Startups Unarten

Dauerhaft deutlich zu viel arbeiten

Ich weiß, es ist uncool, so etwas in einem Startup zu sagen und ich habe mich selbst beileibe auch nicht immer daran gehalten, aber in Startups wird oft zu viel gearbeitet. Warum ist dies so? Mangels wirtschaftlicher Durchschlagskraft bleibt außer der eigenen Beweglichkeit und einer viel versprechenden Idee ja nicht wirklich viel übrig, um sich vom gut finanzierten Wettbewerb abzuheben. Aber ihr könnt mir glauben, was bei diesem Wettstreit oft auf der Strecke bleibt, sind die Mitarbeiter.

Kürzlich habe ich ja bereits über das Tabu-Thema Burnout geschrieben, das längst auch die Startupszene erreicht hat, und das Feedback dazu hat mich in dieser Wahrnehmung bestätigt. Doch wie dieser Falle entkommen? Es ist wenig zielführend, Mitarbeitern zu sagen, dass sie zu viel arbeiten – dies demotiviert eher. Dagegen ergibt es sehr wohl Sinn, sie zu animieren, smart zu arbeiten, indem sie sich ihre Arbeit besser einteilen. Dies erfordert aber auch, dass ihnen die Möglichkeiten dazu gegeben und realistische Ziele gesteckt werden. Letztlich ist die Frage nach der Arbeitsdauer und -Intensität oftmals eine Abwägung zwischen kurzfristigem Erfolg und langfristiger Nachhaltigkeit.

Intransparent kommunizieren

Wenngleich Startups jung und agil sind und jungen Menschen ein umfangreiches Maß an Mitbestimmungsmöglichkeiten einräumen, gewinne ich den Eindruck, dass in Startups dennoch selten transparent kommuniziert wird. Einerseits erscheint es mir gewisse Allmachtsphantasien zu wecken, wenn junge Menschen plötzlich an der Spitze einer Unternehmung stehen, andererseits ist die Arbeit in Startups oft zu agil und schnelllebig, um mit der Kommunikation stets auf der Höhe zu bleiben.

Für jeden Zweck zur E-Mail greifen

Ich habe kürzlich mitbekommen, wie ein Gründer einem seiner Dienstleister schmunzelnd erzählte, dass einer seiner Manager lediglich “eine Inbox von 40 am Tag” habe, weshalb er  ihm versprach, dies zu ändern. Mir begegnet so eine Haltung häufiger und ich empfinde sie als verbohrt, kontraproduktiv und ehrlich gesagt auch ziemlich dumm. Wenn ich davon ausgehe, dass besagter Mitarbeiter im Schnitt fünf Minuten Arbeitszeit mit den Aufgaben aus den unterschiedlichen Mails verbringt, produzieren seine E-Mails für ihn am Tag bereits 200 Minuten Arbeit.

Wo liegt denn der Sinn, täglich über drei Stunden mit E-Mails zu verbringen? Natürlich werden dabei auch inhaltliche Dinge umgesetzt, dennoch wird heutzutage für jede Lappalie zur E-Mail gegriffen. Teilweise wird dann ja nicht einmal ein Text verfasst, sondern einfach nur in die Betreffzeile geschrieben. Ich meine mal ehrlich: Wer will denn so arbeiten? In einer meiner Kolumnen habe ich bereits geschrieben, wie man weniger E-Mails bekommt und halte dies auch für ein wichtiges Anliegen, wenn effektiv in einem Startup gearbeitet werden soll.

Eine Always-on-Mentalität fordern

Smartphones und Social Networks sei dank können wir mittlerweile doch von überall auf der Welt arbeiten. “Always on” heißt das Prinzip, mit dem die Verschmelzung von Berufs- und Privatleben beschrieben wird. In einer meiner letzten Kolumnen habe ich mich ja dem Tabuthema Burnout gewidmet und dieses Gefühl des Immer-erreichbar-Seins erscheint mir als eine der vielen Ursachen von Burnout-Erkrankungen. Nicht umsonst stellen große Unternehmen teilweise zum Wochenende die Weiterleitung von Mails über ihre Mailserver ab. Hier wurde bereits erkannt, dass es schädlich ist, immer mit dem Kopf bei der Arbeit zu sein. Ich glaube, Startups haben dieses Prinzip erfunden.

Gründer und relevante Akteure nur gering beteiligen

Anteile sind in einem Startup so etwas wie die geheime Goldreserve, mit der Gründer ihre Aktivitäten absichern und Anreize schaffen. Die USA haben Fort Knox, ein Startup seinen Anteilspool – und genauso wird oft damit umgegangen. Nur ein sehr ausgewählter Kreis erhält in Startups Anteile und dies meist nur, wenn der Betroffene von Beginn an dabei war oder so gefragt ist, dass eine langfristige Bindung sinnvoll ist. Ansonsten wird von Hause aus mit Anteilen geknausert.

Besonders bitter ist diese Entwicklung, wenn Investoren sie befördern, indem sie eine Gründung finanzieren und die Gründer anschließend mit derart wenigen Anteilen zurücklassen, dass das finanzierte Unternehmen mangels Incentivierung eigentlich schon zum Scheitern verurteilt ist. Ich möchte nicht sagen, dass Unternehmensanteile wahllos ausgegeben werden sollten, aber zur Bindung von Kernmitarbeitern sind sie sehr wohl ein wichtiges Instrument, zumal über Teilgesellschaften ebenfalls Unterbeteiligungen je nach Tätigkeitsbereich erfolgen können.

Schlechte Bezahlung durch Lerneffekte rechtfertigen

Schon einmal habe ich Startups in Bezug auf ihre Arbeitsbedingungen mit Sklavengaleeren verglichen und dieser Aspekt lässt sich an dieser Stelle erneut aufgreifen. Es ist an der Tagesordnung, dass junge Menschen in Startups viel und lange arbeiten, dafür aber nur ein geringes Gehalt bezahlt bekommen. Dieser wirtschaftliche Missstand wird in der Regel mit dem umfangreichen Erfahrungsschatz gerechtfertigt, mit dem ein Startup aufwartet. Startups bieten wertvolle Erfahrungen, weil schnell mehr Verantwortung übernommen werden kann und schon viele Gründer waren einst selbst Praktikant in einem Startup. Dennoch ist der Graben, der sich bei vielen Gründungen zwischen Bezahlung und Leistungsumfang auftut, für meinen Geschmack ein Stück zu groß.

Hygiene-Faktoren wird kaum Augenmerk geschenkt

Der Begriff der Hygiene-Faktoren meint Motivationsaspekte, die auf den Kontext der Arbeit bezogen sind und sich darauf auswirken, wie sich die Arbeit in einem Unternehmen gestaltet. Mit der Arbeitslast, der Bezahlung oder der vorherrschenden Intransparenz habe ich ja schon einige wesentliche Hygienefaktoren hervorgehoben, an denen Startups oft kranken. Doch auch darüber hinaus gibt es einige weitere Hygienefaktoren, denen in Startups kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, allen voran der Bürogestaltung.

Durch das Führen von Interviews bekomme ich immer wieder Einblick in Deutschlands Startup-Büros und vielerorts herrscht die pure Improvisation vor. Oft geht es chaotisch zu und es fehlt mangels Zeit und/oder Geld an den Grundlagen einer üblichen Büroausstattung. Mein eigenes Unternehmen bildet dort bis heute übrigens keine Ausnahme und doch finde ich es immer wieder schade, wenn in unfertigen Räumen an kreativen Ideen gearbeitet wird.

Investoren deutlich zu viel Mitspracherecht einräumen

Ein Phänomen, das ich recht häufig beobachte, ist, dass viele Gründer ihren Investoren zu ausgedehnte Möglichkeiten bei der Mitbestimmung einräumen. Die meisten Gründer sind wohl froh, wenn überhaupt jemand ihre Träume von der Selbstständigkeit finanziert und geben deshalb aus Pflichtgefühl und Angst vor Sanktionen nach. Dabei ist es genau umgekehrt: Ein Investor gibt einem Gründer Geld, weil er sich davon verspricht, dass dieser etwas derart viel besser kann, dass sich damit Geld verdienen lässt. Ein Investor bezahlt also dafür, dass ihm jemand mit Fachwissen eine Gründung umsetzt.

Ich sage nicht, dass die Anregungen der eigenen Investoren ignoriert werden sollten – im Gegenteil, das Teilen von Best-Practises ist wünschenswert und spart so manches Lehrgeld –, aber Gründer, die 60 Prozent ihrer Zeit mit Investor Relations verbringen, sollten vielleicht ihre Prioritäten überdenken. Die Top-Talente unter den Gründern haben mittlerweile den Spieß umgedreht und geben den Investoren vor, wo es lang geht. Dies ist aber auch eine Frage von Erfahrung und inhaltlicher Sicherheit.

Zu wenig im Sinne des Kunden denken

Den Kunden bei der Produktentwicklung zu berücksichtigen, gleicht dem rückengerechten Heben: Man hat es zig mal gesagt bekommen, weiß, dass es besser ist und vergisst es trotzdem immer. Dabei spreche ich weniger von Usability-Aspekten (die oft auch zu kurz kommen), sondern von der grundlegenden Ausrichtung des Geschäftsmodells. Oftmals starten gerade deutsche Startups als eine Kopie von einem fremdländischen Geschäftsmodell, vergessen dabei aber, den Zweck ihrer Gründung zu hinterfragen und ob im eigenen Markt eigentlich ein Bedarf dafür besteht.

Nur junge Menschen einstellen

Ich habe kürzlich eine Frau etwas älteren Semesters getroffen, die mir erzählte, dass sie über 300 Bewerbungen geschrieben und nur Ablehnungen erhalten hat, ohne dass sie auch nur zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Ich empfand sie als extrem aufgeweckt und unglaublich gut im Umgang mit Kunden und das, obwohl sie auf einen Job ausgewichen war, der ihr gar keinen Spaß machte. Hätte man ihr eine Chance gegeben, würde ihre Bilanz sicher anders aussehen.

Ich unterhielt mich daraufhin mit einigen Unternehmern, die mir meinen Verdacht bestätigten: Laut diesen arbeiten Mitarbeiter, die schon etwas älter sind und viele Absagen erhalten haben, oft deutlich engagierter, weil sie ihre Chance besser zu schätzen wissen und eigentlich hochmotiviert sind. Zwar seien ältere Mitarbeiter öfter krank, machen dies aber durch eine bessere Arbeitseinstellung wett. Vielen Startups täte es ebenfalls gut, ihre Teams mit etwas erfahreneren Mitarbeitern zu würzen. Diese brauchen vielleicht manchmal etwas länger beim Anlernen, bringen dafür aber viel Engagement mit. Und sind wir mal ehrlich, einigen Startups tut eine gewisse Entschleunigung durchaus gut.

Mit dem Aussprechen von Lob geizen

Dass an deutschen Arbeitsplätzen zu wenig gelobt wird, ist sicher nicht nur ein Startup-Phänomen. Trotzdem hat eine Kultur der Anerkennung solche Relevanz, dass es lohnt, sie hier aufzuzählen. Denn gerade in einem Startup, wo oftmals keine hohen Gehälter gezahlt werden können, ist eine gute Atmosphäre, in der Mitarbeiter für ihr Tun gelobt werden, wichtig.

Habe ich noch Unarten vergessen? Oder gibt es demgegenüber viel Startup-Vorbild-Verhalten? Teilt es in den Kommentaren!

Joel Kaczmarek Facebook

Bildmaterial: Rudolpho Duba / pixelio.de