocket-IPO ist Deutschlands größter Börsengang des Jahres. Doch schon im Vorfeld war von Euphorie kaum etwas zu spüren. Beobachter warnten sogar vor den Aktien von Rocket Internet, das Unternehmen sei intransparent und das Geschäftsmodell voller Risiken.

Kritiker monieren: Rocket sei kein „richtiges“ Unternehmen, sondern ein undurchschaubares, chronisch defizitäres Firmengeflecht von plagiierten Geschäftsideen, in dem eine Terror-Unternehmenskultur herrscht, und das, aufgepumpt mit Milliarden von Risikokapital, nur so lange überlebensfähig sein wird, wie es Rocket-Übervater Oliver Samwer gelingt, weiter immer neue Investoren ins Boot zu holen.

Müssen sich die Samwers das anhören?

Natürlich, denn für Privatanleger ist die Aktie vermutlich wirklich nichts. Und die Kritik an der Intransparenz eines Unternehmens, das selbst nicht so genau weiß, wie viel Verlust die gesamte Firmengruppe eigentlich gerade macht, ist berechtigt. Dass das Rocket-Prinzip darauf beruht, „bewährte“ Geschäftsideen zu kopieren und in neue Märkte zu übertragen, gibt der Inkubator längst aus freien Stücken zu. Aber ist es schlecht? Moralisch verwerflich? Billig?

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Im Silicon Valley rümpft man die Nase über die Samwer-Brüder. Dort gilt „Copycat“ als schlimme Beleidigung. Und als Copycat-Maschine, kritisierte am Wochenende der deutschstämmige Facebook-Investor Peter Thiel in Hamburg, tue Rocket „nichts für den technologischen Fortschritt“.

Kern dieser Kritik: Wer nicht innovativ ist, bringt die Menschheit nicht voran. Ein neuer Suchalgorithmus (Google) ist innovativ. Waren übers Internet zu verkaufen (Amazon) ist innovativ. Menschen von den übertriebenen Gebühren für Ferngespräche (Skype) und SMS (WhatsApp) zu befreien, ist innovativ.

Das Problem ist: Dieser Kritik liegt ein sehr enges Verständnis von Innovation zugrunde. Der Kapitalismus-Vordenker Joseph Schumpeter zum Beispiel fasst den Begriff viel weiter: Für ihn ist Innovation nicht allein die Erfindung, sondern vor allem die Durchsetzung einer neuartigen Lösung, die entweder technologischer, organisatorischer oder marktlicher Natur sein kann.

Wer sich Rocket Internet unter diesen Vorzeichen anguckt, der erkennt schnell, dass die Samwers mit dem Inkubator tatsächlich etwas Neuartiges geschaffen haben: eine global operierende Firmenfabrik, die auf neue Marktchancen blitzschnell reagieren kann, die den Aufbau neuer Firmen bis ins Detail perfektioniert hat und deren Maschinerie trotzdem flexibel genug ist, je nach Region unterschiedlich auf Probleme vor Ort zu reagieren. Das sind prozessmäßige und organisatorische Meisterleistungen. Und es ist ein einzigartiges Modell, das bisher niemand irgendwo auf der Welt auf die Beine gestellt hat.

Diese Leistungen, sie bleiben – auch wenn sie mit aggressivem Geschäftsgebaren und schwer erträglicher Mitarbeiterführung erkauft wurden, auch wenn in den kommenden Jahren weiter Verluste angehäuft werden dürften und sich Rocket Internet weiter bestehende Startup-Ideen in Serie vornehmen wird. Leistungen, die selbst dann anerkennungswürdig sind, wenn man bedenkt, dass der Inkubator den Beweis bis heute nicht erbracht hat, dass das Prinzip Seriengründung à la Rocket wirklich aufgehen wird. Und auch dann, wenn man eine 6,5-Milliarden-Euro-Bewertung, die über der von Dax-Dinos wie der Lufthansa oder K+S liegt, für maßlos hält.

Heute, sieben Jahre nach der Gründung, arbeiten für das Rocket-Netzwerk über 20.000 Menschen in mehr als 100 Ländern auf der ganzen Welt. Peter Thiel hat dazu in Hamburg gesagt: „Rocket Internet ist kein Technologieunternehmen, sondern ein Globalisierungsunternehmen.“

Bild: © panthermedia.net / Adam Vilimek