Rocket Internet Prozesse

Rocket Internet gilt oft als gefürchtet, gehasst und bewundert zugleich – doch was macht den Inkubator der Brüder Alexander, Marc und Oliver Samwer aus? Ein Blick auf zehn Dinge, die Rocket Internet (www.rocket-internet.de) besser macht als alle anderen.

Ein Blick auf Rocket Internet

Schon häufiger wurde ich danach gefragt, was ich für das Erfolgsgeheimnis von Rocket Internet halte und was der Samwer’sche Inkubator besser mache, als alle anderen. Ich habe mir zu diesem Thema also einmal Gedanken gemacht und habe zehn Dinge gefunden, von denen ich denke, dass Rocket Internet sie deutlich besser macht, als alle anderen. Sicherlich geht dies auch Hand in Hand mit den 22 Dingen, die Gründer von Oliver Samwer lernen können, da der Rocket-Frontmann ja die zentrale Stellschraube des Berliner Inkubators ist. Und es gibt daneben sicher ebenso Diskussionsraum zu vielen Vorgängen bei Rocket Internet beziehungsweise Dinge, die Rocket schlichtweg schlechter als andere macht. Dennoch: Bei diesen zehn Dingen überflügelt Rocket Internet die Konkurrenz merklich.

1. Rocket akquiriert viel Geld – vor allem im Ausland

Wie kein anderer Inkubator versteht es Rocket Internet für sich selbst sowie für sein Portfolio Kapital anzuziehen – und dies insbesondere auch aus dem Ausland. Zu verdanken ist dies in erster Linie sicherlich Oliver Samwer, der praktisch permanent im Fund-Raising-Modus agiert. Allein in diesem Jahr überwies zuletzt Access Industries 200 Millionen Euro an Rocket Internet, gefolgt von 124 Millionen Euro aus den Taschen von Kinnevik. Und auch der Mobilfunkanbieter Millicom legte mit 340 Millionen Euro eine stolze Summe für eine Beteiligung an Rockets Gründungen in Lateinamerika und Afrika auf den Tisch.

Relevant sind diese Kapitalmengen vor allem, weil sie es Rocket ermöglichen, rasant zu wachsen und weil sie es erlauben, dass Rockets Portfolio-Unternehmen auch einmal Fehler machen, aus denen sie lernen können. Oliver Samwer ist jenseits dessen ja dafür bekannt, dass er mit aggressiven Marketing- und Sales-Maßnahmen zu forcieren versucht, dass seine Unternehmen zu Marktführern werden. Schließlich lassen sich potente Exits meist nur für Marktführer erzielen.

2. Rocket Internet bedeutet Prozessoptimierung pur

Das Herz von Rockets Erfolg bildet sicherlich die Prozessarchitektur der Berliner. Kein anderer Inkubator hat es bisher zu solch einer Perfektion gebracht, Prozesse so aufzusetzen, dass der Rollout eines vollständigen Unternehmens in zwei Wochen oder weniger erfolgen kann. Und dies über alle Bereiche hinweg, egal ob Marketing, Recruiting, Business-Development oder IT.

Bei allem was über Rocket Internet bisher geschrieben wurde, fragte bisher auch praktisch niemand, wie es der Company Builder vermag, in so kurzer Zeit Onlineshops weltweit aus dem Boden zu stampfen. Wie in den anderen Bereichen auch, gelingt dies oft dank eines Baukasten-Prinzips, das über Plattformen hinweg schnell und effektiv skaliert werden kann. Auf kurzen Entscheidungswegen kann so schnell skaliert und mit ersten Prototypen an den Markt gegangen werden, die dann wiederum einer schnellen Iteration unterliegen.

3. Sehr hohe Geschwindigkeit

Die Geschwindigkeit von Rocket Internet bildet eine weitere zentrale Komponente, die den Erfolg der Berliner zementiert. Neben einer schnellen Entscheidungskultur sorgt vor allem Rockets Prozessarchitektur dafür, dass schnell reagiert werden kann. So wie sich in Kriegszeiten eine Nation um einen Führer scharrt, um schnell agieren zu können, macht sich an dieser Stelle sicher auch Rockets Oligarchie bezahlt. Vor allem wird diese Geschwindigkeit über den gesamten Gründungsprozess durchgehalten – beim Hiring, Marketing-Maßnahmen oder der Entscheidung, ob neue Länder gelauncht werden sollen.

4. Konsequenz und Entscheidungsfreude

Dass Rocket Internet schnell reagieren kann, wurde ja bereits thematisiert. Vor allem paart der Samwer-Inkubator diese Fähigkeit aber mit der Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen. Während andere Inkubatoren, Teams oder Investoren lange an Ideen festhalten und nach Umstellungsmöglichkeiten suchen, stellt ein von Oliver Samwer beratenes Unternehmen nicht funktionierende Komponenten schnell und konsequent ab.

So schloß Rocket Internet etwa seinen Türkei-Standort mit 400 Mitarbeitern komplett oder stellte den Design-Shoppingclub Bamarang zugunsten des schneller wachsenden Westwing ein. Dies mag kurzfristig nicht immer angenehm sein, spart nach hinten raus oft aber zahlreiche Ressourcen. Vor allem bezieht sich dies nicht nur auf ganze Unternehmen, sondern auch auf einzelne Unternehmensbestandteile wie Marketingaktionen, Personal oder Feature-Konzeptionen.

5. Rocket skaliert international

Kein anderer Inkubator vermag es, so konsequent wie Rocket Internet weltweite Standorte aufzubauen und sich an die dortigen Begebenheiten anzupassen. Freilich geht dies nicht immer gut, wie etwa im Falle der Schließung des Türkei-Standorts oder als eine Mitarbeiterin auf den Philippinen verlauten ließ, Entscheidungen gingen im Hitler-Stil vonstatten. Dennoch schafft es bisher nur Rocket Internet über verschiedene Kontinente und Kulturen hinweg, ein Klon-Netzwerk dieser Größe aufrecht zu erhalten. Allein der prozessuale Hintergrund dieses Unterfangens ist in Verbindung mit der Geschwindigkeit ein kleines Meisterstück. Ein Meisterstück mit gewissen – mal größeren, mal kleineren – Kollateralschäden.

6. Rocket findet gute, masochistische Mitarbeiter

Rocket Internet ist berühmt und berüchtigt dafür, dass es seine Mitarbeiter zu großen Teilen in den Beraterschmieden dieser Welt abwirbt – Mitarbeiter, die mit analytischem Sachverstand viel arbeiten und wenig meckern. Ob es positiv ist, eine solche Masochisten-Arbeitskultur zu leben, sei dahingestellt. Und es ist am Ende des Tages wohl auch eine persönliche Frage. Vor allem schafft es Oliver Samwer, diesen Schlag Mensch oft mit überschaubar attraktiven Konditionen zu ködern. Ergänzt wird diese Umsetzer-Armee durch Absolventen von relevanten Wirtschaftsuniversitäten wie der WHU. Mehr dazu auch in unserem Interview mit Rockets HR-Verantwortlicher Vera Termühlen.

7. Innovation bei der Umsetzung, nicht der Idee

Dass Rocket Internet die Hauptstadt der Copycats darstellt, ist wohl kein Geheimnis. Gleichzeitig vertritt man dort den Standpunkt, dass Innovation nicht in der Idee, sondern der Umsetzung liege. Eine kontroverse Debatte, die schon viele Artikel füllte und bei der Rocket Internet dennoch gewisse Erfolge vorweist, indem es via Trial and Error schnell Modelle anpasst, anstatt seine Zeit damit zu vertun, das Rad neu zu erfinden. Build on the idea of others – wenn eine Idee auf der anderen Seite der Welt bereits erfolgreich umgesetzt wird, versucht sich Rocket sehr erfolgreich an der Umsetzung auf dieser Seite.

8. Verschwiegenheit: Verkaufszahlen vor Publicity

Rocket Internet (und mit ihm sein Portfolio) zählt zu jenen Unternehmen, die öffentlich kaum in Erscheinung treten, wenn es um Berichterstattung geht. Während andere Etappenerfolge in der Presse feiern, brütet Rocket Internet bereits wieder über seinen Zahlen und versucht diese weiter zu optimieren. Oder wie verpackte es Oliver Samwer so schön auf dem diesjährigen IdeaLab!: “Too many people believe their own press releases. Don’t measure success by press coverage, but economic impact.”

9. Sales als wesentlicher Treiber

Während die Samwers bei Alando Flohmarkthändler abklapperten und bei Jamba! die Musiksender Viva und MTV praktisch ausbuchten, setzte Groupon auf ganze Horden von Sales-Mitarbeitern. Intensive Sales-Prozesse gehören also praktisch seit jeher zum Werkzeug der Rocket-Macher. Geht es darum, einen Geschäftskontakt zu akquirieren, war Rocket meist schon da. Und jener Hunger bei der Verbreitung der eigenen Botschaft unterscheidet die Berliner wohl nach wie vor von vielen anderen im Markt – auch wenn die Luft wohl dünner wird.

10. Rockets Frontmann Oliver Samwer hat Eier

Zu groß, zu umfangreich oder zu gewagt scheint es für  Oliver Samwer nicht zu geben. War Rocket Internet in der Vergangenheit noch ein rein deutscher Durchlauferhitzer für US-Ideen, hat sich das Unternehmen mittlerweile gewandelt und verfolgt eine weltweite Klon-Vision, die gleichermaßen kühn wie gewagt erscheint. Nur wenige gehen mit jenem Siegeswillen und Mut Vorhaben an, wie Rocket Internet. Da werden dann auch schon mal fast alle Starbucks-Gutscheine in Deutschland aufgekauft, um ein Groupon nach vorne zu bringen oder eben ein weltweites Imperium aufgebaut.

Macht Rocket Internet noch mehr besser als andere? Schreibt es in den Kommentaren!

Über die Indivijoel-Kolumne:

“Indivijoel” ist die Kolumne von Gründerszenes Chefredakteur Joel Kaczmarek. Durch seinen Beruf und die damit verbundenen Inhalte sieht Joel quasi täglich Unternehmen von innen, tauscht sich mit den relevanten Akteuren der deutschen Webwirtschaft aus und kennt viele Facetten des Unternehmertums aus der Praxis. In seiner Kolumne möchte er daher sein Wissen und seine Ansichten teilen sowie relevante Themen der Gründerszene thematisieren. Ihr könnt Joel Kaczmarek auch bei Facebook folgen!

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Bildmaterial: ASchick01 / pixelio.de
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