Tarek Müller im Büro von Collins

Ein Unternehmen aufzubauen ist für Tarek Müller fast so selbstverständlich wie für andere Menschen Zähneputzen. Elf Firmen hat der Halbägypter bereits gegründet, an knapp 20 weiteren ist er beteiligt – und das alles mit gerade einmal 26 Jahren. Harte Arbeit? Müller, grauer Wollpulli, die schwarzen Dreads im Nacken verknotet, überlegt. „Der Begriff Arbeit ist häufig negativ behaftet. Klar arbeite ich viel, aber mir bringt das Spaß. Arbeit, das heißt für mich Freiheit und Dinge gestalten zu können und Verantwortung zu übernehmen.“

Dass er gerne arbeitet, merkte er bereits im Alter von 13 Jahren. Damals wollte er mit seinen Freunden Computer spielen und einer aus der Gruppe musste die Webseite dafür bauen. Das Los fiel auf ihn. Also brachte sich Müller selbst programmieren bei und lernte, Werbung einzubinden, um den Server zu finanzieren. Für den damals 14-Jährigen ein Schlüsselerlebnis: Das, was er tat, war für andere Menschen offensichtlich so wichtig, dass sie bereit waren, Geld dafür zu bezahlen. „Das war viel cooler als daddeln.“

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Müller hatte nun ein neues Hobby: Er begann, weitere Webseiten zu bauen, zu optimieren und zu monetarisieren. Schule war Nebensache. „Mich hat es angenervt, in einem Klassenraum eingesperrt zu sein und mir Dinge ohne praktischen Bezug anzuhören, die ich auch schnell selbst googeln konnte.“ Der gebürtige Hamburger ist ein Fan von Eigeninitiative: Wo andere darauf warten, dass sie ein Problem erklärt bekommen, startet er erst einmal eine Google-Recherche. Noch heute macht er sich über den Tag Notizen zu Sachen, die er nicht kennt und durchforstet abends das Internet.

Die Schule verließ er nach der zwölften Klasse mit dem Fachabi. Damals war er bereits mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Mit 15 Jahren hatte er begonnen, eigene Onlineshops aufzubauen, unter anderem für Shishas und Pokerzubehör. „Nur virtuell zu arbeiten, das war mir zu einseitig. Beim Onlinehandel lassen sich die Vorteile des Internets mit physischen Produkten verbinden.“ Das Geschäft lief gut, schon bald lag der Umsatz im siebenstelligen Bereich. Dann kam der Rückschlag: Mit 17 Jahren schrammte er haarscharf an der Privatinsolvenz vorbei, weil ein chinesischer Händler nicht lieferte. Müller hatte ihm Vorkasse geleistet. Doch trotz Schulden in Höhe von 150.000 Euro machte er weiter – und lässt sich seitdem nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. „Dinge funktionieren halt manchmal nicht – aus verschiedenen Gründen. Das ist kein Weltuntergang.“

Nach der Fast-Pleite schrieb Müller mehrere Firmen an, ob er dort einige Wochen lang unbezahlt mitarbeiten könne – immer zusammen mit den Geschäftsführer persönlich. Er wollte lernen, wie andere Unternehmen geführt werden. Einer, der ihn sehr geprägt hat, ist der Hamburger Werbe-Guru Stefan Kolle. „Davor dachte ich, Unternehmer seien diese unsympathischen Typen mit gegelten Haaren und dickem Porsche.“ Kolle habe ihm vorgelebt, dass ein erfolgreicher Unternehmer genau das Gegenteil sei: fair, bodenständig und verantwortungsbewusst. Auch Müller selbst ist einer, mit dem man sich sofort abends auf ein Bier treffen würde. Und das mit dem Porsche fällt bei ihm eh flach: Der überzeugte Bahn- und Fahrradfahrer hat keinen Führerschein.

In den Folgejahren baute Müller verschiedene Agenturen und E-Commerce-Geschäftsmodelle auf, darunter NetImpact, Pixes (das mit Facelift zusammengelegt wurde), Netshops und eTribes. Das Wachstum der Firmen finanzierte er dabei aus den laufenden Einnahmen, ohne VC oder Bankkredit. Das fieberhafte Werben um Fremdkapital vieler Jungunternehmer sieht er kritisch: „Mich stört es, wenn Gründer ihren Erfolg nur darüber definieren, wie viel VC-Geld sie einsammeln. Ich glaube, dass man viel mehr lernt, wenn man am Anfang versucht, etwas mit seinen eigenen Mitteln hochzufahren. Und schlussendlich geht es nicht um die Höhe des Investments, sondern darum, was man damit tut – das sollte immer der Fokus sein.“

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Project Collins von der Hamburger Otto-Gruppe ist das erste Unternehmen, bei dem er mit Fremdkapital arbeitet. Dafür sind es gleich 300 Millionen Euro. Vor dem Start von Collins, zu dem die Marken About You und Edited gehören, war Müller bereits mehrere Jahre als Berater für die Otto-Gruppe tätig gewesen. Dann hieß es: Schreib doch mal einen Business-Plan für uns, wie wir eine junge Zielgruppe ansprechen können. „Von dem Konzept war ich von Anfang an sehr überzeugt“, sagt er. Trotzdem lehnte er zunächst ab, als der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Otto Group, Rainer Hillebrandt, ihn fragte, ob er den Plan in die Praxis umsetzen wolle. „Ich hatte zu der Zeit sechs erfolgreiche und profitable Unternehmen, über 100 Mitarbeiter und machte mehrere Millionen Euro Umsatz. Warum hätte ich etwas verändern sollen?“ Schließlich entschied er sich doch dafür, das Angebot anzunehmen, um gemeinsam mit der Otto-Gruppe „etwas ganz Großes“ machen zu können.

Neun Monate hat er mit seinen neuen Chefs verhandelt, auch um sich so viel unternehmerischen Freiraum zu schaffen wie möglich. Freiheit und Unabhängigkeit, seien für ihn das allerwichtigste, sagt Müller. Zehn Monate ist das Projekt inzwischen am Markt, der Umsatz ist im zweistelligen Millionenbereich – am heutigen Montag sollen weitere Zahlen bekanntgegeben werden. Geschäftsführer Müller ist zufrieden: „Wir haben uns noch viel besser entwickelt als geplant und unser Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft.“ Daran wird er nun weiter arbeiten. Für die Zeit nach Collins hat er auch schon Pläne: Irgendwann, sagt er, will er raus aus der Wirtschaft und eine Unternehmung im Non-Profit-Bereich gründen.


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Philipp Westermeyer. B2B-Online-Marketing ist eine erfolgsversprechende Branche, aber nicht gerade sexy. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - lässt Westermeyer sich immer wieder etwas einfallen, um die Aufmerksamkeit auf sich und seine Firmen zu lenken. Neuester Coup: Onlinemarketing Rockstars Daily, ein etwas anderes Branchenmedium.

Bild: Collins / Katja Scherer für Gründerszene