Betterplace ist ein Spendenportal im Internet, über das Nutzer aus der ganzen Welt gezielt Gelder an verschiedene Projekte spenden können. Die betterplace-Gründer Till Behnke, Jörg Rheinboldt, Stephan Schwahlen, Stephan und Joana Breidenbach zeigen, dass sich auch mit Non-Profit-Unternehmen Ansätze im Internet entwickeln lassen, die spannende Inhalte bei der Implementierung bereithalten und vor allem anderen effektiv helfen. Da betterplace wie ein Marktplatz aus Anfragen (Projekte) und Angeboten (Spenden) funktioniert, liefert es auch aufschlussreiche Lehren für Ecommerce-Plattformen, die for-profit arbeiten.

Auf dem Weg zur Arbeit wird man an die sieben Mal um Geld angebettelt. Von gigantischen Posterwänden werben Hilfsorganisationen mit mitleidserregenden Bildern um Spenden. Daneben sorgen Malteser mit Sammelbüchsen, Unterschriftensammlungen und Motz-Verkäufer in der S-Bahn dafür, dass man sich bis zu seinem Ziel endgültig schlecht fühlt und auf Durchzug geschaltet hat. Neben der allgemeinen Abstumpfung im Alltag, stört in Zeiten von allgegenwärtiger Informationstransparenz vor allem die Anonymität der Spendenwirtschaft. Was passiert eigentlich mit den Spenden? Wird davon eine Schule in Kenia gebaut oder finanziert sich irgendein kongolesischer Warlord seine Kalaschnikows, um damit die konkurrierende Miliz zu zersieben? Genau um dieses Problem dreht sich die Kernidee des Berliner Gründerteams rund um Till Behnke, welche zu Betterplace (www.betterplace.org) führte. Über betterplace.org soll jeder einen eigenen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten können, wobei er/sie selbst entscheidet, wofür das gespendete Geld verwendet wird. User können auf spezifische Projekte spenden und hilfebedürftige Organisationen können umgekehrt Projekte unter Angabe ihres Bedarfs anmelden. So benötigt beispielsweise Uschi J. zehn Tuben Candida-Salbe gegen Wurmbefall in Luanda, Kenia. Nötig sind nur zwei Klicks, die einen über PayPal zum besseren Gefühl führen. Alternativ kann auch per Kreditkarte oder Bankeinzug gespendet werden. Vierwöchiges Feedback zeigt dann die Fortschritte auf und präsentiert den Spendern einen realen Effekt. So schließt sich der Kreis.

Die Entstehungsgeschichte von betterplace.org ist im Gegensatz zu anderen Plattformen wohl eher ungewöhnlich. Die Anregung kam nicht etwa von einem Vorbild aus dem Valley, sondern alles begann, als der sportbegeisterte Till Behnke seine Heimat in Richtung Südafrika verließ, um dort professionell Rugby zu spielen. Schockiert über die Zustände in den Townships wollte er helfen und erhielt immer mehr positives Feedback für sein Vorhaben. „Keiner fand meine Businesspläne interessant, nur meine Idee für eine NGO traf überall auf offene Ohren“, verrät der 29-jährige Wirtschaftsinformatiker. Bekannte halfen ihm dann schnell, seinen Fokus auf einen Marktplatz für Entwicklungshilfe zu richten. Doch welcher Investor würde in eine Idee investieren, die praktisch keinen Revenue verspricht? Sein Rugby-Nationalmannschaftskollege Matthias Entenmann, ehemals Managing Director bei PayPal Europe, sowie der jetzige ebay Deutschland-Chef Frerk Malte Feller stellten den Kontakt zu Jörg Rheinboldt her. Dieser hatte sich durch sein von ebay aufgekauftes Portal Alando.de im Online-Segment etablieren können und war gemeinsam mit seinem Partner Stephan Schwahlen auf der Suche nach innovativen Gründungsideen. Über ihre Firma M10 investieren die beiden nur ihr eigenes Geld in ausgewählte StartUps. Zu ihrem Portfolio zählen etwa smava.de oder spickmich.de. Großen Wert legt man bei M10 auf intensive Betreuung. Je einen Tag der Woche widmen Rheinboldt und Schwahlen der Mitarbeit in ihren Firmen. Dienstag sollte der betterplace-Tag werden.

„Ich hatte mit meiner Frau gerade Zwillinge bekommen und wollte daher mein Leben ändern, doch ich konnte zunächst nichts finden, wo ich mich hätte engagieren können“ verrät Jörg Rheinboldt mit einem Leuchten in den Augen. „Klar, die Investition in betterplace,org ist eigentlich eine Spende und kein Investment, aber die Tatsache, dass einige Mitarbeiter bereit waren, wirklich hochkarätige Jobs aufzugeben und für praktisch kein Geld einfach für die gute Sache zu arbeiten, überzeugte uns endgültig.“ Schließlich rief am 9. November 2007 ein Gründungsstifter-Team bestehend aus Till Behnke, Jörg Rheinboldt, Stephan Schwahlen, dem Juristen Stephan Breidenbach sowie seiner in Entwicklungshilfe sehr erfahrenen Frau Joana Breidenbach betterplace.org ins Leben. Ein in Deutschland sehr geschichtsträchtiges Datum. Die URL für das Portal kostete sie 60 Euro. Auf die 100.000 Dollar teure com-Adresse verzichtete man hingegen. Ein Amerikaner hatte sie für Onlinewetten reserviert. Durch Till Behnkes letzten Arbeitgeber, die Daimler Chrysler Financial Services wurden Räume und die dazugehörige Einrichtung gestellt. Der Traum von der dezentralen Web2.0-Entwicklungshilfe-Plattform konnte beginnen.

Der Markteintritt gestaltete sich durchaus vergleichbar zu regulären Handelsplattformen wie ebay oder Amazon: Ein spezifisches Angebot musste geschaffen und austariert werden. Es galt, die Marktliquidität zu managen, wollte man den Projekten zu Erfolg verhelfen. Und dies sollte unter ambitionierten Zielen erfolgen: betterplace.org ist eine gemeinnützige Stiftungs-GmbH, die garantiert, dass 100 Prozent aller privaten Spenden ohne Abzüge weitergegeben werden. Die Refinanzierung erfolgt, indem man Unternehmen zu sozialem Engagement berät und ihnen eine eigene Profilseite bereitstellt. Für diese Sichtbarkeit werden Gebühren erhoben. „Würden Geldmittel übrig bleiben, würden Sie gespendet. Aber de facto gehen wir immer noch auf Kapitalsuche und bieten dafür einen social return an“, sagt Jörg Rheinboldt. „Wir sind ehrlich und sagen, dass wir die Welt besser machen wollen ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Das klingt zwar doof und romantisch, ist aber so“. Stolz zeigt Till Behnke dazu ein frisch erstelltes Diagramm, das den „dreiteiligen betterplace-Hebel“ zeigt: Indem man versucht, eine neue und jüngere Klientel aufzubauen, der man ebenso viel Transparenz wie beim Online-Banking bietet, wird eine gänzlich neue Zielgruppe erschlossen. „Unser Altersdurchschnitt liegt bei 35 Jahren. Bei anderen Spendenorganisationen ist dieser doppelt so hoch und diese Generation beginnt leider auszusterben. Also machen wir kein schlechtes Gewissen oder bauen auf Mitleid, sondern schaffen transparente Fakten“, erklärt Behnke. Hinzu kommt, dass betterplace.org ein Projektspektrum schafft, bei dem auch kleinere Vorhaben berücksichtigt werden und mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten gelingt es, die Verwaltungs- und Fundraisingkosten signifikant zu verringern. Man will Emotionales und Rationales verbinden. Sein Rat für junge Gründer: Einfach anfangen und Fakten schaffen. Dann könne man etwas vorzeigen und das Team sei dabei fast wichtiger als die Sache selbst.

Spricht man heute mit Jörg Rheinboldt als Investor und Till Behnke als Unternehmer, wird auf den ersten Blick kein Unterschied im jeweiligen Commitment sichtbar. Beide sprechen mit leuchtenden Augen, es herrscht die betterplace-Magie und jeder Mitarbeiter im Raum wirkt geschäftig und motiviert. Alle scheinen gleich, man spricht sich mit dem Vornamen an. Im lässigen Jeans-Look spähen die beiden immer wieder auf ihre Blackberrys und man spürt die Energie, mit welcher sie die Arbeit bei betterplace.org erfüllt. Selbst die Dankesbriefe finanzierter Projekte kommen nicht per Post, sondern via E-Mail. In dem Kreuzberger Büro, das sich im obersten Stock eines alten Fabrikgebäudes ohne Fahrstuhl befindet, stehen zwei Menschen, die Entwicklungshilfe in das 21. Jahrhundert geführt haben und plaudern aus dem Nähkästchen. Welch interessante Begegnungen sich auf der betterplace-Weihnachtsfeier ergeben können und dass sie nun hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihre Key Performance Indikatoren zu checken und sich dem Suchmaschinenmarketing zu widmen. Hört man ihnen zu, fühlt man sich ein wenig, als lauschte man einem der alten Michael Jackson-Songs wie „Heal the World“ oder „Man in the Mirror“: Irgendwie ist es unheimlich kitschig und romantisch, aber doch wahr und bewegend. Man sucht einen Haken und scheint keinen zu finden. In 10 Jahren wollen die beiden immer noch ein schlankes Team und dezentrales Management vorweisen können. Schon heute bilden sich regionale Unterstützerkreise heraus und geben dem „Web of Trust“, welches sich um jedes Projekt individuell herausbildet, Stabilität. In der Zukunft ginge es darum, viele und verschiedene Kanäle zu etablieren, die einen breiten Impact und ein anderes Verhältnis zu Besitz schaffen. Vielleicht hilft dabei ja die seit Anfang des Jahres gestartete Posterkampagne, welche betterplace.org geschenkt bekommen hat.

Fakten zu Betterplace:

  • Mitglieder: 9.000
  • Finanzierte Projekte: 160
  • Momentan bespendbare Projekte: 600 aus 90 Ländern
  • Bisher generiertes Spendenvolumen: 550.000 Euro

An dieser Stelle noch ein kurzer Hinweis. Bei Deutsche Startups läuft gerade die Fragestunde mit Till Behnke. Sollten noch Fragen offen sein könnt Ihr ihn diese dort stellen…