Ein Stratoflights-Wetterballon kurz vor dem Abheben

In der beschaulichen Stadt Blomberg, der Heimat des polarisierenden Jungunternehmers Niklas Hoffmeier, sitzt auch das Unternehmen Stratoflights. Das Startup erstellt professionelle Filmaufnahmen von Werbeobjekten. Soweit, so normal. Weniger normal ist allerdings, dass diese Bilder in 40.000 Meter Höhe am Rande des Weltalls entstehen.

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Die Idee stammt von den drei Studenten Marvin Rissiek, Tobias Lohf und Marcel Dierig. 2011 als Hobby-Projekt gestartet, sieht sich Stratoflights inzwischen als Marktführer für unbemannte Stratosphärenflüge in Europa. Zu den Kunden zählen Konzerne wie AMD, Skoda oder Heineken.

Neben den Aufnahmen bietet das Unternehmen auch einen Online-Shop mit Produkten wie Wetterballons, Datenloggern oder Ersatzbatterien. Zudem veranstaltet Stratoflights Teamevents, bei denen man in Gruppen von zehn bis 20 Leuten eine Sonde zusammenbaut, sie und ein weiteres Objekt mit einem Wetterballon in die Stratosphäre schickt und diese anschließend per GPS-Tracking suchen fährt.

Wir haben mit Marcel Dierig, Gründer, Banker und Student der Wirtschaftswissenschaften, über sein Startup gesprochen.

Wie kam es zu der Idee, Werbung in die Stratosphäre zu bringen?

Die Idee kam von mir. Direkt nach dem Abi haben wir Kurzfilme gedreht. Ich wollte eigentlich nur meinen Desktop-Hintergrund ändern und habe „Weltall“ bei Google eingegeben. Es kamen ausschließlich hochauflösende NASA-Aufnahmen – und ein einziges verwackeltes. Ich fand heraus, dass Meteorologie-Studenten aus den USA Sensoren in die Stratosphäre geschickt hatten. Sie haben zusätzlich eine Kamera eingebaut, die alle paar Minuten eine Aufnahme macht. Und da wir immer im Filmfieber waren, dachte ich mir, dass das das richtige Projekt für uns sein könnte. Und so ist es angelaufen.

Und wie ging es dann weiter?

Wir haben uns gefragt, wie wir das Ganze umsetzen können – oder ob es überhaupt erlaubt ist. Im Internet gab es dazu keine Informationen, weil es bis auf diese US-Studenten niemand gemacht hatte. Durch den bürokratischen Aufwand hat es ein paar Monate gedauert, bis wir den richtigen Ansprechpartner hatten. Und es gab Fragen wie: Wo bekommt man einen Wetterballon her? Wo Helium? Wie kalt wird es dort oben? Was für Equipment schicken wir hoch? Wie orten wir die Box, nachdem der Wetterballon geplatzt ist? Dann, nach einem halben Jahr, haben wir den ersten Versuch gewagt. Als wir das dann 2011 geschafft hatten und die ersten Aufnahmen auf dem Computer betrachteten, waren wir sprachlos. Wir haben dann überlegt, was wir mit dem Material machen, haben ein Video erstellt und es auf YouTube hochgeladen. Das hat dann über Nacht 100.000 Klicks erreicht. Und das war der Punkt, an dem wir das erste Mal gemerkt haben, dass wir auf etwas Besonderes gestoßen sein mussten.

Ihr seid noch Studenten. Betreibt Ihr Stratoflights dann gemütlich neben der Uni?

Nein, wir arbeiten an der Maximalauslastung. Wir machen eher unsere Stratosphären-Flüge als unser Studium. Unsere Tage und Abläufe müssen sehr effizient geplant sein. Dazu gehört auch, etwa E-Mails bereits in der Vorlesung zu beantworten.

Könnt Ihr denn bereits davon leben?

Wir können sehr gut davon leben. Wir können es quasi selbst noch nicht glauben, dass es vom damaligen Hobby aus so weit gekommen ist.

Und das mit einem Ballon.

Damals dachten wir, wir schicken eine Kamera auf einem Ballon hoch und sehen sie nie wieder. Dass es so einschlägt, hätten wir niemals gedacht.

Wie fühlt es sich an, wenn Kunden wie AMD, Heineken, Vodafone, Skoda und Co auf ein Startup wie Euch zukommen?

Das fasziniert uns auch heute immer noch, da wir wirklich noch ein ganz ganz kleines Team in einer ganz, ganz kleinen Stadt sind. Und wenn dann ein Anruf von einem riesigen Konzern aus New York City kommt, dann ist das ein großartiges Gefühl.

Wir lief beispielsweise die Heineken-Kampagne ab?

Heineken machte eine weltweite Werbekampagne. Es wurde ein Poster entworfen, und mit diesem sollten ganz spektakuläre DInge passieren. Beispielsweise hat in Los Angeles ein mehrfacher Wimbledon-Spieler mit einem brennenden Tennisball auf dieses Poster geschlagen. Wir haben dieses Poster von einem Paper-Artist zu einer Rakete aus Papier und Kleber umbauen lassen und in die Stratosphäre geschickt.

Welche Werbemittel kann man in die Stratosphäre schicken?

Grundsätzlich alles, was nicht schwerer als zwei Kilogramm ist. Es gibt kein Standardprodukt, für das uns Kunden beauftragen. Und gerade das ist die Herausforderung, sich immer mit neuen Aufträgen zu beschäftigen.

Wie läuft so ein Projekt ab?

Zuerst besprechen wir das Projekt mit dem Auftraggeber, bringen unsere Ideen und Erfahrungen mit ein. Dann werden uns die Werbeobjekte zugeschickt und wir konstruieren eine Halterung, damit das Objekt möglichst passend vor der Kameralinse positioniert wird. Dann wird ein Starttermin festgelegt und das Ganze ist natürlich rechtlich bei der Deutschen Flugsicherung abgesichert. Der Flug dauert dann bis zu drei Stunden und erreicht eine Maximalhöhe von 40 Kilometer. Und dann kommt das Objekt mit der Sonde und einem Fallschirm wieder herunter und landet dann in einem Umkreis von etwa 70 Kilometern. Die Sonde mitsamt des Filmmaterials können wir dann mit einem GPS-Tracker bergen.

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Habt Ihr Angst, dass in dieser ungewöhnlichen Umgebung etwas nicht nach Plan laufen könnte?

Die Ungewissheit ist immer da. Und man hat immer die Anspannung, ob man auch alles richtig gemacht hat. Aber wir überprüfen am Startort alles mehrfach, jeder guckt jedem auf die Hände. Wenn etwas schiefgehen würde, wäre das schon ärgerlich. Es kam zwar schon vor, dass unsere Sonden in Bäumen gelandet sind, aber mit Industriekletterern kann man auch dem entgegenwirken. Bisher haben wir eine 100-Prozent-Erfolgsquote.

Warum baut man das Ganze übrigens nicht einfach digital nach? Ist das nicht günstiger oder geht es den Unternehmen wirklich um Authentizität?

Es ist eine Kombination aus beidem. Auf der einen Seite wird man es digital nicht so gut nachbauen können. Und dann gibt es natürlich noch den zweiten von dir angesprochenen Punkt: Es weckt Vertrauen, dass man wirklich dort oben war. Und Vertrauen ist das A und O.

Wer kümmert sich um Film und Ton?

Einer unserer Mitarbeiter ist Filmstudent und weiß mit Kamera, Ton und Beleuchtung umzugehen. Zudem arbeiten wir noch mit einem Sounddesigner zusammen, der die entsprechende Musik komponiert.

Ihr benutzt also nicht den Klang der Atmosphäre?

Da oben hört man gar nichts. Außer dem Knarren des Seils, das an der Sonde hängt.

Vielen Dank für das Gespräch, Marcel.

Klickt Euch hier durch die sechs Bilder, die das Startup in Aktion zeigen.

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Bilder: Stratoflights