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Smart-Home-Technologien im Playmobil-Haus des Braunschweiger Informations- und Technologiezentrums

Megatrend Internet der Dinge

Auf einmal ist er da, der erste große Deal im Smart-Home-Bereich: Google kauft das Startup Nest, welches intelligente Heizungsthermostate und Rauchmelder herstellt, für 3,2 Milliarden US-Dollar. Was seit Jahren oder besser Jahrzehnten irgendwie dahin gedümpelt hat, steht auf einmal im Zentrum der medialen Öffentlichkeit: Das vernetzte Zuhause, das Smart Home, das intelligente Zuhause – Synonyme gibt es viele. Ist es wieder nur ein Hype oder ist es diesmal gekommen, um zu bleiben? Und welche Hürden müssen überhaupt bewältigt werden, damit es endlich zum Durchbruch in den deutschen Haushalten kommen kann?

Wer mit „Smart Home“ noch nichts anfangen kann, dem sagt vielleicht das etwas allgemeiner gehaltene, aktuelle Trendwort „Internet der Dinge“ etwas. Denn letztendlich geht es genau darum: Geräte (Dinge) zu vernetzen und daraus einen Nutzen zu generieren. Beim Smart Home spielt sich dies vorwiegend im eigenen Zuhause ab, wobei die Grenzen fließend sein können, wie die Connected-Car-Konzepte der Automobilhersteller erahnen lassen: Das Auto heizt automatisch vor, angepasst an den Wecker, der sich wiederum am Wetterbericht orientiert. Was vor einigen Jahren noch wie Science Fiction klang, ist heute möglich.

Die technischen Voraussetzungen sind längst gegeben

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Die zu Grunde liegenden Technologien existieren bereits seit Jahren: Funktechnologien wie WLan und Bluetooth kennt jeder und Geräte mit etwas spezielleren und für das Smart Home gemachte Funktechnologie wie Z-Wave, Zigbee oder EnOcean gibt es auch nicht erst seit gestern. Auch bedarf es heute dank Smartphone und Tablet keiner teuren, an die Wand montierten Touchscreen-Panels mehr, um eine komfortable Steuerung zu realisieren. Doch warum kam der große Durchbruch noch nicht?

Die Liste der Probleme, die Smart Home hatte und immer noch hat ist lang. Es fängt bei technischen Fallstricken, wie der mangelnden Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Herstellern und Technologien und dem damit verbundenen Lock-In an. Warum muss man an ohnehin proprietäre Protokolle noch ein Byte dran hängen, um das ganze noch ein wenig inkompatibler zu gestalten?

Kompliziertes Angebot, fragwürdige Vermarktung

Zu beobachten ist auch der Verkauf der gleichen Hardware unter verschiedenen Markennamen. Dies mag erst einmal Umsatz bringen. Das Vertrauen in Smart Home wird durch diese einmaligen Verkaufsaktionen, die ein Nachrüsten oder Erweitern praktisch unmöglich machen, jedoch nicht gefördert. Beim Versandhändler gibt es dann die technisch gleiche Lösung, mit dem gleichen Protokoll und einer größeren Auswahl an Geräten, nur leider – aus Sicht des Kunden – inkompatibel zur vorhandenen Installation. Somit warten viele potentielle Käufer erst einmal ab, um nicht auf das falsche Pferd zu setzen und die durchaus hohe Investition zu bereuen.

Hersteller- oder Technologie-übergreifende Lösungen können hier Abhilfe schaffen und Vertrauen aufbauen. Darauf, dass alle Hersteller sich irgendwann mal auf einen einzigen Standard beziehungsweise ein einziges Protokoll einigen, sollte man mit Blick auf die Vergangenheit lieber nicht wetten.

Die meisten Lösungen sind auch einfach nicht Massenmarkt-tauglich. Für die Installation der Geräte und das Ausrichten an die eigenen Bedürfnisse braucht man teilweise ein hohes technisches Verständnis. Die Usability der Software und das Design der Geräte tun ihr übriges den potenziellen Kunden abzuschrecken. Dabei sind niedrige Einstiegshürden, sowohl in Hinblick auf die Komplexität des Produktes (wie gesagt: „Usability“, „Plug & Play“ und so weiter), als auch in Bezug auf den Preis enorm wichtig und nicht unmöglich zu realisieren.

Auch bei der Vermarktung ist man bisher nur klassische Wege gegangen. Anstatt dem Kunden Lösungen, die an Bedürfnissen ausgerichtet sind, anzubieten, setzt man ihm eine Palette an Geräten vor, die die Frage provozieren: Und was kann ich nun damit machen?

Aber es gibt Licht am Horizont, wie das Beispiel von Nest zeigt. Usability und Design stehen im Fokus und der Kunde weiß, was er von diesem Gerät hat. Mittlerweile hat fast jeder ein Smartphone und viele Haushalte sind im Besitz eines Tablets. Solche Geräte gab es vor wenigen Jahren noch nicht, dabei sind sie ideale „Fernbedienungen“ für alles rund um das Smart Home. Man kann mit diesen Geräten mittlerweile jeden Aspekt des Lebens steuern, warum nicht auch das Zuhause?

Entscheidend ist die Software

Die Möglichkeiten und Chancen, die dieses neue (aber irgendwie doch alte) Feld Smart Home eröffnet, sind sicherlich riesig. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue Produkte, die man dem Internet der Dinge zurechnen kann, vorgestellt werden. Es herrscht eine regelrechte Goldgräber-Stimmung. Kostengünstige und teils offene Standardhardware wie der Raspberry Pi oder der Arduino erlaubt die schnelle Entwicklung von Prototypen oder sogar Produkten. Dies erlaubt eine Konzentration auf den Teil, in dem die eigentliche Innovation liegen muss: die Software.

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Sensoren jeder Art bekommt man für überschaubare Preise, wirklich interessant wird es erst, wenn die unterschiedlichen Sensoren und Aktoren zusammen arbeiten und dem Kunden einen echten Mehrwert bieten. Intelligente Algorithmen und Big Data können hier hilfreich sein.

Dem Datenschutz-theoretisch gut geschulten Deutschen können bei der Kombination der Wörter Big Data und Smart Home durchaus die Nackenhaare zu Berge stehen. Meldungen über Sicherheitslücken befeuern nur die Bedenken und den Gedanken, dass der Nachbarsjunge das Wohnzimmer in eine Sauna verwandelt. Es wird interessant werden zu sehen, ob sich die aktuelle Skepsis auch in entsprechende Kaufentscheidungen (oder „lieber gleich die Finger davon lassen“) niederschlägt oder ob am Ende ein gutes Produkt eines US-Unternehmens mit Cloud-Zwang Erfolg haben wird.

Chancen für Startups

Die großen der Branche hierzulande sind auch nicht ganz untätig. Große Energie- und Telekommunikationskonzerne wie die Telekom haben bereits Lösungen auf dem Markt oder angekündigt und es wird wohl nicht lange dauern, bis die Konkurrenten nachziehen. Dies bedeutet für Startups enorme Chancen, zum Beispiel als Technologielieferant. Denn alles was man bisher von den Großen sieht, macht den Anschein, als hätte man Altes einfach nur neu verpackt, ohne Innovation oder größere Vision. Doch diese sind dringend nötig, damit Smart Home endgültig aus der Nische herauskommt.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von wissenschaftsjahr