„Nicht Regierungen oder die EU-Kommission, sondern Startups definieren die digitale Strategie“, eröffnete der derzeit nicht unbedingt erfolgsverwöhnte Rocket-Internet-CEO Oliver Samwer das erste Panel der DLD 2016, die bis Dienstag in München stattfindet. Mit der Ansage richtete er sich gegen seine Vorrednerin: EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hatte sich für einen fairen Markt ausgesprochen, der Konsumenten beim Umgang mit Daten schützt. Denn je weniger Wettbewerb es gebe, umso mehr könnten Konzerne in ihrem eigenen Interesse handeln. „Das Recht auf Vergessenwerden ist Freiheit“, betonte die Kommissarin und ergänzte: „Wir müssen die Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und den Vorteilen der Datensammlung finden.“

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Samwer hingegen wünscht sich mehr Geld für die europäische Gründerszene: „Die USA haben zigfach mehr Kapital zur Verfügung. Man darf nicht annehmen, dass man da mithalten kann, nur weil man smarter ist. Das Geld fehlt trotzdem“, ermahnte er in der Panelrunde über den „Marktplatz Europa“. Und ganz plakativ: „Tesla hätte in Deutschland nie eine Finanzierung bekommen“, gab sich der Unternehmer sicher. „Niemand hier würde sieben Milliarden in die Träume einer einzelnen Person investieren.“

Aber dann gab es auf dem DLD-Panel auch solche, die sich vielleicht doch hier und da etwas Regulierung wünschen, zumindest wenn es ums Thema Monopole geht. Auf die Frage, wie es Yelp bisher in Deutschland laufe, meinte CEO Jeremy Stoppelman: „Wir hatten anfangs Erfolg, unter anderem mit der Akquisition von Qype in Hamburg. Aber seit eineinhalb Jahren hat uns Google den Hahn abgedreht.“ Ausrede? Der Yelp-Gründer behauptet seit längerem, dass die Suchmaschine die Bewertungsplattform von den oberen Plätzen verdränge, um die eigenen Produkte zu pushen. Die Dominanz von Android in Europa mache es Yelp zusätzlich schwer, weil Google auch hier die eigenen Dienste vorziehe. Zuletzt lief es nicht gut für das Bewertungsportal, die Unternehmensbewertung musste deutlich nach unten korrigiert werden.

In jedem Fall, das gestand dann immerhin noch Finanzstaatssekretär Jens Spahn, reagiere die Politik zu langsam auf die Veränderungen: „Wir müssen schneller werden, um international mitzuhalten. Unsere Kernbranchen wie Automobil, Banken und der Gesundheitssektor müssen disruptiv werden.“ Geld gebe es in Europa jedenfalls genug, so der CDU-Politiker, aber man müsse sich mehr in den Venture-Capital-Bereich wagen: „Ein texanischer Pensionsfonds investiert in deutsche Unternehmen, aber ein deutscher Pensionsfonds würde das niemals tun.“

Gelassener als seine Diskussionskollegen sah Dominik Stein, Partner und Global Head der Private-Equity-Firma EQT, die Situation : „Wir sind in vielen Dingen hinten nach, aber wir sehen auch große Chancen in Deutschland“, kommentierte er den heimischen Markt.

Für einen Stimmungsaufschwung am auffallend negativen Panel am ersten DLD-Tag sorgte dann immerhin Mike Butcher, Europa-Reporter bei TechCrunch. Aus dem Publikum appellierte er an die Speaker: „Hört auf, die Regierungen zu bashen. Wir haben tolle Einhörner in Europa. Wenn wir nicht gut wären in dem, was wir tun, wären wir heute nicht hier.“

Der Stimmung zuträglich waren dann auch die motivierenden – wenngleich nicht besonders gehaltvollen – Häppchen, die von der Bühne an die hiesigen Startups verteilt wurden. Samwers Appell an das Publikum fiel prägnant aus: „Take risks!“. VC Stein gab Startups den Tipp „nicht lokal, sondern global zu denken.“ US-Unternehmer Stoppelman bat das europäische Publikum um Geduld: „Es hat 60 Jahre gedauert, bis Silicon Valley groß geworden ist. Gebt euch Zeit und lasst die Dinge wachsen.“

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Diskutierten in München über Startup-Europa: Oliver Samwer (Rocket Internet AG, links), Jens Spahn (Deutscher Bundestag), Jeremy Stoppelman (Yelp), Dominik Stein (EQT Partners) und Ann Mettler (European Commission) – Bild: picture alliance / Andreas Gebert

Und hier könnt Ihr Euch das Panel in voller Länge ansehen:

Mitarbeit: Alex Hofmann; Bild: NamensnennungKeine kommerzielle NutzungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Hubert Burda Media