Scoyo-Logo

Dass es die Internet-Projekte großer Konzerne nicht immer zu großem Erfolg bringen, konnte man ja zuletzt auch an den Berichten zu der von web.de ins Leben gerufenen Community unddu.de sehen. Oft denken Konzerne scheinbar zu stark in den Bahnen veralteter Offline-Ansätze und fassen so nicht richtig Fuß im Internet. Mit zu hohen Kosten und Strategien, die den bisherigen Geschäftsfeldern eher entsprechen als dem neuen Internetsegment, geht man an den Start und übernimmt sich.

Ein Gegenbeispiel oder aber eine weitere Bestätigung könnte hier  www.Scoyo.de sein. Die Online-Lernplattform für Kinder der Klassen eins bis sieben aus dem Hause Bertelsmann scheint derzeit rapide zu wachsen und verschlingt dementsprechend hohe Kosten. Laut XING hat das Hamburger Unternehmen bereits 59 Mitarbeiter und viele davon auf Senior-Level. Tendenz steigend. Überraschenderweise ist es um das schnell wachsende Portal aus journalistischer Sicht bisher jedoch recht still geblieben. Branchenexperten schätzen, dass bis zu 20 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen sein könnten. Da sich über die Finanzen ausgeschwiegen wird, konnte dies durch Gründerszene nicht bestätigt werden. Realistischerweise darf man aber wohl von Summen im deutlich zweistelligen Millionen-Bereich ausgehen. Ferner ist die Unterstützung verschiedener Agenturen und viel Aufwand durch ein großes Team in die Plattform geflossen.

Wie funktioniert Scoyo?

Es handelt sich bei Scoyo weniger um eine reine E-Learning-Plattform, sondern vielmehr um Edutainment, was als CD-ROM-Anwendungen bereits in einem recht großen Markt zur Verfügung steht, aber eben nicht komplett webbasiert. Die Plattform des Branchenriesen möchte Kinder bei dem abholen, was ihnen Spaß macht und mit Charakteren wie Mangas oder Monstern den Spaß und den Nutzen am Lernen verbinden. Scoyo soll als DIE Bildungsmarke im Netz positioniert werden, wofür man auch einen reinen Phantasienamen wählte, der international nicht negativ belastet ist.

Dies soll durch einen an offiziellen Inhalten ausgerichteten Lehrstoff qualitativ gesichert werden: „Es gibt ein gewisses General-Kurrikulum, das in 80 Prozent der Bundesländer Verwendung findet und auch bei Scoyo eingesetzt wird. Und dann gibt es wiederum individuell an den Klassenstufen ausgerichtete Inhalte, das heißt die Lehrstoffe sind an die Lehrpläne der Bundesländer angepasst“, erklärt Scoyo-CEO Ralf Schremper. Mit Biologie, Chemie, Deutsch, Englisch,  Kunst, Mathematik und Physik werden sieben Fächer angeboten. Durch über 4.000 Lerngeschichten (Dauer jeweils etwa bis zu 15 Minuten), Übungen und Tests mit Comic-Charakteren werden diese vermittelt.

Inhaltlich ist Scoyo zumindest sehr ansprechend. Die Gründerszene-Redaktion testete www.scoyo.de und optisch wie auch akustisch überzeugte die Lern-Plattform. Zwar stürzte das Flash-Plugin nach fünf Minuten ab, doch kann das auch gut an der Auslastung des Rechners liegen. Wenn man eine Geschichte unterbrochen hat, lässt es sich auch leicht wieder zu späteren Kapiteln springen. Sehr überzeugend war die gute Synchronisation und die Kreativität der Geschichten bei akzeptablen Ladezeiten. Fazit: Die hohen Summen, die derzeit in das Portal fließen machen sich zumindest inhaltlich positiv bemerkbar.

Scoyo-Screenshot

Wie performt Scoyo in welchem Markt?

Scoyo geht in einen Markt, der bisher von Playern wie www.Panfu.de oder den Nintendo-Projekten bevölkert wird. Ansätze wie die von Scoyo oder www.Panfu.de bedienen insofern den Markt besorgter Eltern, deren schlechtes Gewissen durch Lernprogramme mit spielerischem Charakter beruhigt werden. So gibt es bei Scoyo einen eigenen Zugang für Eltern, mit dem diese die Entwicklung ihrer Kinder überschauen können. Dennoch wolle man nicht das schlechte Gewissen befördern, sondern die Notwendigkeit von Nachhilfe und Co verringern. Vor allem musste man dafür ein maximales Maß an Sicherheit gewähren, weshalb der TÜV das Portal zertifiziert (was ebenfalls hohe Kosten aufwirft). Daher gibt es auch keine Interaktion mit anderen Spielern, um die Kinder nicht dem Risiko von Missbräuchen auszusetzen.

Und während Panfu angibt, seit Anfang des Jahres rentabel zu sein, behält man bei Scoyo die Nutzer- und Umsatzzahlen für sich. Man sei zufrieden mit der Entwicklung der Plattform und müsse jetzt die Ergebnisse erst einmal einzuschätzen lernen, heißt es nur. Insofern die Plattform erst Anfang diesen Jahres gestartet ist, mag man die Zurückhaltung vielleicht auch ein wenig verstehen. Derzeit erfolgt die Finanzierung ausschließlich über Abos: Eltern müssen zwischen 9,99 Euro und 19,90 Euro zahlen, je nachdem für welche Laufzeit sie sich entscheiden. Dafür gibt es keine Werbung, weil man keine Ablenkung und keine Konsumanregungen geben möchte, sondern nur „verantwortlich Bildungsangebote liefern“.

Über die Erfolge im Lernprozess spricht man dafür umso lauter: Viele Pre-Tests würden zeigen, dass es Kindern Spaß macht, mit Scoyo zu lernen und eine Studie der Universität Duisburg-Essen durch Michael Keres belegt nach dem Testen von 800 Kindern, das diejenigen Schüler, die mit Scoyo lernen, im Schnitt 64 Prozent mehr wissen und in der Spitze 120 Prozent bessere Leistungen erzielen würden. Selbst für Fans des Webs hört sich dies eigentlich zu gut an, selbst wenn Kinder lieber lernen, wenn sie Spaß haben.

Quo Vadis Scoyo? Cashburner oder Konzernerfolg?

Bei so immens hohen Initial-Kosten wird es spannend sein, wie sich Scoyo weiter entwickelt. Schließlich zählt es derzeit zu den wichtigsten Medienprodukten bei Bertelsmann, ist doch auch ein großer Aufwand hinein geflossen. Bertelsmann wurde bisher bei Projekten wie Bol.com, Audible, Bloomstreet und Napster mit zum Teil durchwachsenem Erfolg im Online-Segment aktiv. Daher wird es bei der ersten größeren Eigengründung im Onlinebereich für den Konzenriesen wichtig sein,  erfolgreich zu starten. Aber lässt sich dies mit so hohen Kosten dauerhaft gewährleisten?

Und auch CEO Ralf Schremper kann sich nach seiner Tätigkeit im Corporate Development so seine operativen Sporen verdienen und sich damit als Vorstand empfehlen. Der passionierte Geschäftsführer leitet die Geschicke des Portals und legte einen starken Fokus auf den nachhaltigen Aufbau: Zweieinhalb Jahre entwickelte man am Format und zog Medien- und Fachdidaktiker ebenso zu Rate wie Lehrer und Drehbuchautoren für die Geschichten. Im Marketing setzte man intensiv auf SEO, SEM, Bannering, Social Media sowie das klassische Marketing via Print und TV-Spots. Nochmal zur Erinnerung: Kosten, Kosten, Kosten. Wobei man zugestehen muss, dass sich diese auch in einem attraktiven Produkt wiederfinden lassen. Aber rechtfertigt die Größe des Marktes solche Ausgaben dauerhaft?

Viele Lehrer stören sich an Geld verdienenden Unternehmen, andere sind schon überzeugt und setzen Scoyo als Tool im Unterricht ein. Viele Eltern sind hingegen bereit, ihren Kindern das Internet gemeinsam nahe zu bringen, sind gleichzeitig aber sehr vorsichtig, was das Internet angeht, zumal es ihnen noch an Medienerfahrung mangelt. Gründerszene ist sehr gespannt, wie sich www.scoyo.de noch entwickelt. Und bisher wirkt das Portal ziemlich erfolgreich… Oder was denken die Leser?