taxi apps limousinen apps

„Plietsche Jungs“ führen eine kleine Revolution herbei

Bei den großen Verbänden und Taxizentralen nannte man sie damals „die plietschen Jungs“, was ins Hochdeutsche übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie „die klugen Jungs“. Denn als Niclaus Mewes und Sven Külper 2009 auf die gut vernetzte Lobby der hiesigen Taxiindustrie zutraten, wollten sie nichts Geringeres, als einen disruptiven Wandel des Segments herbeiführen: Taxibestellung per Smartphone-App.

Die Reaktionen lassen sich wohl erahnen. Das Duo aus Hamburg stand nach einer deutlichen Absage ungewollt vor der Überlegung, ob sie aufgeben sollten oder ob das anvisierte Geschäft ohne die Taxizentralen funktionieren würde. Mewes und Külper entschieden sich für den schwierigeren Weg und bauten mit „Mytaxi“ in rasanter Geschwindigkeit Deutschlands erfolgreichste App zur Bestellung von Taxis auf.

Wieder einmal war ein neuer Markt geschaffen worden, der ohne das Internet zuvor ineffizient abgebildet wurde und neben der Dominanz der Taxizentralen bis dahin vor allem eines bedeutete: hohe Transaktionskosten. Dabei lag der Gedanke so nah, dass sich Nutzer mit ihren Smartphones von überall aus ein Taxi rufen wollen würden. Entsprechend euphorisch wurde MyTaxi angenommen. Nutzer luden sich den neuen Helfer in Massen herunter und Taxifahrer feierten die junge App als ihren Weg zur Emanzipation von den bis dato vormächtigen Taxizentralen.

MyTaxi avancierte schnell zum deutschen Platzhirschen und wurde schließlich sogar auf allen Samsung-Geräten vorinstalliert, was den Hamburgern nach eigenen Angaben dabei half, es auf rund zehn Millionen Downloads zu bringen. Es folgten Auszeichnungen und die Expansion über die deutschen Grenzen hinaus – kurzum: ein Wachstumssegment war entdeckt. Doch wie ist es heute, fünf Jahre nach dem Start mit inzwischen potenter US-Konkurrenz um das Segment der Taxi-Apps bestellt?

Ein Blick auf den Wettbewerb der Taxi-Apps

An der deutschen Vormachtsstellung von MyTaxi hat sich bis heute nicht viel geändert, wohl ist das Feld der Wettbewerber aber größer und zersplitterter geworden. Während MyTaxi nach wie vor als unangefochtener deutscher Marktführer gelten darf, haben auch die Taxizentralen nachgezogen und mit Taxi.eu eine Antwort auf den zunächst überraschenden Wettbewerber gefunden. Deutlich kleiner als der Pionier aus Hamburg, bietet Taxi.eu eine vergleichbare App für iPhone und Android, die im Gegensatz zu MyTaxi aber keine korrespondierende Fahrer-App benötigt, sondern Anfragen einfach auf die bestehende Zentralen-Hardware der Fahrer weiterleitet.

Anzeige
Ein Fahrer, der durch die Taxi.eu-Apps Aufträge erhält, bemerkt also in der Regel gar keinen Unterschied zu seinen sonst durch die Zentralen vermittelten Anfragen. Ein strategischer Vorteil, der Taxi.eu die Reichweitengewinnung auf der Fahrerseite erspart und nicht nur durch die Dachmarke Taxi.eu, sondern auch durch unterschiedliche Ableger-Apps der regionalen Zentralen bedient wird.

In ganz ähnlicher Form hat sich seit seinem Start im Juni 2012 auch das unter anderem durch Thomas Promny und Holger Johnson finanzierte Taxi.de positioniert. Das ebenfalls in Hamburg ansässige Unternehmen ist auf Zentralensoftware spezialisiert und stellt unterschiedlichen Taxizentralen eine Vermittlungstechnologie zur Verfügung, die dem Angebot von MyTaxi gleicht.

Vervollständigt wird das Wettbewerbsfeld durch kleinere Wettbewerber wie Cab4Me, das vor allem auf Vorbestellungen ausgerichtete BetterTaxi oder Taxi Deutschland, ebenfalls ein Zusammenschluss unterschiedlicher Taxizentralen, sowie Aberdutzende von regionalen Angeboten, die es zumeist nur auf eine kleine Anhängerschaft bringen und den Wettbewerb weiter zerfasern.

Da es mit Ausnahme von MyTaxi praktisch allen Anbietern an einem relevanten Funding fehlt, vermag sich dem Anschein nach jenseits von MyTaxi allenfalls Taxi.eu zu behaupten. Dabei spielt zum einen der direkte Zugang auf die existierende Hardware zahlreicher Fahrer eine wichtige strategische Rolle, zum anderen der Umstand, dass das Unternehmen mit Kampfpreisen, die bei monatlich einem Euro je Fahrer liegen, vor allem darauf bedacht ist, den Markt gegenüber Wettbewerbern abzuschotten.

Der direkte Fahrerzugang wird so zum Hauptvorteil von Taxi.eu, das auf Endkundenseite dennoch kaum Bekanntheit genießt. Dort ist es nach wie vor MyTaxi, dass durch geschicktes, angeblich nicht ganz billiges, Marketing eine breite Bekanntheit errungen hat und mit der Daimler-Tochter Car2go, T-Venture und der KfW über potente Investoren verfügt. Und auch die in die App integrierte Payment-Abwicklung beschert dem Unternehmen bisher ein Alleinstellungsmerkmal mit großer Kundenbindung.

Auch ein Blick auf die verfügbaren Zahlendaten des Segments (siehe Abbildung oben) macht deutlich, dass MyTaxi um den Faktor zehn bis 20 größer ist als sein Wettbewerb und sowohl eine internationalere Verbreitung genießt als auch deutlich mehr (und oft bessere) Bewertungen eingefahren hat. Eine valide Zahlenbetrachtung der unterschiedlichen Apps ist an den meisten Stellen dennoch Makulatur, fehlt es doch gerade bei den Installs an verlässlichen Daten, während scheinbar eindeutige Faktoren wie die Anzahl der angebundenen Taxis danach variieren kann, ob eine vollständige Vermittlungsautomatisierung oder die Vergabe von Vorbestellungen betrachtet wird.

So oder so bleibt festzuhalten, dass MyTaxi hierzulande die unangefochtene Nummer eins stellen dürfte, wenngleich aus dem Wettbewerbsfeld der Hamburger zu hören ist, ob das Unternehmen seinen Zenit nicht überschritten und sich mit Deutschland auf einen komplexen und teuren ersten Markt konzentriert habe, der das Unternehmen viel Geld kostete. Wirkliche Konkurrenz hat MyTaxi aber anscheinend vor allem auf dem internationalen Parkett zu fürchten.

International weht ein scharfer Wind ins Gesicht

Anzeige
Während auf deutschem Boden die Karten recht eindeutig verteilt sind, gestaltet sich das internationale Geschäft noch einmal deutlich wettbewerbsintensiver und durch die von Land zu Land unterschiedlichen Regularien und Markteigenheiten auch komplexer. Während MyTaxi in Deutschland die Pole Position belegt und auch in Österreich, der Schweiz und Polen recht ungestört zu Werke gehen kann, trifft das Hamburger Unternehmen in Spanien bereits auf den mit rund 77 Millionen Dollar durchfinanzierten US-Wettbewerber Hailo. Das Unternehmen mit Sitz in New York stellt angesichts einer Präsenz in sieben Ländern und 13 Städten also potente Konkurrenz dar und blickt auf hohe Bewertungen im App und Google Play Store.

Ähnlich sieht dies bei Gettaxi (das zum Teil auch nur als Gett firmiert) aus, das mit seinen zirka 42 Millionen US-Dollar Funding bisher in vier Länder und 20 Städte expandiert ist und nur noch durch Uber, jenen Hybrid aus Limousinenservice und Taxi-App, übertroffen wird, das mit 307 Millionen US-Dollar Kapital mehr als das Siebenfache aufgenommen hat und so bereits in 35 Nationen und 71 Städten am Start ist.

Über das kontroverse Geschäftsmodell hinter Uber wird im Folgenden noch zu reden sein, vor allem macht die breit aufgestellte US-Konkurrenz aber klar, dass das Rennen um den dortigen Markt hart und teuer wird. Zwar ist auch MyTaxi bereits in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten übergesiedelt und genießt den Vorteil, mit Deutschland als stark reguliertem Heimatmarkt einen hohen Standard etabliert zu haben, doch Hailo und Gettaxi haben das Modell aus Hamburg sehr gekonnt nachgebaut und sind deutlich besser finanziert.

Hinzu kommt, dass in den USA durch die gesonderte Regulierungslage selbst Mitfahrdienste wie Lyft oder Sidecar zur Konkurrenz für Taxi-Apps avancieren und den Markt zusätzlich verdichten. Auch jenseits dieser großen Platzhirsche finden sich zahlreiche regionale Anbieter, darunter etwa das indische Ola Cabs, das türkische BiTaksi, das rumänische Star Taxi, das russische Yandex.Taxi, das brasilianische Taxija, das französische Taxis Bleus oder das polnische Wezwij Taxi, um nur einige der Tausenden von regionalen Taxi-Apps zu nennen.

Und dann ist da noch ein weitere Akteur, der sich bisher vor allem auf bevölkerungsstarke Entwicklungsmärkte fokussiert, aber auch auf dem US-Markt bereits einen Fuß in der Tür hat: Easy Taxi aus dem Hause Rocket Internet. Mit ihrem ursprünglich 2012 in Brasilien gestarteten Dienst haben es die Samwers verstanden, rasant an Reichweite zu gewinnen und sind nicht nur in exotischen Märkten rund um den Globus unter den Topanbietern, sondern verfügen auch über zahlreiche positive Bewertungen in den App Stores.

Angeblich rund 50.000 Fahrten pro Tag soll Easy Taxi mittlerweile vermitteln und auch wenn es ebenso heißt, dass sich die Samwers bisher nur auf Reichweite konzentrieren und bei der Monetarisierung eher hinterherhinken, würde dies bei 79 Cent pro vermittelter Fahrt Einnahmen von knapp 40.000 Euro am Tag beziehungsweise fast 1,2 Millionen Euro im Monat bedeuten. Wie man die Samwers kennt, dürfte Easy Taxi noch tiefrote Zahlen schreiben und auf Wachstum setzen, die Entwicklung bei den Samwers scheint aber in die richtige Richtung zu gehen. Bitte wenden – hier geht’s zu Seite 2.

Bild: thesupe87 / PantherMedia

Seite 1 von 4