Deutschland ist nicht mehr vorne dabei

Der Laden ist voll. Richtig voll. Das Konrad-Adenauer-Haus, Hauptquartier der CDU in Berlin-Tiergarten, ist hell erleuchtet und die Menschen strömen in Richtung Eingang. Es gibt nicht genug Sitzplätze für den Ansturm. Aber das Publikum zeigt Stehvermögen. Das Zukunftsthema zieht. Auf der #cnight soll in prominenter Besetzung über die Digitalisierung diskutiert werden. Initiatoren sind die Internetversteher der Union: Generalsekretär Peter Tauber und Thomas Jarzombek, Sprecher für die Digitale Agenda der CDU/CSU-Fraktion. Man wartet gespannt auf die Kanzlerin. Und das Warten hat sich gelohnt.

 

In ihrer Rede spult Angela Merkel noch etwas routiniert und kühl das Standardprogramm zur Digitalisierung ab. Das klingt dann so: „Innovationsökonomen sagen, das wird sehr spannend.“ Oder so: „Europa und Deutschland laufen hinterher. Wir brauchen Kraft für neue Rahmenbedingungen. Die Zeit drängt. Deutschland ist nicht mehr vorne dabei und hat Nachholbedarf.“ Ja. Das hat man hier und da vielleicht schon einmal gehört. Ihr Schlenker in Richtung Big Data lässt kurz aufhorchen. „Wir müssen Datenschutz und Big Data zusammenbringen.“ Die Verknüpfung von Daten sorgt laut Merkel für die Strukturen von Zukunftstechnologien. Da hat sich jemand sehr gut auf diesen Abend vorbereitet.

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Das merkt man dann deutlich bei der anschließenden Diskussion. Auf der Bühne stehen neben der Kanzlerin, Moderator Cherno Jobatey, Dr. Eduard Sailer, Geschäftsführer Technik von Miele, als Vertreter der Old Economy – und Oliver Samwer, Chef des inzwischen börsennotierten Company Builders Rocket Internet. Die drei Herren hatten einen schweren Stand gegen eine plötzlich bestens aufgelegte Kanzlerin.

Samwer hat an diesem Abend eigentlich nur eine einzige Message: In Deutschland fehlt es vor allem an Geld für junge Firmengründer – „Wagniskapital“. Damit war sein Pulver fast schon verschossen. Merkel konterte geschickt, dass das nicht unbedingt nur eine Aufgabe der Politik, sondern eine Frage der Kultur sei. Als Samwer zum dritten Mal das Wort „Wagniskapital“ ausspricht wird die bis dahin lockere Merkel etwas ungeduldig. Sie kann auch streng. Was fehle denn sonst noch in Deutschland für Startups, fragt sie etwas unwirsch nach – und entreisst dem Moderator Jobatey einfach mal die Moderation. Man hat das Gefühl, dass sie es wirklich wissen und verstehen will. Und mit ihr das Publikum.

 

Zum Glück fällt Samwer noch die Sache mit den gut ausgebildeten Indern ein. Es sei viel zu schwierig und teuer, ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland zu bringen, so der Rocket-Chef. Das Ganze hat jetzt einen Hauch von mündlichem Abitur. Und Samwer rutscht noch gerade so mit einer glatten Vier durch. Merkel schaut ganz kurz in Richtung Innenminister Thomas de Maizière in der ersten Reihe – und die Angelegenheit mit den Indern ist delegiert. Da muss sich halt ihr Minister mal drum kümmern, der sich flugs ein paar Notizen macht. Das Publikum darf live beim Regieren zuschauen.

 

Auch zum Thema Miele hat Merkel eine Meinung. Vielleicht sei es auch eine Kultur, an bestehenden Geschäftmodellen mal über einen langen Zeitraum festzuhalten. So wie Miele es als Familienunternehmen gemacht hat. Und nicht immer nur auf Exit zu spielen. Ein frecher Seitenblick in Richtung Samwer, der sich zentimeterweise vom Stehtisch zurückzieht. Miele-Technik-Chef Sailer erzählt, wie wichtig es ist, eine Idee über längere Zeiträume zu verfolgen. Samwer wirft fast schon entschuldigend ein, dass er ja auch immerhin schon seit 1998 im Internetgeschäft sei und die Mieles der Zukunft aufbauen würde. Heiterkeit im Publikum.

Dann spricht Sailer über die Startupszene und sagt, dass sie für Miele immer wichtiger wird. Miele sei ständig auf der Suche nach jungen Unternehmen mit guten Ideen. Zum Thema Wagniskapital sagt er: „Wir betteln nicht dauernd um Unterstützung. Man muss Sachen auch einfach mal selber machen.“ Das ist natürlich genau das, was Merkel hören will. Musterschüler. Setzen! Eins.

 

Zum Schluss wird auch Samwer etwas forscher und lockerer: „Wir brauchen schnelle Netze, mehr Geld für Startups, weniger Regulierung und then let’s go!“ Applaus. Vielleicht sollte er häufiger von seinen vorbereiteten Statements abweichen. Von der Kanzlerin gibt es noch einen praktischen Haushaltstipp: „Ein Staubsauger heizt auch immer ein wenig die Wohnung.“ Und später am Abend legt dann Marusha noch Platten auf.

Bild: Frank Schmiechen / Gründerszene