Scheitern

Fail your way to success

In dieser Woche möchte ich ein paar Gedanken über das Scheitern teilen. Es ist glaube ich medizinisch bestätigt, dass Deutsche eine Volksallergie gegen das Scheitern entwickelt haben. Hierzulande gilt es als Stigma, wenn eine Unternehmung nicht funktioniert hat. Ein deutscher Unternehmer folgt dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“ – über all die schlechten Entscheidungen, die ihm den Weg zum eigenen Erfolg geebnet haben, schweigt er hingegen. Und mehr noch: Kommt es zu einer Insolvenz, wird ein Unternehmer nicht selten zu so etwas wie einem Aussätzigen, dem an vielen Stellen Steine in den Weg gelegt werden.

Wenn ich mich nicht täusche, war es Thomas Edison, der eine gegenteilige Denke mit seinem Ausspruch „I’ve failed my way to success“ prägte. Offensichtlich hatte Thomas Edison eine ausgeprägte Wissenschaftsader, zumal ihm bewusst war, dass ihn jedes gescheiterte Experiment ein Stück näher an die Wahrheit brachte. Zu scheitern ist also durchaus von Gewinn, weil es zeigt, wie man es nicht machen sollte. Mit dem Scheitern verbindet sich also ein massiver Lernprozess. Ein Lernprozess, der jenen, die aus unterschiedlichen Gründen alles richtig gemacht haben, oft ausbleibt.

„Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.“
Winston Churchill

Bei dieser Betrachtungsweise lande ich immer recht schnell bei den schwarzen Schwänen von Karl Popper: Gelingt es, einen einzigen schwarzen Schwan zu finden, erlaubt dies den logischen Schluss, dass die Aussage, alle Schwäne seien weiß, nicht zutrifft. Mit der Falsifizierbarkeit sah Popper also ein Mittel zur Grenzsetzung der empirischen Forschung vor (passende Stichworte dazu wären auch die Erkenntnistheorie oder der Falsifikationismus). Oder um es wieder auf das Thema Scheitern zu beziehen: Für manchen Unternehmer wäre es wohl hilfreich, viele schwarze Schwäne in seinem Geschäftsmodell zu finden, weil er so gemachte Annahmen falsifizieren kann. Scheitern als Lernkurve, nicht als Blamage.

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Auf kleiner Flamme scheitern

Ein bisschen erinnern mich der Ausspruch von Edison und das Falsifizieren der eigenen Hypothesen auch an das Vorgehen der Samwers. Wer einmal in einem Samwer-Startup gearbeitet hat, weiß, dass es dort üblich ist, viele Dinge auf kleiner Flamme auszuprobieren. Das kann sich auf Alltagsthemen wie Marketingmaßnahmen, Webseiten-Aufbauten oder Recruiting-Verfahren beziehen. Es kann aber auch eine Unternehmung als Ganzes erfassen. Man denke etwa an Jamba!, das zunächst als WAP-Portal gestartet war, dann begann, Klingeltöne über Single-Downloads zu verkaufen und schließlich bei Abonnements landete.

„Zwei kleine Mäuse fallen in einen Topf voll Sahne. Die erste Maus gibt bald auf und ertrinkt. Die zweite Maus gibt nicht auf – sie strampelt solange bis sie die Sahne schließlich in Butter verwandelt hat und krabbelt raus. Meine Herren, ich stehe heute vor Ihnen als diese zweite Maus.“

Zitat aus „Catch me if you can“

Die Samwers sind also in gewisser Weise ein Archetyp für Unternehmer, die ihren Weg zum Erfolg erscheitern. Und die drei Kölner Brüder haben ja durchaus auch einen Track-Record aus Pleiten vorzuweisen, man denke etwa an das Ende von Ecareer, DealStreet und MyBrands, die Einstellung von Bamarang oder die Schließung von Rockets gesamten Türkei-Standort. Trotzdem würde wohl niemand die Samwers als erfolglos bezeichnen, zumal sie aus kleinen und großen Misserfolgen so viel gelernt haben, dass sich bedeutende Erfolge anschließen konnten. Ich habe die zehn Dinge, die Rocket besser macht als andere, ja bereits beschrieben, ansonsten fasst „Leadership-Freak“ die Denke dahinter ganz schön zusammen: „Fail small in order to succeed large. Try, test, improve, and move forward. Don’t put all your eggs in one basket.“

Jenseits dessen braucht man nur die Herkunft des Wortes Scheitern zu betrachten und bemerkt, dass dieser Begriff in unserer Kultur bereits negativ angelegt ist. Das englische „to fail“ leitet sich aus dem Altfranzösischen „faile“ ab, was im Englischen auch mit „deficiency“ also „Mangel“ übersetzt wird. Derweil geht „scheitern“ auf den Scheit zurück und meint nicht nur erfolglos aufgeben, misslingen oder zerschellen, sondern steht damit auch dicht zum Scheiterhaufen. Während dem englischen Scheitern ein Mangel an Erfolg beiwohnt, zerschellt ein Scheiterer im Deutschen und findet sich in der Nähe zum Scheiterhaufen wider. Dabei ist Scheitern doch gar nicht gleich Scheitern.

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Wie man sonst mit dem Scheitern umgehen kann

Beim Umgang mit dem Scheitern erscheint es mir sinnvoll, auch Abstufungen von Scheitern vorzusehen. Es gibt Fehler, die im Alltag passieren können und aus denen man lernt und es gibt das richtig kategorische Scheitern, das manchmal schlicht auf Unfähigkeit zurückzuführen ist. Besonders ärgerlich ist es, wenn derselbe Fehler mehrfach gemacht wird. Wenn vom Scheitern gesprochen wird, gilt es also abzugrenzen, dass es gutes und schlechtes Scheitern gibt – nicht jedes Scheitern ist per se schlecht. Das ist zwar nur grob, aber Scheitern mit Lerneffekt ist zielführend, Scheitern aus Unfähigkeit hingegen zu vermeiden.

Vielen ist es wohl zuwider, sich das Begehen eines Fehlers einzugestehen. Doch so wie sich auch Obama „Change“ für seinen zweiten Wahlkampf auf die Fahne schrieb, lässt sich mit Veränderung besser umgehen. Wer sich mit Fehlern nicht brüsten kann, soll sich eben mit Veränderung hervortun (Zitat vom Leadership-Freak: „Celebrate adaptation, if you can’t, celebrate failure directly. ‚We changed.’“). Ganz anschaulich haben das ja im vergangenen Jahr die 6Wunderkinder getan, die dabei gleich ihre Fehler mit erklärten.

Daneben scheint es eine typisch deutsche Eigenschaft zu sein, im Falle eines Scheiterns einen Verantwortlichen zu suchen. Aus Fehlern wird in Deutschland nicht gelernt, aus Fehlern wird ein Schuldiger identifiziert, mit dessen Enttarnung dann der Gerechtigkeit genüge getan wurde. Dass damit in der Regel niemandem geholfen ist, erklärt sich derweil wohl von selbst. Fehlersuche ist sinnvoll, sollte dann aber in eine gezielte Strukturänderung überführt werden, nicht in eine Schuldzuweisung.

Überhaupt neigen wir Deutschen ja zum Nörgeln. Bei uns ist das Glas nicht halb voll oder halb leer, uns stört, dass das Glas nicht richtig abgespült wurde. Da mich die typisch deutsche Nörgelkultur, die sich insbesondere auch in den Kommentaren bei uns gerne mal bemerkbar macht, nervt, hier ein paar Inspirationen zum Abschluss. Bitrebels hat einige interessante Geschichten erfolgreicher Berühmtheiten aufbereitet, die sich ihren Erfolg über zahlreiche Niederlagen erarbeiten mussten.

Etwa Stephen King, dessen Manuskript für „Carrie“ 30 mal abgelehnt wurde, bevor er es wegwarf und von seiner Frau doch zu einer Publikation überzeugt wurde. Oder KFC-Gründer Colonel Sanders, der im Alter von 64 Jahren mit seinem Hähnchen-Rezept hausieren ging und sage und schreibe 1.005 (!) mal abgelehnt wurde, bevor ein Restaurant sein Rezept nutzte. Ansonsten bietet „The Secret of Success is Not a Secret: Stories of Famous People Who Persevered“ gleich eine ganze Reihe an berühmten Persönlichkeiten, die sich ihren Erfolg hart erarbeiten mussten.

Bildmaterial: Nailia Schwarz – Fotolia.com