Silicon Valley

Erfahrungen aus dem Silicon Valley

Mit seiner Plattform Tame will das Berliner Startup Tazaldoo zum „Google für Twitter“ werden – sprich: eine Suchmaschine für den unübersichtlichen Twitter-Stream. Um Geldgeber für dieses Vorhaben zu finden, reiste das Team ins Silicon Valley. Mitgründer Frederik Fischer gibt Tipps, um den Valley-Erstkontakt frustrationsärmer zu gestalten. Und er räumt mit einigen Mythen auf.

Mythos 1: Es ist leichter, dort Investoren zu finden

Gröbster Fehler: Tatsächlich ist es nahezu ausgeschlossen als deutsches Startup Investoren im Silicon Valley zu finden. Der Grund: Der amerikanische Markt ist übersättigt. Investoren bekommen täglich dutzende Pitchdecks auf den Tisch. Die Konsequenz: Rabiate Vorauswahl. Ausländische Startups landen direkt im digitalen Papierkorb. Man kann es den Investoren nicht verdenken: Warum sollten sie sich den Mehraufwand machen und sich mit deutschem Unternehmensrecht herumschlagen, wenn es mehr als genug US-Startups gibt, deren rechtliche Rahmenbedingungen und Vertragswert sie bestens verstehen? Investoren scheuen einfach das Risiko und in ein Startup zu investieren, dass auf einem anderen Kontinent sitzt, wo Gesetze gelten, die man nicht versteht, birgt enormes Risikopotenzial.

Hinzu kommt: Das Valley-Ökosystem basiert fast ausschließlich auf persönlichen Kontakten. So erklärt sich auch, warum viele scheinbar abstruse Ideen ohne Problem Funding bekommen, während viele aussichtsreiche und wirklich innovative Startups von Erstgründern vertrocknen. Wer es einmal geschafft hat, sein Startup erfolgreich zu verkaufen, für den ist es in der Regel kein Problem das Funding für das nächste Projekt zu sichern – egal wie verrückt die Idee klingt . Der Erfolg von Blogger ermöglichte Twitter, Twitter wiederum ermöglichte Jelly. Die Investoren gehen mit der Situation ganz offen um. Sie geben zu, dass niemand den Erfolg von Startups vorhersagen kann. Ihr wichtigstes Kriterium für die Prognose der Startup-Stars von morgen ist die Beteiligung von Startup-Stars von gestern. Wichtiges Stichwort hier: Advisory Boards! Wer es schafft namhafte Gründer oder Investoren in sein Advisory Board zu bekommen (was durchaus realistisch ist da sich der Aufwand für die Mentoren in Grenzen hält) hat schon mal deutlich bessere Karten.

Mythos 2: Ein Besuch im Valley ist ein Besuch in der Zukunft.

Oft zitiert aber immer noch gut: „The future is already here — it’s just not very evenly distributed.“ Wäre der weise Spruch von William Gibson ein Buchtitel, sollte Downtown San Francisco das Cover schmücken. Von den Tech-Boom-Gewinnern wird die Gegend rund um das Rathaus zynisch „Zombieland“ genannt. Und tatsächlich: Hunderte Obdachlose wanken hier sediert im bestenfalls halbbewussten Zustand durch die Straßen. San Francisco hat eine der höchsten Obdachlosenquoten in ganz Amerika. Jeder hundertste Bewohner hat keine permanente Bleibe.

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Ganz anders ein paar Kilometer südlich im Herzen des Silicon Valley. Hier könnte man einen Meter Asphalt lecken und die Zunge bliebe trotzdem keimfrei. Nach Zukunft sehen die Valley-Städtchen dennoch nicht aus. Die Ansammlung von Reihenhäusern und lieblosen Bürogebäuden ist ungefähr so glamourös wie das Stadtzentrum von Alt-Faltenborstel. Nicht anders verhält es sich mit der Infrastruktur: Obwohl das Bay Area Rapid Transport System (BART) für amerikanische Verhältnisse durchaus gut funktioniert rümpft bei Wartezeiten von 20 Minuten jeder Berliner empört die Nase.

Mythos 3: Bei Präsentationen kommt es nur aufs Storytelling an.

Dem DIN-Deutschen verfügt über nur geringen Unterhaltungswert in der freien Rede – das wissen wir alle spätestens nach der ersten Vorlesung. Anders in Amerika: Schon in der Grundschule lernen Kinder hier wie man Geschichten erzählt. Ganz wichtig: Immer schön bei persönlichen Erfahrungen beginnen. Auch die trivialste App wird hier noch mit einer Lebens- und Leidengeschichte emotional aufgeladen als wäre die Entwicklung ein niemals endendes Erweckungserlebnis. Das mag manchmal die Grenze zur Realsatire überschreiten, unterhaltsamer sind Präsentationen „American Style“ aber allemal. Leicht überhört man daher auch wie geschickt die Vortragenden relevante KPIs in ihre Präsentation einfließen lassen. Unnötig zu erwähnen, dass die Zahlen der meisten deutschen Startups hier niemanden interessieren. Der amerikanische Markt ist einfach ungleich viel größer und dynamischer und das schlägt sich natürlich auf die Erwartungshaltung bzgl. Wachstum und Nutzerzahlen nieder. Grobe Zielmarke – zumindest im B2C-Bereich: 100.000 aktive Nutzer in den ersten drei Monaten. Im B2B-Bereich können bereits 5-10 namhafte zahlende Kunden reichen.

Mein persönliches Fazit:

Das Valley ist ein faszinierender Ort und hält mit seinen Verhaltensregeln nicht hinterm Berg. Man versteht sehr schnell, wie das Ökosystem funktioniert. Wer einen langen Atem mitbringt und sich im Netzwerken, Vermarkten und Coden mit den besten der Welt messen kann, hat hier durchaus größere Chancen als irgendwo sonst auf der Welt. Wer diesen langen Atem jedoch nicht mitbringt, läuft stark Gefahr im Valley unnötig Zeit zu verschwenden. Denn in einigen wenigen Wochen oder Monaten belastbare Kontakte oder gar Investoren zu finden ist so aussichtsreich wie Gummizellen.

Valley-Videos

Die Reise ins Silicon Valley hielt Tame-Gründer Frederik Fischer in der ersten Selfie-Doku für Arte fest.

Aufbruch nach San Francisco

 

Führung durch die Twitter-Büros

Treffen mit German Silicon Valley Accelerator

 

Protest vor dem Twitter-Headquarter

Rat vom Experten

 

Auf Investorensuche

Die Investorensuche geht weiter

 

Begegnungen in New York

Good News


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Bild: © panthermedia.net / Keith Bell