Jan, Patrick und Sven (von links) – die Macher von „Heute in Hamburg“ vor dem Fernsehturm

Es sagt sich leicht dahin. Fehlerkultur. Scheitern. Kurskorrektur. Doch in Wirklichkeit ist das oft ein schmerzhafter Prozess für ein junges Unternehmen. Die Macher des Hamburger Startups SessionLine haben das leidvoll erfahren. Auf halber Strecke haben sie dann das Ruder herumgeworfen und durch einen entschlossenen Wechsel der Strategie, ihrer Firma neue Perspektiven und eine Überlebenschance erarbeitet. Auf ihrem Blog berichtet Mitgründer Jan Becker wie aus SessionLine schließlich „Heute in Hamburg“ wurde. Und was er und seine Kollegen aus der Gründungsphase gelernt haben.

Anzeige
Ende 2010 kamen Jan und sein Mitstreiter Patrick auf die Idee für SessionLine. Sie wollten eine Plattform schaffen, auf der User ihre Freizeitaktivitäten teilen und ihrer Umgebung davon berichten können. Auslöser war eine Reise von Patrick, der gerade eine Backpacking-Tour in Australien hinter sich hatte. Der Name SessionLine war schnell gefunden – eine unglückliche Wahl, wie sich aber erst später herausstellte. Die beiden machten sich optimistisch auf die Suche nach einem CTO. Aber einer Feier trafen sie Sven – ein begeisterter Programmierer. Die drei kannten sich bereits von gemeinsamen LAN-Partys.

Gemeinsam machte sich das Team an die Arbeit und der erste Prototyp für eine Webplattform nahm schnell Gestalt an. Die Testphasen – zunächst unter Freunden und später öffentlich – machten Mut und wenig später entstand die SessionLine UG. „Eine geniale Zeit“, schreibt Jan im Blog. Beim Pitch im Social Impact Lab gewannen die jungen Gründer ein achtmonatiges Stipendium und profitierten vom Coaching und direktem Feedback von Experten. Alles lief eigentlich nach Plan.

Im April 2014 gab es dann endlich die Apps im neuen Design. Der erste Relaunch war ein Erfolg und die Nutzerzahlen stiegen. Auch die Medien waren begeistert. Nur die Geldgeber übten sich in Zurückhaltung. Jan: „Wir merkten schnell, dass das Thema Social Discovery auf Investorenseite nicht sehr gut ankommt.“ Doch ohne Geldgeber kein Marketing. Und ohne Marketing keine neuen Nutzer. Was tun? Die Gründer entschieden sich für eine eigene Werbekampagne. Es entstand ein Blog, auf dem täglich zu lesen war, was man in Hamburg unternehmen kann. Und dann passierte etwas, das die Gründer nicht erwartet hatten.

Der Blog „Heute in Hamburg“ war ein voller Erfolg. Nach nur zwei Wochen hatten er 10.000 Fans auf Facebook. Schnell entstand ein Newsletter und weitere Social-Kanäle wurden bespielt. Und plötzlich wurde aus der Kampagne das neue Projekt. Jan: „Das Feedback auf unsere Aktion war genial und wir merkten, dass wir einen Nerv getroffen hatten. Wir entschlossen uns, uns auf ,Heute in Hamburg‘ zu fokussieren.“

Anzeige
Erneut wurde eine App entwickelt. Jan schreibt: „Um den Jahreswechsel 2014/2015 herum war es soweit, dass wir im Monat mehr als 600.000 Personen in und um Hamburg über alle unsere Kanäle erreichen konnten. Eine mobile Nutzungsrate von 60 bis 70 Prozent verdeutlichte schon zu diesem Zeitpunkt das Potenzial für eine App!“ Ab heute ist die App für iOS und Android in den Stores downloadbar. Das bedeutet auch das endgültige Aus für SessionLine. Das Fazit der Macher: „Wir haben gelernt, dass man ohne große Werbebudgets kein erklärungsbedürftiges Produkt groß rausbringen kann. Der Name SessionLine war nicht selbsterklärend genug. Mit ,Heute in Hamburg‘ haben wir es geschafft, einen Namen zu wählen, der keine große Erklärung benötigt. Wir würden wieder gründen und es gibt nichts Wichtigeres, als sich seine Fehler bewusst zu machen und aus ihnen zu lernen.“


Die wichtigsten Startup-Köpfe Hamburgs:

Zur Galerie

Philipp Westermeyer. B2B-Online-Marketing ist eine erfolgsversprechende Branche, aber nicht gerade sexy. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - lässt Westermeyer sich immer wieder etwas einfallen, um die Aufmerksamkeit auf sich und seine Firmen zu lenken. Neuester Coup: Onlinemarketing Rockstars Daily, ein etwas anderes Branchenmedium.

Bild: Collins / Katja Scherer für Gründerszene
Foto:  Clemens Clusen