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Die Tauschplattform Hitflip ging 2005 an den Start und inzwischen haben deren Gründer Jan Miczaika und Gerald Schönbucher diese um den Händlermarktplatz Hitmeister erweitert. Vom ursprünglich dreiköpfigen Gründerteam lässt sich der Wert eines erweiterten Geschäftsmodells abschauen und dass gemäßigtes Wachstum und eine schmalere Finanzierung mehr Prozess-Kontrolle bieten können.

„Wir sind so etwas wie das Urgestein unter den Gründern“, sagt Jan Miczaika, der gemeinsam mit Gerald Schönbucher 2005 Hitflip (www.Hitflip.de) gegründet hat. Ursprünglich war das Duo hinter der Medientauschplattform ein Trio, doch Mitgründer Andre Alpar – bekannt für die ein oder andere Raffinesse im Bereich Online Marketing – wollte nach der Aufbauphase lieber neuen Projekten folgen.

Kennen gelernt haben sich die zwei verbliebenen Gründer (wie so oft) in der Universität: Beide promovierten nach ihrem Studium und saßen im gleichen Büro. Sie teilten sich die Abneigung gegenüber dem Konzernleben und dachten an Selbstständigkeit. Schnell kam die Idee einer Tauschbörse auf. Eine Anmerkung am Rande: Jan promoviert übrigens immer noch, während Gerald bald fertig ist – “Ein guter Wein muss reifen”, sagen sie dazu und werden ein wenig rot.

Am Lehrstuhl für Unternehmertum und Entrepreneurship von Prof. Dr. Peter Witt an der WHU war man aufgeschlossen für Neues und unterstützte die beiden jungen Absolventen bei Hitflip – unter der Bedingung, dass sie ihr Wissen in die Lehre einfließen lassen. Die Idee zu Hitflip beschreibt Jan Miczaika sehr pragmatisch: “Jeder hat eine Mediensammlung, meist DVDs, und wenn man diese gesehen hat, sind sie eigentlich nicht mehr wertvoll für einen selbst, für andere aber schon. Also stellte sich nur noch die Frage, wie man den Austausch organisieren müsste.”

Die beiden entwickelten zunächst einen Prototypen, den sie selbst finanzierten. Insgesamt 5.000 Euro Entwicklungsbudget erforderte der übergangsweise Prototyp: “Der erste Dummy war eher zum Testen gedacht, eine Demo”, erzählt Jan, der heute bei Hitflip die Technik administriert. “Das coole am Internet ist, dass man als BWLer einen einfachen Einstieg hat, andere Branchen erfordern wesentlich mehr Fachwissen”, meint der geborene Römer weiter.

Doch auch – oder vielmehr gerade – als BWLer weiß man, dass für einen Prototypen Geld benötigt wird, weshalb die beiden 2005 eine Mini-Finanzierungsrunde machten, wobei Oliver Samwer, den Gerald von einem Praktikum kannte, zum ersten Investor wurde. “Es war wirklich ein Mini-Investment, das Oliver privat tätigte, einige Zeit bevor es den European Founders Fund gab. Es war sein erstes Investment und für den fünfstelligen Betrag standen uns die Samwer-Brüder zur Verfügung, sprachen uns aber nicht rein”, erzählt Gerald.

Das Samwer-Geld floß in die Fertigstellung des Prototypen und erstes vorsichtiges Marketing. So kamen Gerald und Jan schnell von ein paar Hundert zu ein paar Tausend Kunden, indem sie auf auf die üblichen Internetkanäle SEM, SEO, Online-PR und Affiliate setzten. Später kam noch Fernsehwerbung hinzu.

Weitere Finanzierungsrunden folgten. Zunächst im August 2006 mit einer Reihe von Business Angels – “alle die man so kennt”, meint Jan dazu lächelnd –, was durchaus taktisch motiviert war, denn mehrere Teams waren mit ählichen Konzepten unterwegs, sodass es half, wenn Hitflip viele Business Angels an sich binden konnte. Konkurrenz wie Balu oder Tauschticket gab es schon, doch hatten diese teilweise in einem Monat so viel Tauschvolumen wie Hitflip an einem Tag. So fiel es auch nicht schwer, eine dritte Finanzierungsrunde mit den bestehenden Investoren abzuschließen.

Lesson to Learn: Flexibilität, Kompetenz und Potenzial – Das Team muss stimmen

Hitflip wuchs viral, stellte einen ersten Mitarbeiter ein, bald einen zweiten, bis schließlich ein eigenes Büro eröffnet wurde. “Unser Learning der Finanzierung war, dass es eigentlich nie ein großes Problem ist, Geld zu erhalten, wenn man einen soliden Businesscase hat”, verrät Jan nach nunmehr vier Jahren im Geschäft. Investoren würden gerne verständliche und einfach berechenbare Monetarisierungsstrategien sehen, dann sei die Tür zur Finanzierung schon einen Spalt geöffnet.

Jenseits des konzeptuellen Anteils haben Jan und Gerald vor allem gelernt, welche wichtige Rolle das Team spielt: “Jene Mitarbeiter, die ganz zu Beginn einer Unternehmung gefunden werden, bleiben interessanterweise am längsten. Das heißt beim eigenen Kernteam sollte man besonders vorsichtig sein und gut auswählen, denn diese Personen werden womöglich zu Führungskräften im eigenen Unternehmen”, rät Gerald aus seiner heutigen Perspektive.

Jungen Gründern empfehlen die beiden, langfristig auf die Mitarbeiterakquise und die daraus resultierende Eigenentwicklung einen starken Fokus zu legen. Hitflip “züchtete” sich die Mitarbeiter quasi selbst heran, indem die Prozesskette vom Praktikanten über den Werkstudenten zum Festangestellten führte.

Die berühmt-berüchtigte Frage, was denn wichtiger sei, das Team oder die Idee, ist damit wohl deutlich beantwortet: “Die meisten Unternehmen machen am Ende oft nicht das, was laut Businessplan ursprünglich vorgesehen war. Allzu oft wollen die Nutzer das erdachte Produkt nicht annehmen, darum braucht es flexible Mitarbeiter”, meint Jan zu diesem Thema.

Lesson to Learn: Wenn dein Geschäftsmodell gut funktioniert, kannst du auch über Ausweitungen und Ableger nachdenken…

Hitflip performte so anständig, dass Jan und Gerald begannen über einen Ableger nachzudenken. Zwar hatte man kein Monetarisierungsproblem – Hitflip verdient nicht viel pro Kunde, aber es reicht – dennoch merkten die beiden, dass es ein Nischenthema ist und bleibt. “Viele Mitglieder sind glücklich und bleiben dabei, aber es wurde kein nächstes eBay”, meint Jan Miczaika. “Also schauten wir unsere Technik an und starteten 2007 Hitmeister, einen reinen Marktplatz, der sich eher an Händler richtet.”

Gut 400.000 Mitglieder sind auf Hitflip angemeldet, die aus einem Angebot von rund 900.000 Artikeln wählen können. Wie auch Hitflip generiert Hitmeister sein Einkommen durch Transaktionen. Während bei Hitflip 99 Cent pro getauschtem Produkt anfallen, erhält Hitmeister variable Provisionen wie etwa beim Amazon-Marketplace. Hitmeister hat fast 20 Millionen Artikel im Angebot, ist im Gegensatz zu Hitflip, das seit 2008 schwarze Zahlen schreibt, aber noch nicht rentabel. Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft ist die Profitabilität geplant. Die operative Verquickung der beiden Portale gestaltet sich so, dass man auf die gleiche technische Basis zurückgreift. Inhalte, Prozesse und Tools werden doppelt genutzt und natürlich wird auch der Nutzertraffic zum Teil auf das jeweilige Partnerportal umgelenkt.

Lesson to Learn: Langsames Wachstum und eine schmalere Finanzierung bieten mehr Prozess-Kontrolle

Wenn sie heute etwas anders machen könnten, würde Hitflip wohl ein langsameres Wachstum beschreiten und dafür weniger Geld verbrennen, denn die beiden haben gelernt, dass es befriedigend ist, mehr von seiner Firma zu haben und dass ein schnelles Wachstum oft gar nicht so wichtig ist.

“Strukturen und Prozesse im Griff zu haben ist manchmal entscheidender, denn so gut positioniert ist die Konkurrenz oft gar nicht – viele Märkte sind nicht so hyperkompetitiv, wie es einem subjektiv zunächst erscheinen mag”, erklärt Jan mit der Gelassenheit von vier Jahren Hitflip. Gerald pflichtet ihm hier bei und gibt zu bedenken, dass “man Entscheidungen trifft, aus denen man nicht mehr so schnell herauskommt, wenn man sich auf umfangreiche Finanzierungen einlässt”. Mit weniger Geld seien Fehler auch nicht so schlimm, weil die Konsequenzen meist harmloser sind.

Die beiden sprechen über dieses Thema mit der Gelassenheit eines Gründerteams, das diese Erfahrungen am eigenen Leib gemacht hat. Features wurden entwickelt, die von vielen Nutzern nicht angenommen wurden – sie der Programmarchitektur wieder zu entnehmen, war bei einer großen Nutzerschaft jedoch auch nicht mehr ohne weiteres möglich. Für die nächsten zwei Jahre gilt es dennoch, Hitmeister auf neue Produktkategorien auszudehnen, weshalb zum Beispiel an einer Tiefpreisautomatik gearbeitet wurde, um stets den besten Preis anbieten zu können.

Auch die Lizenzierung von Technologie ist ein Thema. Zwar sehen Jan und Gerald viele Communities, die kein Geld verdienen, aber diese mit Ecommerce-Features zu verknüpfen, ist für die beiden durchaus sinnvoll. Vor allem für Hitmeister wird Whitelabeling zu einer attraktiven Alternative, indem etwa für die spezifischen Zielgruppen von Communities eine entsprechende Händlerkopplung vorgenommen wird. Man will jedoch nicht platt Traffic vermitteln, sondern User von Sozialnetzwerken könnten bei den Hitmeistern direkt ihre Produkte verkaufen.

Auch vier Jahre nach der Gründung haben die beiden noch so viel Spaß daran, die miteinander verquickten Portale zu betreiben, dass sie eigentlich nicht an einen Wechsel denken. Chancen gibt es dennoch: “Wir sind für Verkäufe offen und es gibt auch Gespräche, wir rennen dem aber nicht hinterher, weil wenn ein Unternehmen gut läuft, kommen die Käufer von allein und man kann einen Verkauf umgekehrt nicht erzwingen”, meint der auch für Finanzen zuständige Gerald. Es könnte also sein, dass die Initiatoren des Medientauschs bald selbst ihr Medium gegen einen guten Exit tauschen – denkbar wäre es zumindest…