Am liebsten spricht Eric Schmidt mit Kollegen aus dem wissenschaftlichen Bereich.

Das ist der richtige Platz für einen Mann wie Eric Schmidt. Das proppevolle Audimax der Technischen Universität in Berlin. Im wissenschaftlichen Umfeld fühlt sich der Doktor der Informatik und Executive Chairman von Alphabet wohl und verstanden. Vor seinem lockeren Gespräch mit Professor Volker Markl über Google und die Digitalisierung in den USA und Europa durfte er sich noch schnell ein Video über die Aktivitäten der Universität und zwei Startups anschauen, die an der TU entstanden sind. Sicoya-CEO Sven Otte erzählt von seinen Photonic Chips – und sein Vortrag gerät zum Pitch. Eine Firma wie Google sollte doch eigentlich Interesse an der neuen Technik für Datenspeicherung haben. Dann folgt Panono-Gründer Jonas Pfeil mit seiner 360-Grad-Kamera.

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Danach darf Schmidt auf die Bühne und dass dieser Mann ein messerscharfer Denker und Optimist ist, merkt man sofort. Digitale Technik ist ein Hoffnungswert für die Menschheit, sagt er: „Das Internet gibt zwei Milliarden Menschen völlig neue Möglichkeiten.“ Diese Tonlage pflegt auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg – zuletzt in einem Brief an seine gerade geborene Tochter Max. Das überragende Thema der kommenden Jahre ist laut Schmidt Machine Learning. Also die Entwicklung von Maschinen und Computern, die selbstständig lernen können. Schmidt: „Wir werden dem Computer in Zukunft keine Fragen mehr stellen müssen, weil er gelernt hat, was wir fragen werden. Es beginnt gerade etwas ganz Großes.“ Schmidt vertraut den Maschinen. Computer seien in vielen Dingen einfach besser und schneller als Menschen. Zum Beispiel könnten sie besser Autofahren.

„Im Jahr sterben weltweit 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Das können wir nicht hinnehmen.“

Auch in Deutschland werden laut Schmidt ganz viele kleine Softwareunternehmen entstehen, die in vielen Bereichen unser Leben einfacher und besser machen werden. Zum Beispiel in der Medizin, Verwaltung und im Sicherheitsbereich. Die Bewegung werde nicht von den großen Firmen ausgehen. Und genau hier liegen laut Schmidt die Chancen kleiner, smarter Startups. Das Thema selbstfahrende Elektroautos ist für den Alphabet-CEO schon fast erledigt. „Im Jahr sterben weltweit 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Das können wir nicht hinnehmen.“ Selbstfahrende Elektroautos würden schon auf Teststrecken funktionieren, jetzt sollte das Konzept in einer Stadt ausprobiert werden. Die Durchdringung des Marktes sei nur eine Frage der Zeit.

Für Studenten, die ein Startup gründen wollen, hat Schmidt auch ein paar Ratschläge zur Hand. Ein Marketing- oder Wirtschafts-Studium sei verschwendete Zeit. „Es zählt nur ein unglaubliches Produkt. Techniker und Designer müssen fantastisch sein. Und im Moment, wo es funktioniert, muss es blitzschnell globalisiert werden.“ Blitz-Scaling nennt Schmidt das nach einem Buch von Reid Hoffman, dem LinkedIn-Gründer, das bald erscheinen wird. Uber und Google seien Beispiele für blitzschnelles, globales Wachstum. „Du musst heute sehr schnell sein und eine globale Expansionsstrategie haben.“

„Erst beschweren sich die Deutschen über alles. Und dann machen sie es.“

Mit den Gefahren von Überwachung und künstlicher Intelligenz hält sich Schmidt nicht lange auf. Die Ängste stammten aus Hollywoodfilmen, sagt er knapp. Mit der Realität hätte das alles nichts zu tun. Schmidt: „Wenn man die Menschen fragt, was ein Roboter für sie erledigen sollte, dann ist die häufigste Antwort, dass sie einfach mal die Küche aufräumen könnten. Aber ausgerechnet das ist eine der schwierigsten Aufgaben für eine Maschine.“ Von möglichen Gefahren sind wir nach seiner Lesart noch weit entfernt. Auch wenn es um Jobverlust durch Maschinen geht, ist Schmidt optimistisch: „Schon die erste Automatisierungswelle hat gezeigt, dass zwar viele Menschen zunächst ihre Jobs verlieren, aber anschließend oft bessere Stellen finden, die sogar besser bezahlt sind.“

Berlin kann in den Augen des Alphabet-CEO das Zentrum der Digitalisierung in Europa sein. Seine Firma unterstützt die deutsche Hauptstadt mit Investitionen. Schmidt: „Berlin hat eine gute Coffee-Scene. Es fehlen allerdings die großen Firmen.“ Zu der Skepsis vieler Deutscher in Sachen Digitalisierung sagt Schmidt: „Die Lage in Deutschland hat sich schnell geändert. Erst beschweren sich die Deutschen über alles. Immer wieder Beschwerden. Und dann machen sie es. Deutschland wird einen großen Einfluss auf die Softwareindustrie haben.“

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