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Julia Soergel und Sebastian Munz sind die beiden Köpfe hinter dem Unternehmen Yolk, das als Produkt eine Webanwendung zur Zeiterfassung entwickelt hat, und das sich gänzlich ohne Funding finanziert. Dafür war es den beiden wichtig, mit ihrer Firma unabhängig zu bleiben und ihren eigenen Werten und Idealen treu bleiben zu können.

Man ist auf den ersten Blick vielleicht etwas irritiert, wenn man die Gründer von Yolk (www.yo.lk) sieht: Julia Soergel, die eine Gründerhälfte des jungen StartUps, hat eine Irokesen-Frisur, während ihr Partner Sebastian Munz eher Techie-typisch zurückhaltend, aber aufgeweckt daher kommt. Beide entstammen dem Kreativbereich und wirken in ihrem Auftreten sehr authentisch. Sie sind echt, direkt und sagen was sie denken. Immer. Yolk ist für sein bisher einziges Produkt mit Namen „mite“ bekannt, eine webbasierte Zeiterfassung für Freiberufler und kleine bis mittlere Teams. Mite ist ein Tool für Berufstätige, die in mehreren Projekten gleichzeitig involviert sind und genau im Auge behalten wollen, wie effizient sie dabei sind.

Julia Soergels und Sebastian Munz‘ Pfade zur Selbstständigkeit kreuzten sich durch ähnliche Interessen und Ansichten: Die heute beide 27-Jährigen studierten Medientechnik in Berlin und arbeiteten mit Werbeagenturen zusammen, deren Zeiterfassungs-Tools sie oft aus Gründen der Usability und Interface-Gestaltung nicht überzeugten. Und wie es der Zufall so wollte, strebten beide im Jahre 2006 eine Diplomarbeit an, deren Thema so ähnlich war, dass sie angeregt wurden, diese gemeinsam zu schreiben. Es sollte um das Web 2.0 gehen, und dies nicht nur aus technischer Perspektive.

Lesson to Learn: Deine Firma sollte Deine Interessen widerspiegeln und auf Deinen Werten und Prinzipien fußen

Schließlich fokussierten sich beide auf agile Software-Entwicklung, wobei Themen wie Extreme Programming oder SCRUM eine wesentliche Rolle spielten (auch für die spätere Firma wie sich zeigen sollte). Bisherige Entwicklungsmodelle waren auf große Teams ausgerichtet, die zur Entwicklung von Desktopsoftware mit Release-Zyklen von teils mehreren Jahren vonnöten waren. Doch eigneten sich diese Modelle nur bedingt für kleine und mittelgroße Teams und die Entwicklung von webbasierten Lösungen. Man merkt es: Die gemeinsame Diplomarbeit wurde immer mehr zur Roadmap der eigenen Firma. „Produktentwicklungen im neuen Web sind einfach ein super spannendes Thema, da man zum einen täglich Updates veröffentlichen und zum zweiten unmittelbar Feedback von einer diversifizierten Nutzerschaft einholen kann. Im Netz zu entwickeln bedeutet also, dass man experimenteller und viel intensiver mit seinen Kunden zusammen arbeiten kann“, erzählt Julia Soergel begeistert.

Ihr Professor wollte eine praktische Umsetzung dieses Konzepts sehen. So kam ihnen die Idee zu „mite“, dessen Name ein Anagramm aus TIME darstellt. Binnen drei Monaten konnten die beiden eine Zeiterfassung veröffentlichen, die zu Anfang kostenlos angeboten wurde. Zum Firmennamen Yolk gibt es eigentlich keine Geschichte, aber dass der Ausdruck im Englischen „das Gelbe vom Ei“ bedeutet, passt eigentlich wie die Faust auf das sprichwörtliche Auge.

Marketingtechnisch gingen Julia und Sebastian ihren eigenen Weg. Sie machten kein großes Tamtam durch teure Online-Werbung, sondern definierten Werte der Zusammenarbeit und Produkteigenschaften: Im Team waren ihnen Ehrlichkeit und Leidenschaft ebenso wichtig wie eine konstruktive Kommunikation. Für ihre Kunden wollten sie Transparenz, Verlässlichkeit und Geschwindigkeit leisten und in ihrer Arbeitsweise stets flexibel und beweglich bleiben. Neben diesen grundlegenden Werten definierten sie auch einmalig für sich verschiedene Prinzipien, wie etwa Praktiken und Programmiertechniken für die Produktentwicklung.

Lesson to Learn: Bootstrapping bedeutet Unabhängigkeit aber auch die Notwendigkeit zu Selbstdisziplin und -Management

Julia arbeitete vor dem Diplom als Bloggerin für Electronic Arts und die CeBIT und gemeinsam schickten sie und Sebastian Mails an ihren Bekanntenkreis, um Feedback zum neuen Produkt zu erhalten. Sie hatten als Stundenten wohl einen gewissen Sympathiebonus: der Ansatz wurde für gut befunden und weiter erzählt. Auf insgesamt 10.000 Registrierungen auf kostenfreier Ebene brachte man es mit der Zeit. Heute bezahlt man als Nutzer monatlich fünf Euro. Mittlerweile weist mite 2.700 aktive Nutzer aus, fast 20.000 haben mite bereits getestet. Wobei jene User, die noch zu Zeiten der kostenlosen Dienste hinzu kamen nun selbst entscheiden, ob sie zahlen und wenn ja wieviel. Neue Nutzer können hingegen vier Wochen uneingeschränkt testen, dann wird ihr Account gelöscht oder zum Bezahlaccount gewandelt.

Eigentlich hat Yolk ein „Büro im Netz“, denn Sebastian sitzt in Hamburg und Julia in Berlin. Die beiden nutzen webbasierte Tools mit denen sie ihren gemeinsamen Code verwalten und Daten im Netz ablegen. Über das offene Instant-Messaging-Protokoll Jabber wird kommuniziert und während Julia gegen 9.00 Uhr zu arbeiten anfängt, weil dann die meisten Kunden ebenfalls loslegen und sie für die kommunikativen und administrativen sowie die Salesinhalte verantwortlich ist, fängt Sebastian meist erst um 13.00 Uhr an und widmet sich der Programmierung und dem Interfacedesign. Nichts wird von außen eingekauft, außer einem Rechtsanwalt, Datenschutzexperten und einer Steuerberaterin.

Bei Yolk soll sich alles darum drehen, gute Software zu bauen und diese ehrlich zu verkaufen. Julia Soergel und Sebastian Munz wollen frei entscheiden, wann sie welchen Inhalt wie gestalten. Deshalb sind sie auch nicht VC-funded, wenngleich Anfragen durchaus vorhanden waren, so etwa von einem englischen VC, zwei Monate nach ihrem Live-Gang im Dezember 2006. „Wir haben die Entscheidung auf VC-Gelder zu verzichten bestimmt nicht leichtfertig, wohl aber bestimmt gefällt. Die einer VC-Finanzierung zugrunde liegende Logik des ‚Get rich or die trying’ passte weder zu unser persönlichen Philosophie noch zu unserer Vorstellung von qualitativ hochwertiger und nachhaltiger Produktentwicklung. Diese Entscheidung hat sich für uns – aus meiner Sicht – in vielerlei Hinsicht ausgezahlt“, erklärt Sebastian Munz.

Den beiden bedeutete ein Investoren-Mitspracherecht einen zu großen Einschnitt ihrer Kompetenzen; statt auf einen schnellen Exit wollten die zwei auf ein langfristig tragendes Unternehmen hinarbeiten. „Wir haben uns nicht für den Weg in die Selbstständigkeit entschieden, um uns dann wiederum von Investoren in Entscheidungen reinreden zu lassen“, erklärt Julia ihre Entscheidung. Im Mai 2008 kam es zur offiziellen Firmengründung mit einer neuen Version – ein Unternehmen, das seit der ersten Abbuchung rentabel war und den Lebensunterhalt der beiden heute gut deckt.

Lesson to Learn: Schaffe ein Produkt, das einfach gehaltet und nah an den Bedürfnissen der Nutzer ausgerichtet ist

Sebastian hatte sich von Kindesbeinen an nebenher selbst das Programmieren beigebracht, nach dem Studium als freier und angestellter Webentwickler gearbeitet und mite in Ruby entwickelt. So entstand eine gänzlich webbasierte Version: Nach dem Erstellen eines Accounts werden Kunden, Projekte und Leistungen eingerichtet. Dann erstellt man Zeiteinträge. Alternativ kann man auch einfach eine Stoppuhr laufen lassen. Mite gibt daraufhin vielfältige Reports aus; Auswertungen, die Daten nach flexiblen Kriterien listen und nach Kennziffern suchen. Im Gegensatz zu den ja nicht gerade arm gesäten anderen Zeiterfassungsformaten schwört mite auf eine gut zu bedienende Oberfläche, einer Reduktion auf das Wesentliche, viele alternative Eingabemöglichkeiten und Reports, die flexibler und vielseitiger sind.

mite-von-yolkZu den größten Konkurrenten zählt etwa das New Yorker Tool Harvest, das relativ zeitgleich gestartet ist, oder das 2008 gelaunchte, ebenfalls aus New York stammende letsfreckle.com. Allgemein gibt es unfassbar viele Tools für Zeiterfassung, wobei diese weniger im deutschsprachigen Raum anzufinden sind. „Viele Tools kombinieren Zeiterfassung mit Projektmanagement, etwa „Basecamp“, das Flaggschiff von 37signals, oder mit Invoicing, also Rechnungs- und Angeboteerstellung- und Verwaltung wie beispielsweise Freshbooks. Aber eigentlich ist einer unserer härtesten Konkurrenten die Excel-Tabelle. Einzelkämpfer können damit zumindest praktikabel ihre Arbeitszeiten festhalten. Wir punkten dafür klar im Auswertungsbereich sowie bei Lösungen für ganze Teams“, führt Julia Soergel detailliert aus.

Neben einfacher Funktionalität versucht Yolk auch viele Alternativen zu bieten, wie etwa eine iPhone-Version, eine Erfassung über Twitter (eine DirectMessage in bestimmter Syntax schafft hier Einträge), das Einbinden von Instant Messaging, indem man mit einem Bot chattet oder auch von Ubiquity, einem experimentellen Firefox-Plugin. Durch die offenen Datenschnittstellen wurden einige Inhalte sogar von Nutzern mitgestaltet. Dank der offenen API entstand so beispielsweise ein Mac-Client und Anbindungen an Programme Dritter.

„Wir wachsen langsam aber stetig, fast ausschließlich über Empfehlungen, generieren so aber einen qualitativ sehr hochwertigen Traffic und erreichen dadurch beachtliche Conversion-Rates. Unsere Conversion von Registrierungen zu zahlenden Dauerkunden liegt bei etwa 20 Prozent, das ist doppelt so hoch wie der Branchendurchschnitt“, erzählt Sebastian stolz. Weitere Tools sind neben mite durchaus geplant, wahrscheinlich dann im Produktivitätsbereich. Doch werden diese frühestens zum Jahreswechsel angegangen.

Schließlich gehört es auch zum Motto der beiden, dass Dinge einfach gemacht werden. Vorhaben werden gut durchdacht – wie etwa die Einstellung einer dritten Person – aber wenn die Zeit reif ist, werden nicht weitere Pläne geschrieben, sondern gehandelt. Finanziell ist dies bei gebootstrappten Unternehmen vielleicht manchmal tricky, aber staatliche Förderungen können hier zum Teil eine attraktive Alternative sein. So startete Yolk mit 15.000 Euro Eigenkapital und einem Gründerzuschuss. Zwei gewonnene Businessplan-Wettbewerbe und ein Stipendium später beliefen sich staatliche, nicht-zurückzahlbare Förderungen auf in der Summe über 50.000 Euro. „Im Gegensatz zu Investorenmitteln ist dies Geld, bei dem einem keiner rein spricht. Die eigene Firma bleibt komplett unberührt“, meint Julia lächelnd. „Mein Tipp für Gründer lautet daher auch, branchenübliche Vorgehen daraufhin zu hinterfragen, ob diese im eigenen Fall wirklich ebenfalls notwendig und sinnvoll sind. Vieles kann man auch kleiner und einfacher realisieren. Und dafür tatsächlich selbstständig bleiben, und so entscheiden, wie es für Produkt und Nutzer am sinnvollsten ist.“ Mit Yolk ist ihr und Sebastian dies erfolgreich geglückt.