Ein Bild aus frühen Tagen: das StudiVZ-Team im Sommer 2006

StudiVZ wird zehn Jahre alt – Gründerszene würdigt das Jubiläum mit einer Artikelreihe. Zu Spitzenzeiten zählte das Netzwerk 16 Millionen Mitglieder, dann begann der Abstieg. Über den Untergang des Social Networks in Deutschland wurde viel geschrieben. Dabei wird der unglaubliche Aufstieg von StudiVZ fast vergessen. Grund genug, noch einmal genau auf die Anfangstage dieses einmaligen Startups zu schauen.

Es ist im Spätherbst 2005, als die beiden Studenten Ehssan Dariani und Dennis Bemman ihr Startup StudiVZ gründen. Doch die Geschichte von StudiVZ beginnt eigentlich schon viel früher. Um den Aufstieg des ersten massenwirksamen sozialen Netzwerks Deutschlands zu verstehen, muss man weiter zurückgehen – einmal ins Jahr 1997, und dann noch weiter, ins Jahr 1986.

1986 flüchtet die Familie des sechs Jahre zuvor in Teheran geborenen Ehssan Dariani aus dem Iran nach Ost-Berlin, von dort geht es weiter in die Bundesrepublik. Bis 1992 lebt die Familie in Blaubeuren bei Ulm, dann in Kassel. Die Erfahrung hat Dariani zum Außenseiter gemacht, jedenfalls hat er sich immer so wahrgenommen. Er war der „Unterschichtsboy“, der, der sich zehn Mal mehr anstrengen musste, um das gleiche Level an Chancen zu erreichen wie die anderen aus den privilegierteren Familien. Aber Dariani hat sich irgendwann entschieden, nicht dazugehören zu wollen, sondern seine Rolle als unangepasster Outcast angenommen. Es sind solche Eigenschaften, aus denen Gründer gemacht sind: der Wille, Althergebrachtes in Frage zu stellen, das nötige Maß an Verrücktheit und kreativer Energie, dazu geringe Chancen in den üblichen, ausgetretenen Karrierepfaden. „Fast schon zwingend“ sei er zum Gründer geworden, sagt Dariani heute.

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1997 ist das Jahr, in dem der damals 18-jährige Dennis Bemmann aus Salzgitter den fünften Platz bei „Jugend forscht“ in der Kategorie Mathematik und Informatik gewinnt. Den Preis bekommt Bemmann für ein selbst entwickeltes Computerspiel, bei dem Nutzer nicht selbst spielen, sondern zuvor geschriebene Programme gegeneinander antreten lassen. RoboCom ist einige Jahre lang richtig populär, wichtiger aber ist Bemmanns Teilnahme an dem Wettbewerb. Er, der Computerfreak, lernt lauter spannende Leute kennen, drei Jahre später gehört Bemmann zu den Gründern des Deutschen Jungforschernetzwerks, einem Alumniverein für „Jugend forscht“-Gewinner. Für dessen Mitglieder entwickelt er eine interne Website, auf der die Mitglieder Profile anlegen, Interessen angeben, Fotos hochladen konnten: Dennis Bemmann hatte ein erstes Social Network programmiert.

Über den Alumniverein treffen sich die StudiVZ-Gründer zum ersten Mal. Dariani, der 1995 mit einem Warnsystem für Gleisarbeiter bei „Jugend forscht“ teilgenommen hatte, taucht bei einer der Veranstaltungen auf. Dann verlieren sie sich aus den Augen. Bemmann studiert Informatik und Islamwissenschaften in Berlin, Dariani beginnt ein Studium der theoretischen Physik in Göttingen, das er abbricht. Ohne wirklich zu wissen, wie er sich das finanzieren soll, meldet er sich für die Aufnahmeprüfung der prestigeträchtigen Business School in St. Gallen an. Er wird angenommen, schafft den Bachelor, aber aufs Neue macht er die Erfahrung, nicht dazuzugehören – nicht zu den Schweizer Studenten, die lieber unter sich bleiben, nicht zu den Deutschen, die alle aus Düsseldorf, Frankfurt oder München zu kommen scheinen und mit einem Selbstbewusstsein durch die Welt gehen, als ob ihnen alles gehört. Dariani grenzt sich zunehmend selbst aus, er trägt lange Haare und einen schwarzen Ledermantel.

Dennis Bemmann als Jugend-Forscht-Gewinner 1997

Während des Studiums versucht sich Ehssan Dariani schon an ersten Eigengründungen: Er richtet eine Website ein, die Unterlagen vertreibt, mit der man sich für die Aufnahmeprüfung in St. Gallen vorbereiten kann, scheitert aber am Widerstand von Universität und Studentenschaft. Dann will er Kosmetik- und Pflegeprodukte für Herren online verkaufen, doch die Hersteller wollen nicht mit ihm zusammenarbeiten, sie haben Angst vor Preisdumping im Netz.

Nach dem Bachelor-Abschluss ist Dariani orientierungslos, er hat 20.000 Euro Schulden. Es ist das Frühjahr 2005, während seine Kommilitonen bei Banken und Versicherungen anfangen, entscheidet sich Dariani für ein Praktikum bei einem Startup in Leipzig: Spreadshirt. Das Unternehmen, bei dem Nutzer T-Shirts bedrucken und dann selbst verkaufen können, wurde drei Jahre zuvor von Lukasz Gadowski und Matthias Spieß während ihres Studiums an der Leipziger Handelshochschule gegründet. Dariani und Gadowski kennen sich aus Kassel, wo beide das Wilhelmsgymnasium besuchten.

Nach ein paar Wochen in Leipzig darf Dariani zur US-Tochter Spreadshirt, Inc. In einem Vorort von Pittsburgh arbeitet das Team quasi von einer Fabrikhalle aus, Dariani macht Marketing, das gefällt ihm, vor allem aber durchleuchtet er nebenbei den US-Markt nach Geschäftsideen, die es in Deutschland noch nicht gibt. Netflix zum Beispiel, damals ein Versandhandel für Leih-DVDs, klingt nach einer Möglichkeit.

Dann aber entdeckt Dariani ein soziales Netzwerk für Studenten: Facebook. Die Seite von Gründer Mark Zuckerberg ist noch nicht einmal anderthalb Jahre alt, aber schon jetzt haben 85 Prozent aller US-College-Studenten einen Account, zwei Drittel davon loggen sich täglich ein. Dariani soll für Spreadshirt Werbung auf der Seite buchen, aber um sich anzumelden, braucht er eine College-Email-Adresse. Ein Bekannter des lokalen Spreadshirt-Chefs ist Professor in Pittsburgh, er überlässt Dariani seinen Account. „Ich war baff“, erinnert der sich heute. „Zig Millionen Amerikaner nutzen tagtäglich ein Kommunikationsmittel, das in Kontinentaleuropa keiner kennt! Es wäre doch cool, das auch in Deutschland zu haben.“

Er weiß aber auch: Um so etwas umzusetzen, braucht er einen Techie. „Ich kann ja nicht mal richtig Microsoft Excel“, sagt er. Anfang Juli schreibt Dariani an Dennis Bemmann: Lass uns das in Deutschland probieren.

Bemmann steht kurz vor dem Studienabschluss, ihm fehlt nur noch die Diplomarbeit. „Ich bin wohl nicht der risikofreudigste Mensch der Welt“, gibt Bemmann heute zu. Aber der Zeitpunkt zum Ende des Studium sei ideal gewesen, „weil man nichts zu verlieren hat“. Er sagt sich: „Wenn das was wird, ist gut. Wenn nicht, kann ich zumindest sagen: Ich hab mal was gegründet.“ Für Dariani ist die Gründung von StudiVZ eher „wie eine Verzweiflungstat. Wenn ich einen tollen Lebenslauf, ein tolles Netzwerk, die Chance auf ein hohes Gehalt bei den Big-Five-Companys und einen komfortablen Einstieg gehabt hätte, dann hätte ich das vielleicht nicht gemacht.“ Gleichzeitig denkt auch er: Das Risiko ist überschaubar. „Nach einem halben Jahr weißt du, entweder fliegt das Ding und dann wirst du reich und berühmt, oder es fliegt nicht, und dann musst du dir erstmal einen Beraterjob in Berlin suchen.“

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Noch im Sommer beginnen sie in Berlin mit der Arbeit an der Seite. Gewerkelt wird im WG-Zimmer oder im Café. Dass sie sich, was Funktionalität und Design angeht, stark am US-Vorbild orientieren, bringt ihnen später Kritik ein. Facebook verklagt den deutschen Klon deshalb sogar, doch verurteilt wird StudiVZ nie.

Am 30. Oktober 2005 sitzt Ehssan Dariani in einem Internetcafé am Rosa-Luxemburg-Platz und meldet das Unternehmen an. Weil das billiger ist als eine deutsche GmbH, lässt Dariani das Startup von einer Agentur in Großbritannien eintragen. Zum Start hält er 45,9 Prozent der Anteile, Bemmann 44,1 Prozent, die restlichen 10 Prozent Spreadshirt-Chef Lukasz Gadowski. Ihn und seinen Mitgründer Matthias Spieß konnten sie überzeugen, 10.000 Euro Startkapital zu geben. Im Vergleich zu heutigen Seed-Runden ist das „extrem wenig“, gibt Bemmann zu. „Gut, wir waren auch ein ziemlich chaotischer Haufen. Aber wir haben aus unseren wirklich bescheidenen Mitteln das Maximum herausgeholt.“ Gadowski berät die beiden Junggründer auch, er hat auf viele der Fragen, die beim Startup-Aufbau immer wieder auftauchen, schon eine Antwort.

Bilder: Dariani, Jugend forscht

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