Mehrere tausend Bestellungen gingen an manchen Tagen beim iranischen Online-Lebensmittellieferanten Meydoonak ein, erzählt Gründerin Nazanin Daneshvar. Ihre Schwester und sie waren auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Von ihrem Elternhaus in Teheran aus, das als Büro diente, versuchten sie und ihr einziger Lieferant die immense Bestellrate zu bewältigen. Ohne Erfolg: Die Logistik war chaotisch, Bestellungen wurden storniert oder kamen zu spät. Die Geschwister stellten den Dienst ein. Das war der Anfang von Daneshvars Gründerkarriere.

Kurze Zeit später zog sie nach Deutschland. Und das, obwohl sie eigentlich Vorurteile gegen das Land hatte. Dass Deutsche distanziert und kalt sind zum Beispiel. Trotz der Einstellung ging Daneshvar nach Berlin, auch weil ihr Vater sie drängte, das Jobangebot als Softwareentwicklerin hierzulande anzunehmen. Denn: Er empfand Deutschlands Ruf, gerade in der Software-Branche, als sehr gut. Hier lernte sie das Gutschein-Geschäftsmodell kennen, das Firmen wie DailyDeal oder Groupon betreiben.

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Die Chance, ein Startup zu gründen

Ganz ließ sie der Gedanke an eine Gründung nicht los: Jedes Mal, wenn sie nach Hause reiste, besprach sie die Möglichkeiten eines eigenen Unternehmens mit ihrer Familie. Wieder war ihr Vater ausschlaggebend: Er glaubte an die Idee, sich selbstständig zu machen. „Zum einen bin ich wiedergekommen, weil ich meine Familie vermisst habe“, erzählt Daneshvar. „Aber zum anderen, weil ich im Iran die Chance gesehen habe, ein Startup aufzuziehen. Denn die Projekte, die wir international sehen – wie Groupon – gibt es bei uns ja alle nicht.“ Aufgrund von Internetzensur und internationalen Sanktionen wächst die Tech-Szene im Iran isoliert heran, es fehlt beispielsweise an Twitter oder Facebook, aber auch anderen internationalen Online-Plattformen. Oft werden daher lokale Versionen bekannter Konzepte umgesetzt.

Im Juli 2011 gründete die heute 31-jährige die Rabatt-Deal-Plattform Takhfifan in Teheran. Das Modell: täglich neue Deals für beispielsweise Restaurants, Kinobesuche oder Fitnessstudios. Die Zielgruppe: Irans unter 30-Jährige, einigen Berichten zufolge sind das etwa zwei Drittel der iranischen Bevölkerung. Breit grinsend blickt Daneshvar auf die Anfangszeit ihres Unternehmens zurück: Mit zusammengelegten Ersparnissen bezog sie gemeinsam mit ihrer Schwester ein 40 m² großes Büro. Am Anfang besprachen die Schwestern Deals mit Geschäftspartnern in der einen Minute, in der anderen beantworteten sie Kundenfragen am Telefon. Die Landingpage erreichte 400 Nutzer, zu der Zeit veröffentlichten sie einen Deal pro Woche.

Problem: Jung und weiblich

Doch es gab Schwierigkeiten: Sie war jung – und eine Frau. Potentielle Geschäftspartner weigerten sich mit ihr zu reden, „der Manager“ sollte die Gespräche führen. Dass sie der Manager war, akzeptierten sie nicht. „Daher brachte ich kurzerhand meinen Vater mit und stellte ihn als Manager vor. Im Endeffekt saß er dann nur im gleichen Raum“, erzählt sie schmunzelnd. Mittlerweile kann er zuhause bleiben.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene Vom Whistleblower zum 150-Millionen-Gründer

Die Arbeit hat sich gelohnt: Vier Jahre später verzeichnet Takhfifan nach eigenen Angaben eine Million Abonnenten in sieben iranischen Städten. Pro Tag werden zwischen 4.000 und 5.000 Coupons verkauft, erzählt die Chefin eines mittlerweile 60-köpfigen Teams. Und: Daneshvar ist so etwas wie eine Vorzeigegründerin der iranischen Startup-Szene geworden. Internationale Medien berichteten zuhauf über sie. Wenn über die aufwachende Tech-Szene im Iran berichtet wird, wird sie fast immer genannt.

Im April 2013 gründete Daneshvar nebenbei ihr drittes Startup: Die Yelp-artige Review-Plattform Tarinan. Von ihren Kunden bekam sie das Feedback, dass diese irgendwo ihre Erfahrungen teilen wollten. Vor drei Monaten launchte die AndroidApp.

Fast seit Gründung profitabel

Takhfifan ist komplett eigenfinanziert und bereits seit einigen Monaten nach der Gründung profitabel. Es musste sein, lacht Daneshvar. Denn: Startup-Investments gebe es im Iran nur wenige. Das könnte sich bald ändern: Immer mehr ausländische VCs, aus den USA und Europa, fangen an, Interesse an dem Land zu bekunden. Aber: US-Firmen ist es zurzeit aufgrund der Sanktionen nicht erlaubt, im Iran zu investieren. Europäische Kapitalgeber hingegen können theoretisch in Bereiche investieren, die mit nicht mit Sanktionen behängt sind. „Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um einer der ersten zu sein – bevor alle anderen ebenfalls hier einfallen,“ gibt Daneshvar zu bedenken.

Die Londoner Beraterfirma Griffon Capital beriet vor einiger Zeit Investoren bei einem derartigen Deal: Der iranische Online-Retailer Digikala sammelte im vergangenen Jahr 10 Millionen US-Dollar von einem europäischen Fonds ein, bewertet ist das Unternehmen nun mit 150 Millionen. Mitgründer von Griffon Capital, Xanyar Kamangar, beobachtet und arbeitet unter anderem mit der iranischen Szene. Er sagt über Daneshvars Unternehmen: „Mittlerweile wächst Takhfifan langsam aus der Early-Stage heraus. Die nächste Wachstumsphase [von Takfifan] wird darüber bestimmen, ob das Unternehmen nachhaltig Erfolg hat.“

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Gründer als Celebrity-Status

Innerhalb Irans sind solche Stars am Gründerhimmel noch selten. Aber es gibt sie: Auch Cafe-Bazaar-Gründer Hessam Armandehi ist bekannt, sein App-Store-Startup soll um die 20 Millionen US-Dollar wert sein. Berater Kamangar beobachtet die iranische Startup-Szene schon länger: Es gebe viel positive Energie, die durch derartige Erfolgsgeschichten angefacht werde. Junge Iraner merkten, dass lokale Tech-Startups Investments einsammeln und Gründer einen Celebrity-Status in den Medien erreichen können. Das rege sie dazu an, es selbst zu probieren, anstatt ins Ausland zu gehen oder bei etablierten Unternehmen anzuheuern. Diese Einstellung merkt auch Daneshvar: „Jeder Student träumt davon, sich selbstständig zu machen.“ Was in Berlin oder London schon allgegenwärtig ist, entwickelt sich im Iran langsam, weiß Daneshvar. Aber: Das führe auch dazu, dass junge Leute leicht geblendet werden. Daneshvar hat die Erfahrung gemacht, dass manch einer sechs Monate bei ihr arbeitet, dann kündigt, um ein eigenes Startup aufzuziehen – und denkt, dass er damit dann innerhalb kürzester Zeit Millionär wird. Nur: So funktioniert das alles nicht.

Damit die Gründerszene im Iran nachhaltig wächst und Erfolg hat, braucht es vor allem Expats, die nach jahrelangem Aufenthalt im Ausland wiederkommen und ihre Erfahrungen teilen. So wie Daneshvar. Aber: Sie schätzt, dass sie die einzige aus ihrem damaligen Studiengang ist, die noch – oder wieder – im Iran lebt. „Es gibt nicht viele Startup-Events im Iran, auch Mentorships sind selten“, sagt sie. Daher versuche sie, jungen Iranern ein Beispiel zu sein, auf den wenigen Events zu Gast zu sein und Tipps zu verteilen. „Wer sonst wird dem Land helfen?“ fragt sie – und dieses Mal lacht sie nicht.

Bild: Riolo Photography