UdL Digital Talk mit Philipp Rösler

UdL Talk im Base Camp

Die Politik hat das Thema Startups für sich entdeckt. Nach Klaus Wowereits Startup-Tour im letzten Monat, Philipp Röslers Blitzbesuch im Silicon Valley vergangene Woche und der Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Startup-Gipfeltreffen Anfang März, war der Bundeswirtschaftsminister gestern in der Talkrunde UDL Digital (www.udldigital.de) und gab selbstbewusste Ziele vor: Deutschland soll bis Ende des Jahrzehnts in Sachen Startups im internationalen Vergleich auf dem Siegertreppchen stehen – ein Ziel, dass der FDP-Mann bereits bei seinem Kurztrip ins Silicon Valley formuliert hatte.

Das Thema der Veranstaltung: „Startups – Deutschlands neues Wirtschaftswunder“. Wenn ein Entrepreneur auf einen Berufspolitiker trifft und dies von einem routinierten Fernsehmoderator begleitet wird, ist dies auch für ausgebuffte Medienprofis eine neue Situation. Die UdL Digital-Reihe lud am gestrigen Abend den Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler zum Gespräch mit Philipp Herrmann, dem Gründer vom Seed-Investor Etventure. Moderiert wurde die Veranstaltung von Cherno Jobatey und die Veranstalter verkündeten erfreut, dass das Base Camp noch nie so voll war und somit ein Zuschauerrekord gebrochen wurde.

Deutschland: Den Industrie-Sektor technologisieren

Die Diskussion began mit dem Status Quo, wo steht Deutschlands Gründerszene international? Nach der Studie „Deutschland Digital“ des Bundeswirtschaftsministeriums steht Deutschland momentan auf Platz sechs. Doch Rösler setzt sich als Ziel Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts unter die Top 3 zu bringen. Bereits jetzt sind in Deutschland mehr Menschen in der IT-Industrie beschäftigt als in der Automobilindustrie. Doch Deutschlands wirtschaftliche Zugpferde, allen voran die Maschinenbau- und Automobil-Industrie, sind ebenfalls einer starken Technologisierung ausgesetzt. So sieht Rösler die Vernetzung zwischen klassischer Industrie und neuen Technologien als eine der größten Herausforderungen Deutschlands an, um das Know-How und die Stärken aus der Industrie in das 21. Jahrhundert zu tragen.

Natürlich war auch die Unterfinanzierung von Deutschlands Gründerszene ein Thema. In den USA werden jährlich 20 bis 30 Milliarden Dollar als Venture-Capital vergeben – im Vergleich zu 700 Millionen in Deutschland. Bei der Anzahl der Business Angels sind es sogar 200.000 im Vergleich zu gerade einmal 5.000 in Deutschland. Doch genau aus diesen Gründen zog es Herrmann auch wieder nach Deutschland zurück. Während ihm die Szene im Silicon Valley immer mehr als Industrie-Maschinerie erschien, sah er in Deutschland noch echtes Entwicklungspotenzial.

Das ewige Vorbild USA

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Herrmann sammelte bereits während seines Studiums in Stanford erste Gründungserfahrenen im Silicon Valley. Somit gab er auch gleich einige Erklärungen für die langsamere Entwicklung der Gründerszene in Deutschland. Startups, Universitäten und Investoren arbeiten in den USA wesentlich stärker zusammen und ermöglichen einen viel stärkeren Austausch. Zusätzlich seien die Unternehmen wesentlich Produkt-orientierter, da Techniker und Wissenschaftler einen größeren Einfluss auf die Szene haben. Während in Deutschland Entrepreneurship im Studium meist nur in wirtschaftlichen Fächern gelehrt wird, sei diese Mentalität in Amerika flächendeckend verbreitet, so Herrmann.

Auch Philipp Rösler hat bei seinem 24-stündigen Kurzbesuch im Silicon Valley die Werbetrommel für die deutsche Gründerszene gerührt, vor allem um die großen US-amerikanischen VCs für den deutschen Markt zu gewinnen. Unter anderem traf Rösler den bekannten Investor Peter Thiel, den er zusammen mit weiteren Investoren und Startups auch gleich nach Berlin einlud. Die Einladungen wurden angeblich dankbar angenommen, sodass Berlin nun in freudiger Erwartung dem hohen Besuch entgegenfiebert.

Herrmann erzählte auch von seinem Studium in Stanford, in dem er jeden Tag Kontakt zu Leuten aus der Praxis hatte – egal ob Gründer, Investoren oder Coaches, täglich gab es neben der Theorie auch direkte Einblicke in die Praxis und somit auch eine aktive Verbindung zwischen Wirtschaft und Universitäten. In Deutschland dagegen, monierte Herrmann, würden vor allem die Banker und Wirtschaftsberater in den Universitäten vorsprechen, was nicht gerade Gründungs-fördernd ist.

Die Kultur des Scheiterns

Auch die Kultur des Scheiterns war Thema zwischen den beiden Gesprächsteilnehmern. Die Beiden waren sich in diesem Punkt ausnahmsweise einig: Während das Scheitern in den USA völlig akzeptiert ist und dazu gehört, wird es in Deutschland immernoch stigmatisiert und einmal Gescheiterte haben es schwer wieder auf die Beine zu kommen. „Deutschland fehlt die Kultur der zweiten Chance“, erklärte Rösler, dies gelte es zu ändern. Durch die Studienabbrecher Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg wurden gleich noch die richtigen Beispiele hinterhergeschoben, dass Scheitern so schlimm gar nicht sein kann. Oder um es mit Sascha Lobos Schlusskommentar auf dem Entrepreneurship Summit zu sagen: „Wer scheitern kann, ist erst wirklich frei.“

Trotz der Startup-Thematik war die Veranstaltung natürlich auch ein Wahlkampfbesuch des Bundeswirtschaftsministers im Wahlkampfjahr 2013. So hatte Herr Rösler nicht nur einige Abgeordnete mit zum Talk gebracht, sondern kritisierte auch seinen Koalitionspartner CDU für die Steine, die sie einer einfacheren und offeneren Einwanderungspolitik in den Weg legt. Doch der FDP-Chef bewies auch Humor, als er sich nach einer ausweichenden Antwort „Angst vorm Scheitern“ von einem Publikums-Zwischenruf vorwerfen lassen musste und sich mit den Worten verteidigte: „Ich bin Vorsitzender der FDP. Also, Angst vorm Scheitern habe ich nicht.“

Eigeninitiative von Startups gefordert

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Besonders wurde auf das Thema der Eigeninitiative von Startups eingegangen. Wie Rösler so schön sagte: „Wenn man will, dass es gut wird, macht man es selbst“. Am Beispiel des von Gründerszene mitinitiierten Startup-Manifestos erklärte Wirtschaftsminister Rösler, dass es wichtig ist, das Startups selbst aktiv werden, sich vernetzen und in die Politik einbringen. Sowohl der Liberale als auch Philipp Herrmann waren sich in ihrer grundsätzlichen Haltung einig: Staatliche Subventionen, Programme und Finanzierungen sollen möglichst zurückgefahren werden und privates Kapital soll vermehrt angezogen werden – unter anderem durch bessere steuerliche Rahmenbedingungen, so wie sie das Startup Manifesto gefordert hatte und nach Röslers Aussage wohl auch bald durchgesetzt werden.

Aus der Reserve gelockt wurde Bundeswirtschaftminister Rösler nur einmal wirklich und zwar bei der Frage des Journalisten Mario Sixtus, der Röslers Engagement für die Startupszene mit seinem Engagement für das Leistungsschutzrecht verglich und darin eine gewisse Ambiguität sah. Als Rösler dann auf den Frankreich-Deal von Google einging und bekräftigte, dass eine Lösung unter den Marktakteuren auch ihm am liebsten wäre, musste Sixtus sarkastisch nachfragen, ob Rösler also einfach den Lobbyisten der großen Verlage folgt und je nachdem ob diese in Verhandlungen treten oder eben gesetzliche Maßnahmen fordern, deren Willen folgt. Rösler antwortete etwas ausweichend mit den Grundsätzen der Demokratie und dass seine Meinung in diesem Fall wohl nicht der der Mehrheit entspreche.

Es bleibt abzuwarten in wiefern die momentan so erfolgreiche Startup-Szene politisiert wird. Dank dem wirtschaftlichen Erfolg lassen sich die Politiker natürlich gerne mit den Szenegrößen ablichten und anders herum ist es auch für Startups aus PR Sicht dienlich. Für die Startups bleibt dagegen Politik Freund und Feind zugleich – bürokratische und rechtliche Hürden machen das Gründen in Deutschland nach wie vor wesentlich schwerer als beispielsweise in den USA und staatliche Bemühungen müssen noch verstärkt werden. Aber Projekte wie der Beirat „Digitale Wirtschaft“ oder die geplante steuerliche Gleichstellung von Streubesitzanteilen von In- und Ausländern zeigen, dass der Politik nicht immer die Hände gebunden sind. Auch Startups sind aufgefordert mitzuhandeln. Das Wahljahr 2013 könnte noch so einige Startup-freundliche Politiker erleben – bleibt nur zu hoffen, dass sie sich auch nach dem Wahlkampf noch an ihre Versprechungen erinnern und dann auch wirklich abliefern.

Bild: Henrik Andree