Tarek Mueller Collins

Mitten in der zwölften Klasse habe ich die Schule abgebrochen. Da ich damals nicht den Mumm hatte, es meinen Eltern direkt zu sagen, dachte ich, es wäre klug, erstmal eine längere Mail zu schreiben, sodass die beiden es sacken lassen können. Meine Eltern haben die Mail kürzlich wieder entdeckt. Ist mittlerweile fast zehn Jahre alt. Also: Wer von Euch Schülern/Studenten ein Template braucht, hiermit stelle ich meine Mail Open-Source. :)


Von: Tarek Müller – NetImpact

Datum: 8. Januar 2007 23:26:20 MEZ

Betreff: Kleine Erklärung

Liebe Eltern,

Diesen Text habe ich bereits gestern geschrieben und wollte ihn euch heute Abend geben, bevor ich es euch sage.

Ich habe das Gefühl, in meiner Firma schon lange meine Lebensaufgabe gefunden zu haben. Meine Firma ist bereits ein Teil meines Lebens und meiner Persönlichkeit. Das klingt bestimmt voll komisch, aber Handel und Wirtschaft und so sind einfach meine Passion, ohne die mein Leben total langweilig und doof wäre. Und ich weiß, bzw. bin mir sicher, dass ich, egal was passiert, immer das machen werde und will. Ich möchte niemals in meinem Leben als Angestellter irgendeine Arbeit machen müssen, an der ich nicht selbst mitgestalten kann. Also nicht falsch verstehen, ich würde sogar 10 Stunden am Tag als Tellerwäscher arbeiten, wenn ich damit meine selbstständige Nebentätigkeit finanzieren müsste. Aber auf irgendwas mit Selbstständigkeit oder Wirtschaft könnte ich niemals mehr in meinem Leben verzichten.

In letzter Zeit bin ich mir immer sicherer geworden, dass meine Arbeit etwas ist, dessen ich mich zu 100% hingeben möchte. Sprich: Ich möchte mich völlig frei und losgelöst von irgendwelchen Zwängen und Bindungen meiner Arbeit hingeben können. Momentan ist das aber absolut nicht möglich, da mir immer die Schule im Weg steht. Ich kann nichts Längerfristiges planen und viele Sachen, die ich unbedingt machen möchte, nicht machen und bin deshalb oft total unzufrieden mit der Situation…….

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Ich habe in letzter Zeit auch immer mehr bemerkt, dass ich die Schule einfach nur hasse, da sie mir die Zeit stiehlt, die ich eigentlich unbedingt mit etwas anderem verbringen möchte. Das hat zur Folge, dass ich die Schule immer nur ablehne. Ich habe dieses Semester zwar noch ziemlich gute Noten, weiß aber, dass das nur daher kommt, dass ich weiß, wie man effektiv in 20 Minuten alles Wichtige lernen kann und weil ich kreativ bin im Ausdenken von Spickmethoden. Aber aus der Schule selbst nehme ich eigentlich so gut wie nichts mit an Wissen, Erfahrung oder sonstigen persönlichen Bereicherungen.

Mama selbst sagt, dass man nicht wegen den Informationen und so zur Schule geht, sondern für die persönliche Entfaltung. Das Problem ist aber, dass ich mit meiner momentanen Ablehnung absolut nichts aus der Schule mitnehme und ich weiß, dass das immer stärker wird.

Man sagt ja so, dass man sich in seiner Abi-Phase nur auf das Abi konzentrieren sollte usw. usw. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass das leider stimmt. Wenn man sich nämlich nicht „nur auf sein Abi konzentriert“, kommt man z.B. in den Leistungskursen überhaupt nicht mit. Ich allerdings konzentriere mich während der Schule einigermaßen auf die Schule, aber direkt nach der Schule fahre ich zur Arbeit und all meine Gedanken sind bei meiner Arbeit. So komme ich allerdings nie dazu, mich auch nach der Schule mal um Schule zu kümmern, nur kann das halt langfristig nicht gut gehen in der Schule, wenn man selbst zum Abi nichts Zuhause lernt und arbeitet.

Was ich mit dem Ganzen sagen möchte: Dadurch, dass mir die Schule viel Energie raubt und ich mich nur wegen der Schule nicht auf die Sachen konzentrieren kann, auf die ich es gerne möchte, hasse ich die Schule. Was zur Folge hat, dass ich sie nicht ernst nehme und wenig für die Schule mache. Auch kann ich, wenn ich z.B. am Abend an etwas Coolem gearbeitet habe, nicht am nächsten Tag damit weitermachen, sondern habe dazwischen immer so einen anderen Block, auf den ich mich konzentrieren muss. Diese Haltung kann man aber nicht lange durchhalten, wenn man sein Abi schaffen will.

Deshalb möchte ich mit Schule erst mal für ein halbes Jahr aufhören. In der Zeit habe ich quasi perfekte Bedingungen, um das zu machen, was ich möchte, völlig ohne Hürden. Nach dem halben Jahr werde ich selbstkritisch ein Fazit aus dem halben Jahr ziehen. Und wenn ich sehe, dass meine Arbeit wirklich das ist, was ich quasi als meine Lebensaufgabe bezeichnen könnte, hör ich komplett mit Schule auf und mach irgendwann mal Abendabi, bevor ich Kinder kriege, damit ich denen nicht sagen muss, dass ich kein Abi habe, wenn die mal fragen. Wenn ich allerdings erkenne, dass ich mir da irgendwas was vorgemacht habe oder mich in etwas reingesteigert habe oder so, mache ich mein Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium (da macht man ganz normales Abi, kein Fachabi oder so, also damit kann man auch überall studieren und so).

Tarek Müller: Vom Shisha-Verkäufer zum Hoffnungsträger für Otto

Vom Shisha-Verkäufer zum Hoffnungsträger für Otto

Tarek Müller baute mit 15 Jahren seinen ersten Onlineshop – für Shishas und Pokerzubehör. Heute ist er Seriengründer, Investor und Hoffnungsträger der Otto-Gruppe.

Ich weiss, das ist doof und ihr werdet es nicht mögen, aber wenn ich noch weiter in der Schule hocken muss, werde ich mein Abi momentan bestimmt nur mit Ach und Krach schaffen und total unzufrieden und mit aller bösesten Gedanken aus der Schule gehen, wobei die Schule ja eigentlich gar nicht so schlimm ist…. Ich hoffe, ihr toleriert meine Entscheidung.

Und damit Mama es nicht falsch versteht: Ich bin/werd keiner von diesen Workaholics, die sich in einen dunklen Raum einschließen und da 24 Stunden am Tag arbeiten, ohne sich zu duschen und nie mit anderen Menschen sprechen und so. Ich bin und bleib ja eher ein gesellschaftlicher Mensch, der gern feiert und Kontakt mit Frauen hat und so und ich gründe auch bestimmt mal ne Familie und so, aber ich sehe meine Selbstständigkeit halt als etwas, was mich mein ganzes Leben begleitet……..

Und um auf diesem Weg noch ein bisschen zu schleimen: Ich hab euch eigentlich noch nie gesagt, dass ich euch echt dankbar bin für meine Erziehung. Ich glaube, aus der Reaktion der anderen entnehmen zu können, dass ich eigentlich eine einigermaßen interessante Person bin, der man auch gerne mal zuhört und die sehr kreative und detaillierte Welt-, Religions- und Persönlichkeitsanschauungen hat, die jeder respektiert und viele auch bestaunen. Aber wenn ich das mal so reflektiere, ist das nur ein Mix aus euren beiden Ansichten und meiner liberalen Erziehung, in der ich mich, glaube ich, recht gut entfalten konnte. So wie ich das sehe, bildet ihr einen guten Mix aus Liebe, Naivität, Subjektivität, Objektivität und Intelligenz. Und wenn ich mal eigene Kinder habe, werde ich versuchen, sie genauso zu erziehen!

Tarek

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog von About-You-Gründer Tarek Müller.

Bild: Collins

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