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Ein Beitrag von Neelie Kroes, seit 2010 EU-Kommissarin für die Digitale Agenda.

Meine Meinung zu den Taxiprotesten und was sie für die Sharing Economy bedeuten

Hiermit möchte ich auf die Nachrichten zu den verbreiteten Streiks und den zahlreichen Versuchen eingehen, Taxi-Apps in Europa zu beschränken oder zu verbieten.

Viele Menschen wissen, wie sehr mich die Reaktionen von Behörden und Taxifahrern auf das Aufkommen von Diensten wie Uber in Brüssel, Berlin, Mailand, Madrid und weiteren Städten Europas erzürnt haben. (Es gibt in Europa übrigens zahlreiche Mitbewerber und verwandte Dienste wie DJump, Taxipal, Taxify, Hailo oder BlaBlaCar.) Jedoch wird klar, dass die Debatte von größerer Bedeutung ist.

Denn die Debatte über Taxi-Apps ist eigentlich eine Debatte über die Sharing Economy. Sie zwingt uns zum Nachdenken über die bahnbrechenden Effekte digitaler Technologien und den Bedarf an Unternehmern in unserer Gesellschaft. Darum geht es in Wahrheit bei den Taxi-Protesten.

Es ist richtig, mit Menschen Mitleid zu haben, die plötzlich mit schwerwiegenden Veränderungen in ihrem Leben umgehen müssen. Taxifahrer müssen ihre Familien ernähren und ihre Zukunft planen. Aber wie können sie das, wenn in dieser Zukunft preisliche Konkurrenz von Seiten Ubers oder auch führerlose Autos eine Rolle spielen? Der Taxifahrerberuf kann wahrlich ein schwieriger sein. Viele Fahrer sind zudem in einem teuren Lizenzierungssystem gefangen, in welchem ihre Lizenz effektiv einen Teil ihrer Altersvorsorge ausmacht. Darum hilft es meiner Meinung nach nicht, die Sorgen von Taxifahrern bezüglich neuer Formen von Konkurrenz einfach abzutun. Vor der Debatte weglaufen können wir aber auch nicht.

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Ob es nun um Taxis, Unterkünfte, Musik, Flüge, Nachrichten oder was auch immer geht: Tatsache ist, dass digitale Technologien viele Aspekte unseres Lebens verändern. Diese Herausforderungen können wir nicht durch Wegschauen, Streiks oder Verbotsversuche bewältigen.

Darum funktionieren Streiks nicht. Anstatt „unsere Arbeitsgeräte niederzulegen“, brauchen wir einen echten Dialog, in dem über diese von Technologie hervorgerufenen Umwälzungen gesprochen wird.

Wir müssen verstehen, dass die Veränderung, obwohl sie Anpassungen erfordert, auch ein Zeichen für den großen Bedarf an Unternehmern, und einen Fortschritt für uns Verbraucher darstellt. All diese Blickwinkel müssen berücksichtigt werden.

Es handelt sich, denke ich, um eine grundlegende Wahrheit, dass Europa mehr Unternehmer braucht: Menschen, die uns durchschütteln und wachrütteln und dabei Arbeitsplätze und Wachstum generieren.

Wir brauchen außerdem Dienste, die für den Verbraucher konzipiert sind. Die herkömmliche Herangehensweise, Dienste und Vorschriften auf die Produzenten hin auszurichten, funktioniert heute nicht mehr. Diese müssen gehört werden, doch wenn man Systeme um die Produzenten herum konzipiert, zieht dies mehr Gesetze und Vorschriften (an denen die Menschen angeblich nicht interessiert sind) nach sich. Diese Gesetze veralten schnell und bevorteilen diejenigen, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung die beste politische Lobbyarbeit betrieben.

Im Vergleich mit einem System, das allen Verbrauchern hilft und Unternehmer antreibt, ist das ein sehr altmodisches. In unserer Wirtschaft brauchen wir diese beiden Elemente, wenn wir nicht von Ost und West überholt werden wollen. Man wird uns als den Ort kennen, der früher einmal die Zukunft war und stattdessen zum Tourismus-Spielplatz und Pflegeheim für die Welt geworden ist. Solch eine Zukunft möchte ich nicht für Europa. Das ist nicht die Welt, in der ich meine Enkel aufwachsen sehen will.

Deshalb habe ich meine Stimme für Taxi-Apps erhoben. Weil die bahnbrechende Kraft der Technologie insgesamt etwas Gutes ist. Sie bringt einige Arbeitsplätze zum Verschwinden und verändert andere. Doch sie macht die meisten Jobs leichter und schafft auch neue.

Ohne die Nutzung digitaler Technologien wandern Millionen von Jobs einfach ab und die Europäer werden wütend darüber sein, die Annehmlichkeiten ausgeschlagen zu haben, die Menschen in Asien, Australien, Amerika und Afrika als selbstverständlich ansehen. Viele der Menschen, die diese Innovationen schaffen, werden aus Amerika und anderen Orten kommen, doch genauso viele Innovatoren werden von hier kommen und der Rest der Welt wird uns um sie beneiden. All dies wird zu unserem Wohlstand beitragen.

Akteure der Sharing Economy wie Fahrer, Unterkunftanbieter, Besitzer von Geräten und Handwerker – all diese Menschen müssen ihre Steuern zahlen und sich an die Gesetze halten. Und es ist die Aufgabe von nationalen und lokalen Behörden, dies zu kontrollieren. Doch der Rest kann sich nicht in einer Höhle verstecken.

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Taxis können die Vorteile der Innovationen in einer Art für sich nutzen, die Verbrauchern gefällt – sie können früher ankommen, große Veranstaltungen besser bedienen, es könnte mehr von ihnen geben, ihre Arbeitszeiten könnten flexibler und an die Bedürfnisse der Fahrer angepasst sein – und Apps helfen ihnen dabei.

Allgemeiner ausgedrückt: Das Gesetz hat nicht die Aufgabe, dich anzulügen und zu sagen, dass alles immer bequem oder morgen genau wie heute sein wird. Das wird es nicht. Doch nicht nur das. Du und deine Kinder, ihr werdet es schwerer haben, wenn wir so tun, als müssten wir nichts verändern. Wenn wir nicht gemeinsam darüber nachdenken, wie wir von diesen Veränderungen und neuen Technologien profitieren können, werden wir alle leiden.

Darum ist es für Menschen innerhalb der einzelnen Länder und auf internationaler Ebene an der Zeit, sich an einen Tisch zu setzen und sich vernünftige Gedanken zur Implementierung von Innovation zu machen. Wir können nicht eine Gruppe von Bürgern kriminalisieren oder Touristen von Orten wegtreiben, die Geld brauchen, um einige wenige Branchen zu schützen, die meinen, von der digitalen Revolution ausgenommen zu sein. Das ist allen anderen gegenüber weder fair noch realistisch.

Wenn ich eins aus den jüngsten Europawahlen gelernt habe, dann, dass wir in Europa nichts durch das Weglaufen vor bitteren Wahrheiten erreichen. Es ist an der Zeit, sich den Tatsachen zu stellen: Digitale Innovationen werden fortbestehen. Wir müssen mit ihnen und nicht gegen sie arbeiten.

Dieser Artikel erschien im Original auf Neelie Kroes’ Blog. Aus dem Englischen übersetzt von Magdalena Räth.
Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Upplandsmuseet