Freya Oehle hat mit 23 Jahren das Startup Spottster gegründet

Am Montagabend betritt Freya Oehle beim Victress-Award die beleuchtete Bühne und strahlt über das ganze Gesicht. Sie ist eine von sechs Gewinnerinnen, die in diesem Jahr den Preis, der beeindruckende Frauen in Führungspositionen auszeichnet, bekommt. Gewonnen hat sie in der Kategorie „Digital“. Oehle plaudert sofort ins Mikrofon: Sie habe keine Rede vorbereitet und eigentlich wisse sie gar nicht, warum sie diesen Preis überhaupt bekomme, gibt sie lachend zu. Viele Zuschauer müssen schmunzeln. Denn schon in der vorhergegangenen Laudatio ist ihnen deutlich gemacht worden, dass Freya Oehle sicherlich keine gewöhnliche 25-Jährige ist: Sie schloss die Schule mit einem Einserabitur ab, studierte an den renommiertesten Universitäten, engagiert sich in Verbänden – und gründete mit nur 23 Jahren ihr erstes Startup namens Spottster in Hamburg.

Einige Minuten dauert die Dankesrede von Oehle am Montag, über ihr Unternehmen redet sie dabei kaum. Was macht Spottster also genau?

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Ein Video auf der Webseite des Startups erklärt das Konzept: Mit Spottster können Nutzer die Online-Preisentwicklungen von Produkten beobachten, die sie gerne kaufen wollen. Dafür können sie eine Liste mit den Wunschobjekten anlegen und diese sortieren. Wenn der Preis eines ausgewählten Produktes sinkt, benachrichtigt Spottster seine Nutzer.

Ein Kontakt zu Freya Oehle findet sich auf der Website allerdings nicht. Gut, dass in der Hamburger-Startupszene jeder jeden kennt – von einer gut verdrahteten Hamburgerin bekommen wir ihre Mail-Adressen. Als wir Freya Oehle erreichen, muss sie lachen: „Tatsächlich können sich die Leute häufig an Spottster erinnern, weil wir aus Hamburg kommen. Für uns ist es also ein Vorteil, dass wir nicht in Berlin sitzen.“ Eigentlich kommt Oehle aus Herzebrock-Clarholz bei Gütersloh. Durch verschiedene Praktika, beispielsweise bei der Unternehmensberatung McKinsey, ist sie aber in Hamburg gut vernetzt. Außerdem wollte ihr Mitgründer und Schulfreund Tobias Kempkensteffen lieber in Hamburg bleiben.

Freya Oehle und Mitgründer Tobias Kempkensteffen

Die Idee für Spottster kam Freya Oehle 2012 während ihres Studiums an der WHU. In dem beschaulichen Unistädtchen Vallendar studierte sie in einem Semester mit KitchenStories-Gründerin Mengting Gao und den drei Gründern von Barzahlen. Mit einem der Barzahlen-Gründer, Achim Bönsch, teilte sie sogar ihre Wohnung. Für ihr letztes Semester wechselte sie an die Kellogg School of Management bei Chicago. In einem Seminar stellte eine ihrer Kommilitonin die Idee ihres Startups vor: Hukkster. Das US-Startup wurde anfangs sogar von den Winklevoss-Zwillingen unterstützt und diente als Vorbild für Spottster.

Anfang 2013 gründeten sie und Tobias Kempkensteffen die Vidiventi GmbH, im Herbst 2013 ging ihr Produkt Spottster online. Mittlerweile beschäftigt das Startup, das sein Büro im Hamburger Stadtteil St. Pauli hat, sechs feste Mitarbeiter, die zusammen ein „leicht bekloppt humorvolles Team“ ergeben, wie Oehle meint. Geld verdient Spottster über ein klassisches Affiliate-Modell, das heißt, die Partner zahlen Geld an Spottster, wenn die Nutzer über das Startup kommen. Mittlerweile kooperiert Spottster mit mehr als 3.000 Partnern, darunter Otto und Zalando. Die Nutzerzahl liegt im fünfstelligen Bereich. Das Durchschnittsalter beträgt aktuell 28 bis 38 Jahre. 51 Prozent sind Frauen – Oehle hätte mit mehr weiblichen Nutzern gerechnet. „Frauen beschäftigen sich zwar häufig damit, was sie als nächstes kaufen, aber Männer sind preissensibler – beispielsweise bei teurer Sportausrüstung“, erklärt Oehle.

Bis zu dieser Woche war Spottster ausschließlich von Privatinvestoren und den beiden Gründern finanziert. Nun konnte das Unternehmen eine hohe sechsstellige Finanzierung verkünden. Die Forum Media Ventures sowie ein Münchener Privatinvestor stiegen als neue Investoren ein.

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Klingt solide. Dabei hatte die Gründerin anfangs „gar keine Ahnung“, wie sie schon am Abend des Victress-Awards auf der Bühne erzählt. Glücklicherweise hätten Freunde und Bekannte sie sehr unterstützt – vor allem die Männer seien unglaublich hilfsbereit gewesen und hätten sie nie belächelt. „Viele Männer haben mir total geholfen“, sagt sie. „Die Zusammenarbeit mit Männern läuft immer sehr effizient und geradeaus ab, was ich sehr schätze. Vor allem aber sehr witzig und ergänzend. Ich glaube auch, dass ein reines Frauenteam an einigen Stellen sehr viel schwieriger wäre.“

In ihrem Berufsalltag ist Oehle nämlich immer noch vor allem unter Männern, auch von ihren WHU-Kommilitoninnen haben bisher nur wenige den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – und dass obwohl die WHU als Startup-Uni bekannt ist. „Die meisten meiner Freundinnen und Studienkolleginnen wollen erst mal in einem größeren Konzern arbeiten – da bekommen sie häufig ein sehr gutes Gehalt und feste Strukturen“, sagt Oehle. Auch die Familienplanung sei als Gründerin nicht so leicht. „Außerdem setzt die Gründung eines eigenen Unternehmens zwingend Durchsetzungsvermögen, Risikobereitschaft und emotionale Belastbarkeit voraus und ich glaube, dass viele Frauen darauf sensibler reagieren als Männer und es sich aus falscher Bescheidenheit und visionärer Zurückhaltung heraus deshalb nicht zutrauen.“

An Risikobereitschaft und Durchsetzungvermögen fehlt es Oehle jedenfalls nicht: Schon bald will sie ein B2B-Produkt für Spottster auf den Markt bringen und die Expansion nach England und Frankreich angehen.

Dieses Video zeigt, wie Spottster funktioniert:

Bild: Spottster