Denken vor der griechischen Küste über das Thema Migration nach: die Crew des Startup Boat

Sie will etwas bewegen in der Welt. „Impact generieren und neue Strukturen schaffen“ – so klingt das in den Worten der Berliner Gründerin Paula Schwarz, die vor Kurzem die Initiative Startup Boat ins Leben gerufen hat. 18 Querdenker aus ganz Deutschland – Investoren, Gründer, Szene-Köpfe und Berater – beschäftigten sich Anfang August fünf Tage lang vor der griechischen Küste mit einem akuten Gegenwartsphänomen: Migration. Und erlebten die teils widrigen Umstände der ankommenden Flüchtlinge hautnah.

Die Idee zum Projekt sei ganz spontan entstanden, sagt Schwarz. Im vergangenen Jahr hatte sie bereits als Mentorin an einem ähnlichen Projekt teilgenommen, dem VentureBus in Afrika. „Das Konzept, erste Lösungsansätze für eine Region in einem Sprint zu entwickeln und mit Recherchen direkt vor Ort zu verbinden, habe ich aus diesen Erfahrungen heraus entwickelt“, sagt sie. „Und Migration ist ein riesiges Phänomen, für das es noch keinen richtigen Umgang gibt“, so die Halbgriechin. Auf Samos werde das jeden Tag sehr deutlich.

Startup-Boat-Gründerin Paula Schwarz

„Es braucht innovative Leute, die gut und agil denken“, so Schwarz weiter. Die Aktion auf einem Boot stattfinden zu lassen, schien ihr sehr passend. Immerhin kommt der überwiegende Teil an Flüchtlingen auch auf dem Wasserweg an. Und das ungewohnte Umfeld sollte die Teilnehmer inspirieren. „Außerdem kann man auch mal Schwimmen gehen, das lockert den Kopf.“ Etwa 200 Euro brachten die Teilnehmer mit, die Schwarz vorher per Aufruf im Netz und durch Empfehlungen zusammengebracht hatte, um die Kosten für das Boot zu teilen. Mit dabei unter anderem: der frühere EarlyBird-Investor David Rosskamp, Lufthansa-Innovation-Hub-Mitgründer Christian Umbach oder Facebook-Mitarbeiterin Franziska Petersen.

Wenn die 25-Jährige dann von den Erlebnissen der Startup-Boat-Gruppe erzählt, fühlt man sich wie im Film: Gleich am ersten Tag trifft die Crew des Startup Boat auf eine Gruppe Syrer. Zusammen mit diesen machen sie sich auf die Suche nach dem Flüchtlingslager. Das ist schwer zu finden, liegt etwas versteckt auf einem Berg, keine Schilder zeigen den Weg.

„Wir haben unterwegs sogar Warnungen bekommen, nicht mit den Leuten zu reden. Weil sie als Flüchtlinge keinen legalen Status haben.“ Man habe das Gefühl, die Menschen würden wie Aussetzige behandelt, fügt Schwarz noch hinzu. Was Schwarz auffällt: Alle Migranten, mit denen die Gruppe redet, sprechen gut Englisch und wirken finanziell recht gut ausgestattet.

Auch im Camp selbst findet die Startup-Boat-Gruppe schlechte, wenngleich nicht überraschende Verhältnisse vor: Die Unterkünfte sind total überfüllt. Das Lager ist für 380 Leute ausgerichtet und viel zu klein. „Die Migraten bleiben höchstens ein paar Tage hier, alle wollen nach Athen. Dort organisieren sie sich oftmals gefälschte Pässe, in Griechenland bleiben wollen die meisten nicht.“ Spätestens dann hat jeder in der Gruppe verstanden, worum es bei dem Projekt geht. „Der Groschen war bei allen gefallen.“

Die Gruppe hat genug gesehen, jetzt geht es an die Arbeit. Auf dem Segelboot wird viel diskutiert – es geht natürlich nicht darum, das Migrationsproblem zu lösen, das wäre utopisch. „Aber wir wollten zumindest die Situation der Menschen verbessern, wenn sie ankommen“, sagt Schwarz. Kleine, aber wichtige Schritte sollen der Anfang sein. Und es musste in wenigen Tagen umsetzbar sein.

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Bald sind einige Ansatzpunkte gefunden. Etwa bei der Infrastruktur am Hafen. „Die Leute haben uns erzählt, dass sie sich eine Handy-Ladestation wünschen, damit sie mit der Familie in der Heimat sprechen können.“ Auch W-Lan wäre an einigen Stellen eine große Hilfe gewesen, berichtet die Startup-Boat-Macherin. Hierzulande erklärte übrigens Internet-Vordenker Nico Lumma gerade, warum kabellose Netze wichtig und Smartphones kein Luxus sind. „Für ein W-Lan-Netz hätten wir eine Kooperation mit einem Anbieter gebraucht, das ließ sich auf die Schnelle nicht machen“, so Schwarz.

Auch fällt der Bootscrew auf, dass es für die ankommenden Menschen vor allem an einem fehlt: Information. „Die Migranten haben keine Ahnung, wo sie hin sollen. Nicht einmal, wo man ihnen weiterhelfen kann.“ Das ist ein Problem, das sich zeitnah lösen lässt, genug Internet-Kompetenz ist an Borg. Mit First-contact.org haben Schwarz und Co. nun den Grundstein gelegt. Auf der Webseite finden sich derzeit Wegbeschreibungen, Kontaktadressen und Anlaufstellen für Migranten, die auf Samos landen.

Dabei soll es nicht bleiben, versichert Schwarz. „Wir wollen eine echte Willkommenskultur aufbauen. Auch lokale Anwohner und Touristen sollen sich einbringen.“ Helfen soll unter anderem eine immer aktualisierte Liste von Dingen, die vor Ort fehlen: Desinfektionsmittel und Kleidung etwa. Auch werde es entsprechende Informationen bald für weitere griechische Inseln geben, verspricht die Projektgründerin. Und auch für ganz anderen Ecken der Welt könnten das Startup Boat und First Contact als Vorbild dienen – eine Anfrage aus Malaysia habe es bereits gegeben.

Dass sie es ernst meint, merkt man schon daran, dass Schwarz ganz fachsprachlich von „Skalierung“ spricht – in wenigen Tagen will sie die zweite Ausgabe des Startup Boat ankündigen. Gelernt hat sie Finanzen und Wirtschaft beim Studium in Athen und einem Trainee-Programm an der kalifornischen Stanford-Universität, eigentlich ist Schwarz Politikwissenschaftlerin. Im Mai gründete sie ihr Startup Exponential Network – eine Plattform, auf der Investoren mit sozialer Ader („denen der Impact-Gedanke wichtig ist“) Mitglieder werden können und die soziale Startups, Projekte und Initiativen listet.

Das Netzwerk soll dann selbst als Geldgeber auftreten und ausgewählte Projekte unterstützen. Eine Non-profit-Organisation soll das Ganze allerdings nicht werden, erklärt Schwarz. Ihr Ziel sei es, „Hotshots“ zu finden, die sich trotz wirtschaftlichen Erfolgs mit sozialen Problemen auseinandersetzen. Sie ist fest überzeugt: „Man muss sozialen Impact und Profit nicht trennen.“

Einige Eindrücke vom Startup Boat:

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Bild: Startup Boat