Helpling-Gründer Benedikt Franke (links), Gründerszene-Redakteur Caspar Schlenk und Nadine Müller von Verdi diskutieren

Die Konkurrenz von Helpling hat gerade einen anderen Weg eingeschlagen – die Plattform Book A Tiger kündigte an, ihre Putzkräfte einzustellen. Benedikt Franke, Gründer von Helpling, verteidigt sein Modell. Die Putzkräfte von Helpling erhalten weiterhin über die Helpling-Plattform ihre Aufträge – als Freiberufler.

In den USA tobt schon seit Monaten eine hitzige Debatte über die On-Demand-Plattformen. Die zentrale Frage dahinter: Handelt es sich bei den Plattformen um reine Vermittler von Jobs oder müssen die Tech-Unternehmen ihren Pflichten als Arbeitgeber nachkommen. Im Fokus steht dabei der umstrittene Fahrdienstvermittler Uber. Mehrere Fahrer strengen Gerichtsverfahren gegen das Startup an, um angestellt zu werden. Das amerikanische Helpling-Vorbild Homejoy gab vor einigen Monaten gar auf – ein Grund dafür waren ebenfalls mehrere Klagen.

Hierzulande arbeiten vergleichsweise wenige Plattformen mit Freiberuflern zusammen – auch, weil sie die Vorwürfe der Scheinselbstständigkeit fürchten. Der Restaurant-Lieferdienst Deliveroo arbeitet zum Teil mit freien Mitarbeiternm, zum Teil aber auch mit Festangestellten zusammen, der Heizungs-Installationsdienst Thermondo beschäftigt sogar fast alle seine Heizungsbauer fest.

Helpling – der Putzdienstvermittler von Rocket Internet – ist eines der wenigen Startups, das komplett auf Freiberufler setzt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat das Modell von Plattformen wie Helpling mehrfach kritisiert.

Unter den Kritikern ist auch Nadine Müller, die bei Verdi auch für die Soloselbstständigen zuständig ist. In der Gründerszene-Redaktion hat sich einem Streitgespräch mit dem Helpling-Gründer gestellt. Gründer im Gespräch mit der Gewerkschaft – eine seltene Konstellation.

Eine Debatte über Arbeitsbedingungen – und warum Helpling keine Angst vor einer Klage hat.

Frau Müller, würden Sie sich einen Helpling ins Haus holen?

Müller: Das würde ich nicht machen. Als ich erstmals auf die Werbung von Helpling stieß, habe ich darüber nachgedacht: Wie viel ist ein Lohn von 12,90 Euro pro Stunde eigentlich? Ist das viel? Ist das wenig? Kann man davon leben? Und wir als Gewerkschaft sind leider zu dem Schluss gekommen, dass man nicht wirklich davon leben kann. Wenn die Putzkräfte 12,90 Euro bekommen, geht noch die Gebühr für Helpling ab – am Ende bleibt zu wenig für die Soloselbstständigen, die teilweise auch Steuern zahlen müssen, um sich sozial abzusichern. Das ist der springende Punkt.

Sehen Sie das auch so, Herr Franke?

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Franke: Ich würde die Gegenfrage stellen: Welche Alternative, Frau Müller, gibt es? Nach Kommission, Steuern und Abgaben kommen die Putzkräfte in der Regel auf 8,50 bis 11 Euro pro Stunde. Das ist eine echte Alternative zum Schwarzmarkt, auf dem ich hier in Berlin zwischen zehn und zwölf Euro erhalte, das ist eine Verbesserung – denn die Putzkräfte arbeiten legal. Und es ist ein Preisniveau, das konkurrenzfähig ist.

Müller: Es gibt ja aber auch Putzunternehmen, die im Bundesverband haushaltsnahe Dienstleistungsunternehmen organisiert sind. Der Mindestlohn liegt in Berlin bei etwa zehn Euro. Von diesen Unternehmen kommt zurecht die Kritik, dass Plattformen wie Helpling Konkurrenz über Lohnkosten herstellen. Also nur etwas günstiger sind, weil man beispielsweise auf Abgaben zur Sozialversicherung und Urlaubsgeld verzichtet. Alles Rechte, die mühsam erkämpft werden mussten. Darauf zu verzichten, kann nicht unsere Perspektive sein.

Franke: Die entscheidende Frage ist doch, was die Marktwirklichkeit heute ist. Und die sieht so aus: 90 Prozent dieses Marktes findet im Schwarzmarkt statt. Häufig verdienen die Putzkräfte dort weniger als nach Abgaben über Helpling. Hätten wir den Preis freigegeben, hätten viele Menschen auf der Plattform ihre Leistung für acht oder neun Euro angeboten. Es war immer das Ziel, einen Preis zu finden, der konkurrenzfähig ist und gleichzeitig nicht zu einem „Race to the Bottom“ führt. Wobei ich nicht sage, dass wir in einem halben Jahr oder Jahr die Preise nicht freigeben werden.

Herr Franke, Ihre Konkurrent Book A Tiger will seine Putzkräfte jetzt anstellen. Was spricht dagegen, dass Sie Ihren Helplingen feste Arbeitsverträge geben?

Franke: Es ist nicht das Ziel, ein Reinigungsunternehmen aufzubauen – wir sind ein Softwareunternehmen. Die Dienstleister sind unsere Kunden, denen wir eine technologische Plattform und ausgewählte Leistungen wie Rechnungsstellung und Zahlungsabwicklung zur Verfügung stellen. Nach unserem Selbstverständnis sind wir ein SAP für selbstständige Dienstleister, das auch noch die Kundenakquise ermöglicht. Dafür werden wir von den Dienstleistern bezahlt. Aus unserer Sicht ist die Umstellung des Geschäftsmodells der Rückzug in die Nische der Haushalte, die bereit sind, fast 20 Euro pro Stunde zu zahlen. Dieses Angebot besteht ja heute schon. Wir kennen jedoch die Realität auf dem Schwarzmarkt und halten die hohen Preise für nicht konkurrenzfähig im Großteil des Marktes. Wir verstehen Hilfe im Haushalt nicht als Dienstleistung für reiche Leute, sondern wollen sie einer viel breiteren Zielgruppe zugänglich machen.

Was hindert Sie denn konkret daran, die Leute einzustellen?

Franke: Wir müssten einen riesigen operativen Apparat zusätzlich aufbauen, stattdessen wollen wir mit Technologie die Leute direkt miteinander verbinden. Es geht uns nicht darum, eine etwas andere Putz-Organisation aufzubauen. Unsere Kompetenz ist die Technologie.

Müller: Ganz so einfach ist das nicht. Denn Sie prüfen ja den Gewerbeschein der Helplinge, und es gibt eine Art Qualitätsprüfung. Die Dienstleistung ist also stark mit Ihrer Plattform verbunden. Deswegen können Sie nicht sagen: ‘Es ist nur die Technologie.’

Franke: Ich sage auch nicht, dass es uns egal ist, wie zufrieden die Auftraggeber mit der Putzkraft sind.

Müller: Ein Weg zu zufriedenen Kunden führt auch über eine Festanstellung der Putzkräfte, deren Loyalität mit Ihrem Unternehmen so vermutlich steigt.

Franke: Die überwiegende Zahl unserer Auftraggeber ist doch zufrieden. Das Geschäftsmodell funktioniert auch nicht, wenn die Reinigungskraft nur einmal bei dem Auftraggeber putzt. Es braucht eine langfristige Zusammenarbeit. Und natürlich übernehmen wir auch mehr Organisation als andere Plattformen. So haben wir beispielsweise einen Kundenhotline für die von uns vermittelten Reinigungsdienstleister. Das gehört dazu, wenn man Struktur in diesen komplett unübersichtlichen Markt bringen will. Trotzdem ist es etwas anderes, als eine komplette neue Organisation aufzubauen. Und die Flexibilität, die für die Auftraggeber und uns entsteht, beruht auf Gegenseitigkeit.

In Kalifornien gibt es bereits erste Gerichtsurteile, die Uber-Fahrer als Angestellte einordnen. Bekommen wir so etwas in Deutschland?

Müller: Die entscheidende Frage ist, ob es sich bei den Helplingen um Scheinselbstständige handelt. Es gibt kritische Punkte: Sie sind nicht wirklich unternehmerisch tätig. Das zeigt sich auch daran, dass der Preis festgelegt wird.

Könnten Sie sich vorstellen, eine Klage anzustoßen, um klarzustellen, ob es rechtlich in Ordnung ist?

Müller: Eine Überprüfung würden wir unterstützen. Verdi organisiert seit 15 Jahren Soloselbstständige. Die Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, sind nicht neu. Erst einmal setzen wir uns aber dafür ein, dass Soloselbstständige in die gesetzliche Sozialversicherung einbezogen werden, an deren Kosten sich auch Plattformenbetreiber beteiligen sollten.

Herr Franke, inwiefern beschäftigt Sie diese Diskussion?

Franke: Man muss sich in der Plattform-Ökonomie immer den Einzelfall anschauen. Wenn der deutsche Grafiker in Konkurrenz mit einem Grafiker in Indien tritt, dann ist das sicher anders zu betrachten als bei unserem Modell. Auch Uber bietet eine Alternative für den monopolistischen und überregulierten Taxi-Markt – momentan verdienen ja auch Taxifahrer sehr wenig.

Müller: Der Mindestlohn gilt auch für Taxiunternehmen.

Franke: Auch dort wird der Mindestlohn immer wieder umgangen. Der Punkt ist: Aus Sicht der Politik wird mit Uber ein halbwegs funktionierender Markt disrupted, mit neuen Beschäftigungsverhältnissen. Bei uns reden wir über einen Markt mit 90 Prozent Schwarzarbeit. Wir führen dort bessere Standards ein, als in der Vergangenheit gegolten haben.

Und die Frage nach der Scheinselbstständigkeit stellt sich für Sie nicht?

Franke: Die Reinigungskräfte können bei jedem einzelnen Auftrag frei entscheiden, ob sie diesen annehmen oder ablehnen möchten, es gibt keinerlei Weisungsbefugnis. Viele nutzen unsere Plattform, um im Nebenerwerb in Teilzeit zu arbeiten. Sie sind in jeder Hinsicht unabhängig und selbstständig. Wir haben alle übrigen Kriterien natürlich sauber im Rechtssystem geprüft.

Haben Sie Angst, dass die Klage kommt?

Franke: Wir haben uns sehr eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt und uns in jeglicher Hinsicht entsprechend eindeutig aufgestellt. Wir fürchten die Klage nicht. Aber natürlich haben wir auch andere Sachen zu tun.

Herr Franke, Sie haben in einem Interview ein System wie die Künstlersozialkasse ins Spiel gebracht. Wie muss die Politik ihre Gesetze für On-Demand-Angebote wie Helpling anpassen?

Franke: Wichtig ist, dass wir nichts tun, um den Aufwand und die Komplexität zu erhöhen. Formale Hürden für legale Tätigkeiten darf man nicht unterschätzen.

Was muss sich konkret ändern?

Franke: Die Belastung durch die Krankenkasse für Soloselbstständige muss sich ändern, der Mindestbeitrag liegt bei 300 Euro. Das ist viel zu hoch. Diesen Betrag zahlen abhängig Beschäftige erst bei einem Gehalt von 1.800 Euro. Auch das Thema Altersvorsorge ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, das betrifft eben nicht nur Soloselbstständige. Natürlich müssen wir Altersarmut verhindern.

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Müller: Da machen Sie es sich zu einfach. Die Plattformen greifen in den Arbeitsprozess ein, wollen sich aber nicht dafür verantwortlich fühlen. Dieser neue Ansatz widerspricht dem Modell in Deutschland, dass Arbeitgeber Verantwortung haben. Sie müssen Steuern zahlen, in das Sozialversicherungssystem einzahlen und sich um Gesundheits- und Arbeitsschutz kümmern. Sollte sich die Plattform-Ökonomie ausbreiten, wird es immer mehr Soloselbstständige geben – und das wird unser Sozialversicherungssystem komplett durcheinander bringen. Die Beiträge in unserem solidarischen System werden so sehr einseitig auf die Arbeitnehmer abgewälzt.

Was heißt das nun?

Müller: Die gesetzliche Sozialversicherung muss für alle, auch Soloselbstständige gelten. Und dies ist nur zu stemmen, wenn sich alle – Auftraggeber und auch Plattformen mit Gewinnen – daran beteiligen. Der Mindestlohn ist meiner Meinung noch zu niedrig, um Altersarmut zu verhindern.

Franke: Ein weiterer Punkt in dieser Diskussion ist, dass bei den Rahmenbedingungen unsere Technologie weiterhelfen kann. Bestimmte Versicherungen könnten wir zum Beispiel einfach über die Plattform mitanbieten. Das ist momentan noch nicht möglich. Unsere Dienstleister sind allerdings schon haftpflicht- und unfallversichert. Wenn zum Beispiel jemand von der Leiter fällt, hat die Reinigungskraft die gleiche Unfallleistung, als wäre er abhängig beschäftigt.

Es gibt ja immer noch mehr Plattformen, immer mehr läuft mit Freelancern. Kommen Sie da hinterher, werden da Fakten geschaffen? Oder es ist zu spät?

Müller: Vieles – wie eben eine bessere soziale Absicherung – könnte nach unser Auffassung natürlich schneller gehen, wie gesagt, wir organisieren Solo-Selbstständige seit 15 Jahren.

Die Zeiträume sind aber heute andere. In 15 Monaten ist Helpling vielleicht schon an der Börse. Ist die Situation dann überhaupt noch einzufangen?

Müller: Die Politik ist ja mittlerweile aufgewacht. Das Arbeitsministerium hat eine Diskussion über die Zukunft der Arbeit angestoßen – es scheint zumindest die Absicht zu geben, dass man das Rentensystem reformiert. Für Medienschaffende haben wir die Künstlersozialkasse, das ist schon einmal ein Anfang. Wir können jetzt schauen, wie wir vielleicht andere Modelle finden, die zu einer sozialen Absicherung führen. Ich glaube nicht, dass das unmöglich ist.

Wie könnte Helpling aus ihrer Sicht das Angebot anpassen?

Müller: Es gibt Menschen, die solche Angebote wie Helpling wollen. Und Sie, Herr Franke, haben ja angedeutet, dass Sie überlegen, den Lohn anzuheben. Wir müssen also sehen, was die Zukunft bringt. Es wäre ja vielleicht ein erster Schritt, wenn Sie Ihre 300 Festangestellten bei einer Betriebsratsgründung unterstützen. Wir würden sie dabei gerne beraten.

Zehn Gründer da draußen sind gerade in Ohnmacht gefallen.

Franke: Ich würde sagen, das besprechen wir nochmal zu zweit. (lacht) Ich denke, durch unsere Startup-Kultur haben wir schon direkt im Unternehmen das, was Siemens in seinem Betriebsrat formalisiert. Beispielsweise bei Entscheidungen, beim Thema Kollegialität.

Zum Schluss noch eine große Frage: Sind Plattformen wie Helpling die Zukunft der Arbeit?

Franke: Überall dort, wo Technologie Angebot und Nachfrage zusammenbringen kann, wird es technische Lösungen geben. Ich glaube allerdings nicht, dass Plattformen auf jeden Markt übertragbar sind.

Müller: Und eine Plattform-Lösung muss auch nicht immer bedeuten, dass man nur Freelancer beschäftigt. Die Angebote dürfen vor allem keine bestehenden Arbeitsplätze vernichten oder es sollten nicht einfach ökonomische Vorteile durch Senkung von Personalkosten im Vordergrund stehen – diese Fälle gab es in der Vergangenheit auch schon. Viele Fragen sind einfach noch ungeklärt – auch bei Helpling.

Nadine Müller von Verdi diskutiert mit Benedikt Franke von Helpling (Mitte)

Bilder: Alex Hofmann / Gründerszene