Tech-Blase

Ein Beitrag von Christoph Janz, Mitgründer und Managing Partner bei Point Nine Capital.

Blase 2.0?

In einem kürzlich erschienenen Interview mit dem Wall Street Journal sagte Bill Gurley, General Partner bei Benchmark und einer der cleversten und erfolgreichsten VCs aller Zeiten, dass ihn die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung an die Tech-Blase der späten Neunziger erinnere.

„Täglich verstärkt sich mein Gefühl: Ich finde, dass das Silicon Valley als Ganzes oder die Venture-Capital-Szene beziehungsweise Startup-Szene im Moment enorm hohe Risiken eingeht – wie zuletzt 1999. In gewisser Weise nicht so dumm wie ’99 und in gewisser Weise dümmer als damals.“

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Das vollständige Interview im Wall Street Journal ist hinter einer Bezahlschranke, hier gibt es aber eine Zusammenfassung.

Befinden wir uns also in einer Blase? Aus der Beantwortung dieser Frage könnte aufgrund der vielen zu berücksichtigenden Aspekte leicht ein Buch entstehen, stattdessen möchte ich hier drei Gründe darlegen, weshalb wir uns meiner Meinung nach in einer Tech-Blase befinden – und drei Gründe, weshalb das Gegenteil der Fall sein könnte.

Drei Gründe, warum wir uns gerade in einer Tech-Blase befinden

1) Sogenannte „Unicorns“ und Unternehmen, die potenziell welche werden könnten, können offenbar so viel Geld aufnehmen, wie sie möchten – und das bei extrem hohen Bewertungen. Zwar ist es nachvollziehbar, dass große Wachstumsfonds alles daran setzen, in eines der wenigen Unternehmen zu investieren, die groß genug werden, um den Renditeerwartungen zu genügen. Doch nach meiner Einschätzung wird zu viel Geld an zu wenige „sichere“ Erfolgskandidaten vergeben.

2) Im Silicon Valley herrscht ein harter Konkurrenzkampf um Seed- und Early-Stage-Investments, der dazu führt, dass Deals in atemberaubendem Tempo und bei ständig steigenden Bewertungen abgeschlossen werden. Noch vor wenigen Jahren brachten Startups aus dem Accelerator Y Combinator ihr Startkapital normalerweise bei Bewertungen von vier Millionen US-Dollar auf. Vor rund zwei Jahren waren daraus acht Millionen geworden, und mittlerweile scheinen sich zwölf Millionen Dollar als Standard etabliert zu haben.

Dies mag zwar bei einigen Startups auf vernünftigen Bewertungen fußen, doch wenn die meisten Startups Seed-Runden bei achtstelliger Bewertung abschließen, spricht dies meines Erachtens dafür, dass Investoren immer risikoblinder werden.

3) Der Kampf um Talente wird im Silicon Valley immer härter, und was Startups tun (und vielleicht tun müssen), um Mitarbeiter anzulocken und mehr Aufmerksamkeit zu erregen, nimmt teilweise verrückte Züge an. Ich habe von Startups gehört, die Büros in Top-Lage in San Francisco mieten – um vom Publikumsverkehr zu profitieren. Dabei mag es sich mitunter sogar um einen cleveren Zug der Unternehmer handeln (und es liegt in der Natur von Blasen, dass rationale Entscheidungen von Einzelpersonen zu irrationalen Ergebnissen führen), jedoch geraten dabei meine „Blasen-Alarm-Antennen“ in Schwingung.

Drei Gründe, die dagegen sprechen

1) Die Menge an Wagniskapital, die heute in Internet-Startups fließt, bewegt sich deutlich unter den Werten von 1999 und 2000. Laut der National Venture Capital Association und des PWC MoneyTree Report investierten VCs 1999 und 2000 um die 23,8 Milliarden beziehungsweise 41,8 Milliarden US-Dollar in Internetunternehmen. 2013 lag der Wert bei sieben Milliarden und in der ersten Jahreshälfte 2014 bei 4,9 Milliarden US-Dollar.

2) Es gibt keine IPO-Blase. In den 1990ern kaufte wirklich jeder Internetaktien. Unternehmen mit vernachlässigbar geringen Einnahmen gingen an die Börse und erreichten Marktwerte von Milliarden US-Dollar. Was heute passiert, kommt dem nicht einmal nahe. Heute gehen reife Unternehmen mit zig-Millionen-hohen Einnahmen und starken Marktpositionen an die Börse. Ob der Aktienmarkt in den kommenden ein bis zwei Jahren um 20 bis 50 Prozent ansteigen oder fallen wird – ich habe keine Ahnung, aber mit Sicherheit werden nicht Dutzende von börsennotierten Internetunternehmen pleite gegangen sein.

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3) Jenseits der San-Francisco-Bay-Area nehme ich kaum Anzeichen einer Blase wahr. In Europa gibt es nicht so viele Business Angels und VCs, und die meisten US-VCs investieren nicht in europäische Startups. In der Konsequenz stellt sich die Kapitalbeschaffung in eigentlich allen Phasen für die meisten europäischen Unternehmer als schwierige Aufgabe dar.

Befinden wir uns also in einer Blase oder nicht? Bezüglich VC-Investitionen im Valley würde ich „Ja“ sagen, was aber nicht heißt, dass sie in naher Zukunft platzen muss, vor allem, wenn man bedenkt, wie weit wir von einer Situation wie 1999/2000 entfernt sind. Was Europa betrifft, würde ich sagen: Nein, non, nej, ei, ohiohi, nē und nee.

Dieser Artikel erschien im Original auf Christoph Janz‘ Blog The Angel VC. Aus dem Englischen übersetzt von Magdalena Räth.
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