Ting Wong, einer der beiden Köpfe hinter Fruit Salad Tonight

„Wenn man jung ist und zusammen reist, kommt man wohl früher oder später an den Punkt, dass man auch über intimere Dinge, Ex-Beziehungen und so weiter spricht“, sagt Dominic Bräunlein. In Cali, Kolumbien, lernte der Deutsche beim Backpacken die Kanadierin Ting Wong kennen. Sie freundeten sich an und taten dann genau das: Sie sprachen darüber, wie man in längeren Beziehungen vermeiden kann, dass Sex zur Routine wird. Und auf einmal war da die Idee, eine App dagegen zu bauen: eine Sexspiel-App.

Wong arbeitete zuvor im Marketing und hatte Lust auf ein Projekt, für das sie selbst Inhalte und Grafik entwickeln konnte. Bräunlein ist Entwickler mit Startup-Erfahrung: Er studierte in Potsdam am Hasso-Plattner-Institut und gründete mit Freunden eine Softwarefirma. Noch in Kolumbien machten sich die beiden Weltenbummler an die Entwicklung der App, arbeiteten an verlassenen Sandstränden und in winzigen Appartments.

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Die App sollte für erwachsene Pärchen geeignet sein und weder billig noch vulgär daherkommen. Deshalb orientierten sich die beiden Macher bei Namen und Design an etwas eher Harmlosem: Obst.

„Wir haben als Namen für die App Fruit Salad Tonight gewählt, während wir sie entwickelt haben“, erklärt Wong. „Wir wollten niedliche Charaktere, von denen sich keiner eingeschüchtert fühlen soll – und haben uns überlegt, Obst wäre eine gute Lösung.“

Der männliche Part in der App wird von einer Banane dargestellt – eine Anspielung, die man auch hierzulande problemlos versteht. Das Symbol für den weiblichen Part ist eine Papaya – vielleicht nicht ganz so offensichtlich. Allerdings ist „Papaya“ in Kuba ein Wort für die weiblichen Genitalien. „Die Darstellungen sollen zwar ganz klar sexuelle Inhalte transportieren, aber eben nicht obszön daherkommen“, sagt Wong.

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So sehen die Charaktere des Spiels aus.

Am Valentinstag 2015 launchten Bräunlein und Wong Fruit Salad Tonight im App-Store und bei Google Play, in Englisch und auf Deutsch. Die Zielgruppe der App seien „Leute, die in einer Beziehung sind“, sagt Bräunlein. Er betont: „Wir wollen keine jungen und unerfahrenen Menschen ansprechen, sondern Leute, die mindestens in ihren Zwanzigern und darüber sind.“ Vor allem Frauen sollte das Spiel gefallen.

Für die Inhalte der App erstellten die beiden eine Themenliste, sprachen mit befreundeten Pärchen und recherchierten außerdem viel in Blogs und Online-Communitys. „Es gab ziemlich viel, von dem ich keine Ahnung hatte – von dem ich gar nicht wusste, dass es da draußen existiert“, erzählt Wong und lacht.

Dominic Bräunlein, Entwickler und zweiter Kopf hinter Fruit Salad Tonight

Das Ergebnis der Recherche sind 195 Aufgaben in sechs Kategorien – von „Basis I“ über „Rollenspiele“ bis zu „BDSM Soft“. Um außerdem jeder denkbaren Gemütslage eines Paares gerecht zu werden, verfügt das Spiel über drei verschiedene Stufen: Verführung, Vorspiel und Sex. Der Anspruch der Macher: Die Nutzer sollen durch die spielerische Aufmachung Lust zum Ausprobieren bekommen, sich aber zu nichts gezwungen fühlen.

Das Konzept des Spiels ist schnell erklärt: Die beiden Partner wählen abwechselnd Aufgaben aus und absolvieren diese. Je „schwieriger“ die Aufgabe, umso mehr Punkte gibt es für den jeweiligen Spieler.

Zensur bei Google Play

Selbstredend, dass die App nicht ohne Bilder expliziter Stellungen auskommt. Und tatsächlich hatten die beiden Macher bereits Probleme mit der Zensur: Kurz nach dem Launch wurde Fruit Salad Tonight bei Google Play gesperrt, weil es die Richtlinien verletzt haben sollte. „Das hat uns wirklich gewundert“, sagt Bräunlein. „Wir hatten eher damit gerechnet, dass Apple restriktiver ist – aber für die war alles in Ordnung.“ Von Google hingegen wurden die beiden Entwickler aufgefordert, einige der Positionsbilder aus dem Store zu entfernen.

„Letztlich gibt es bei den Bildern keine komplette Nacktheit – man sieht nicht einmal eine Brustwarze!“, ärgert sich Bräunlein. Trotzdem mussten sie die entsprechenden Darstellungen entfernen. Die Fruit-Salat-Tonight-Entwickler vermuten, dass der Review-Prozess von Computern und nicht von Menschen durchgeführt werde – weswegen es auch keine Rückmeldung gegeben habe, was sie konkret ändern müssten. „Google gibt uns momentan keine Möglichkeit darüber weiter zu verhandeln“, so Bräunlein.

Auch die Auswahl der Kategorien kommt eher spielerisch als verrucht daher.

Trotzdem sind die beiden Gründer sehr zufrieden mit ihren Download-Zahlen. Aktuell liegen diese nach eigenen Angaben bei 30.000, monatlich kämen rund 10.000 Downloads hinzu. „Unsere Conversion Rate ist recht hoch, wir haben also ein gutes Gefühl, dass es in eine gute Richtung geht“, erzählt Wong. Konkrete Zahlen dazu wollen die beiden nicht verraten, die meisten Nutzer würden neben dem kostenlosen Basis-Paket jedoch tatsächlich das komplette Bundle für fünf Euro kaufen.

Nicht schlecht angesichts der Tatsache, dass Wong und Bräunlein ihr Produkt komplett gebootstrappt haben. Vor über einem Jahr fingen sie mit dem Projekt an, gut sechs Monate brauchten sie für Recherche, Inhalterstellung und Entwicklung. Sie finanzierten sich währenddessen vor allem durch Erspartes.

Über Wettbewerber machen sie sich wenig Gedanken. „Ungefähr zehn Minuten, nachdem wir die Idee hatten, war das Erste, das ich gemacht habe, in den App-Stores zu schauen, was es überhaupt gibt und wer unsere Wettbewerber sein könnten“, so Bräunlein. Und sie erkannten schnell, wie groß der Markt ist. „Natürlich gibt es in dem Bereich schon ein paar Apps“, sagt Wong. „Aber viele davon wirken ziemlich billig, es gibt nur sehr wenige hochqualitative Anwendungen.“

Weitere Version in Planung

Mit der Qualität ihrer App sind Wong und Bräunlein zufrieden, bei Google Play erreicht Fruit Salad Tonight eine Bewertung von 3,7 von 5 möglichen Punkten. Im App-Store von Apple gibt es aktuell noch zu wenige Bewertungen für eine Durchschnittsnote, in Einzelrückmeldungen wird hier aber überwiegend die Höchstpunktzahl vergeben.

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Die beiden Macher wollen die App, die sich aktuell ausschließlich an Hetero-Paare richtet, noch erweitern. Von den Nutzern gibt es viele Anfragen nach einer LGBT-Version (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). „Das halten wir für eine gute und coole Idee – und es wäre nur fair“, findet Bräunlein.

Er und Wong seien hetero, daher sei die Erweitung nicht auf die Schnelle realisierbar. „Wir müssten da auf externe Expertise zurückgreifen. Wir wollen ja nicht einfach unsere jetzige App auf LGBT transportieren, sondern etwas Zielgruppengerechtes für die Leute machen, das sie auch wirklich anspricht.“

Neben Feedback zur App und Anregungen für zusätzliche Features bekommen die beiden Entwickler von den Nutzern auch immer wieder eine bestimmte Frage gestellt: Sind sie ein Paar? Die beiden verneinen: Ting Wong befindet sich derzeit in einer festen Beziehung, Dominic Bräunlein ist Single. Die beiden sind einfach nur sehr gute Freunde.

Bilder: Campana Studios Inc./ Fruit Salad Tonight