Christoph Gerlinger

Christoph Gerlinger, CEO der German Startups Group

Mindestens zehn Millionen Umsatz

VCs, Business Angels, Crowdfunding – die Finanzierungsmöglichkeiten für Startups sind so vielfältig wie nie. Wozu also noch ein spezielles Börsensegment? Christoph Gerlinger, CEO des Investors German Startup Group, sieht dennoch viele Vorteile für Startups in einem unter anderem vom früheren Wirtschaftsminister Rösler angestoßenen „neuen Neuen Markt“. Welche das sind, welche Pflichten auf gelistete Jungunternehmen zukommen und warum er sich so stark für ein High-Tech-Börsensegment einsetzt, verrät er im Gespräch.

Christoph, Du setzt Dich stark für ein neues Hochtechnologie-Börsensegment ein. Warum?

Weil ein Land der Innovationen wie Deutschland das genauso braucht wie zum Beispiel die USA ihre Nasdaq. Das schafft nach meiner Überzeugung Wohlstand, nämlich Wachstum, Arbeitsplätze, Vermögen, Steuereinnahmen.

Aber haben die potenziellen Investoren und Anleger den Crash des Neuen Marktes überwunden?

Ich denke ja. Der Neue Markt als Börsensegment war auch nicht schuld an den Überbewertungen mit nachfolgendem Kurseinbrüchen, die als „Platzen der New Economy Bubble“ bekannt geworden sind. Dieses Phänomen ließ sich auch außerhalb Deutschlands überall beobachten. Und die größte einzelne Aktionärsvermögensvernichtung ausgehend vom Emissionskurs fand auch gar nicht im Neuen Markt statt, sondern unter den Augen der Politik und breiten Öffentlichkeit im Prime Standard und sogar im Dax-Index, nämlich bei der Aktie der Deutsche Telekom.

Ab welcher Größe wäre ein High-Tech-Börsensegement für Startups sinnvoll?

Eigentlich erst ab etwa zehn Millionen Euro Umsatz. Zudem sollte eine Bewertung von rund 40 Millionen Euro zumindest realistisch sein, damit etwa zehn Millionen Euro Streubesitz vorhanden sind. Man darf wohl mind. 25 Prozent Streubesitz unterstellen, der Rest wird ja weiter von Gründern und den bisherigen Kapitalgebern gehalten.

Aber gibt es denn genug Jungunternehmen in Deutschland, die in diese Kategorie passen?

Sicherlich. Ich würde schätzen: so an die 100.

Zum Beispiel?

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Ich kann keine Börsenkandidaten aus unserem Portfolio nennen, weil dann jeder Leser unterstellt, dass ich da mehr wüsste, das mit dem Portfoliounternehmen abgesprochen habe oder gar ein IPO konkret geplant sei, was nicht der Fall ist. Nicht auszuschließen wäre das bei der Seltenerden Storkwitz AG. Außerhalb unseres Beteiligungsportfolios öffentlich als Börsenkandidat bekannt ist Zalando. Deutsche Unternehmen wie zum Beispiel Sociomantic, Wooga, Soundcloud oder Researchgate wären sicherlich auch börsenfähig, als nächstes vielleicht auch Unternehmen im Whatsapp-Segment wie Threema oder Hoccer.

Muss ein Tech-Unternehmen profitabel sein, um an der Börse erfolgreich sein zu können?

Nein, das muss es nicht. Allerdings sollte eine Verringerung der Anlaufverluste in Richtung Profitablität in jedem Fall erkennbar sein. Ansonsten wird es schwierig, institutionelle Investoren zu überzeugen.

Weil die sich nicht allein von gutem Marketing beeinflussen lassen werden, sondern sich die Zahlen genauer ansehen?

Ja natürlich. Professionelle Investoren werden ein neues Börsensegment sicherlich ohnehin mit viel Aufmerksamkeit beobachten, weil sie an neuen Anlagemöglichkeiten mit viel Potenzial interessiert sind. Entsprechend wichtig ist es, dass die ersten Börsengänge sexy sind.

Ein IPO dürfte allerdings für die Startups auch nicht ganz billig werden…

Etwa 100.000 Euro kostet das im Jahr, inklusive Hauptversammlung, den anfallenden Börsen-Gebühren, den notwendigen Dienstleistern und einer Agentur für Investor Relations.

Das ist viel Geld. Lohnt sich ein IPO für Startups überhaupt, auch angesichts der höheren Transparenzanforderungen und der damit verbundenen Kosten?

Ich denke schon. Wenn durch den Börsengang zehn Millionen Euro ins Unternehmen kommen, ist das ja gerade einmal ein Prozent. Die Finanzierung via Private Equity, Venture Capital et cetera gibt’s ja auch nicht ohne Kosten. Außerdem geht es ja nicht allein um das zusätzliche Kapital, sondern auch um die öffentliche Aufmerksamkeit oder zum Beispiel die Möglichkeit, werthaltige Aktienoptionen für Mitarbeiter umsetzen und so Talent anziehen und binden zu können: Virtual Shares bringen dem Mitarbeiter nur mittelbar etwas beim Exit, börsennotierte Aktien lassen sich jederzeit verkaufen.

Und Aktien können aus Unternehmenssicht bei Übernahmen als Zahlungsmittel eingesetzt werden…

Richtig, wie es zum Beispiel Facebook gerade bei Whatsapp oder Oculus VR praktizert hat. Und das funktioniert nur, wenn die Aktien auch börsennotiert sind. Sonst wird kaum ein Verkäufer sie als Gegenleistung akzeptieren, weil die Bewertung – sprich: der Kaufpreis – sonst nicht klar ist und er ihn nicht liquidieren kann.

Trotzdem bleibt der höhere Aufwand hinsichtlich des Börsenprospekts und des Reportings.

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Der Wertpapierverkaufsprospekt muss nur einmal erstellt werden, ist aber auch eine gute Übung. Das Reporting wird in einem Tech-Segment aller Wahrscheinlichkeit nach halbjährlich abgegeben werden müssen, dem Finanzinvestor muss man in der Regel monatlich Rechenschaft ablegen und zwar oft detaillierter. Unter dem Strich wird also kaum mehr von gelisteten Unternehmen erwartet.

Und die Altivestoren – bekommen die ein besonderes Reporting?

Sie bekommen nach dem IPO das gleiche Reporting im gleichen Rhythmus. Eine unterschiedliche Behandlung erlaubt schon das AktG gar nicht. Und es werden ja immer 100 Prozent der Anteile gelistet, auch wenn sie nicht verkauft werden.

Startups sind ja nicht gerade dafür bekannt, offen mit Informationen um sich zu werfen. Welche Transparenz-Pflichten kommen bei einem IPO auf sie zu?

Es müssen etwa die Directors Dealings gemeldet werden, wenn also Aktien vom Management ge- oder verkauft werden. Zudem gibt es eine Ad-hoc-Veröffentlichungspflicht bei größeren Neuigkeiten wie etwa Zukäufen oder Strategieschwenks. Die gibt es gegenüber Finanzinvestoren auch, nur da bleibt es vertraulich zwischen beiden Parteien.

Stichwort Börsenlandschaft: Wer sind die größten Wettbewerber bei den Handelsplätzen?

Das sind die Tech-Handelsplätze in London und den USA. Gerade vor wenigen Tagen hat die Nasdaq mit dem Nasdaq Private Market sogar ein Segment für den vorbörslichen Handel von StartupAktien gestartet.

Spielt es für das Unternehmen selbst eine Rolle, wo es notiert ist? Oftmals kommt ein mitunter wesentlicher Teil der Investoren nicht aus Deutschland. Sollten dann auch Startups über einen IPO im Herkunftsland des größten Investors nachdenken?

Nein, die Landesbörsen sollten lieber gewährleisten, dass die Heimatunternehmen in ihrem Land eine für sie passendes, attraktives Börsensegment vorfinden. Die Investoren kommen von allein und es ist ihnen egal, wo sie die Aktie eines guten Berliner Unternehmens kaufen.

Christoph, Danke für das Gespräch!

Bild: German Startups Group