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Vom 08. bis 10. September 2008 fand die TechCrunch50-Konferenz in San Francisco statt. Mit dabei waren 52 StartUps, die in diesen drei Tagen gelauncht wurden. Pitches, Panel-Diskussionen, Interviews und eine Menge spannender Ankündigungen waren einen Trip nach San Francisco mehr als wert.

Moderiert wurde die Konferenz von Michael Arrington und Jason Calacanis von TechCrunch. Eine ihrer größten Herausforderungen bestand darin, den 1.700 Teilnehmern zu erklären, warum es auf einer Technologiekonferenz kein verlässliches W-LAN gibt. Die Lösung kam am zweiten Tag: Verlegung hunderter Ethernet-Kabel.

Nachdem die drei Tage interessanterweise mit dem Singen der amerikanischen Nationalhymne eröffnet wurden, ging es in die erste Session der Firmenvorstellungen. Die zwölf Sessions richteten sich thematisch nach den adressierten Problemlösungen der StartUps:

  • Youth and CultureMemes and News
  • Enterprise
  • Advertising and Commerce Monetarization
  • Collaboration
  • Finance and Statistics
  • Mobile
  • Language and Communication Tools
  • Rich Media
  • Games
  • Vertical Social Networking
  • Research and Recommendations

Dazwischen gab es Panel-Diskussionen und Interviews mit Prominenz aus dem Valley, Investmentbereich, Hollywood, Entrepreneurs und Meinungsmachern. Mit dabei unter anderen: Tim O´Reilly, Chris DeWolfe, Ron Conaway, Chris Sacca, Marc Benioff, Joi Ito, Mark Cuban, Don Dodge und viele mehr..

Unter dem Motto „Hollywood goes Silicon Valley“ sprachen unter anderem Hollywood-Produzenten wie Joss Whedon, Stan Robgow und Matthew Diamond über den Trend in der Branche, interaktive Komponenten in ihr Programm mitaufzunehmen. Erst im März letzten Jahres haben sich Fox und NBC zusammengetan, um die Videoplattform Hulu zu gründen. Der Verdrängung des TV-Programms durch vergleichbare Internetangebote steht Hollywood jedoch gelassen gegenüber: „There´s a place for every technology, so people will keep on sitting back digesting TV“ (Joss Whedon).

Aber nun zu den Highlights des diesjährigen TechCrunch50:

  • Blahgirls, gekonnt in Szene gesetzt von Hollywood-Prominenz Ashton Kutcher, ist eine Plattform rund um up to date „Celebrity-Gossip“. Drei schrille Comic-mädels bevölkern die Website und versorgen den Besucher mit Informationen, die die Welt braucht.
  • Dotspots ist ein semantisches Annotationssystem. Nach dem Prinzip „wisdom of the crowds…anywhere“ werden Texte von Nutzern getagged, woraus dann personalisierte Vorschläge für andere Leser generiert werden. Downside: Serverseitige Einbindung auf Partnerseiten.
  • Fairsoftware bietet eine Location, um online ein virtuelles Business zu starten. Mit ein paar Klicks können Produkte kreiert und Firmenanteile zugewiesen werden. Es war niemals einfacher, Mitgründer loszuwerden (hierfür ist sogar ein Button in Form eines Mülleimers vorgesehen).
  • Opentrace aggregiert Informationen über Produktmaterialien und berechnet den ökologischen Einfluss auf die Umwelt eines jeden Produkts.
  • OtherInbox bietet einen neuartigen Ansatz, um E-Mail-Overload vorzubeugen – die Lösung für so genannte Trashmail-Accounts. Anstatt also eine einzelne Adresse wie JohnDoe@gmail.com zu haben, wird jedem Nutzer ein eigener Domainname zugewiesen. Somit kann für jede Gelegenheit eine individuelle E-Mail-Adresse spontan angelegt werden, wie zum Beispiel wie-vertrauenswuerdig-ist-studiVZ@johnDoe.com.
  • Tonchidot sorgte für den Höhepunkt an Unterhaltungswert der Veranstaltung. Die Applikation: Location-based Echtzeit-Informationsanzeige zu allen Objekten, die vor die iPhone-Kamera kommen. Leider konnten weder die Jury noch Jason Calacanis aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten nicht dahinterkommen, woher die Daten kommen und ob die atemberaubende Technologie auch tatsächlich auf die sich „von Zeit zu Zeit verändernde“ Umgebung angewandt werden kann. Berechtigter Konter von Seiten Tonchidots: „We have a patent. Join us!“
  • Swype stellte seine neuartige Technik für Texteingabe auf mobilen Endgeräten vor. Durch bloßes „Wischen“ über die Tastatur berechnet ein Wörterbuchalgorithmus die wahrscheinlichste Eingabe. Jury und Publikum waren begeistert von der patentgesicherten Technologie. Patent und „Neuartigkeit“ von Swype dürfte insbesondere Shapewriter interessieren, die diese Technik bereits vor einigen Jahren herausbrachten.
  • Videosurf ist eine Computer-Vision-Suchmaschine, welche in der Lage ist, Videosequenzen aufzudröseln und voll durchsuchbar zu machen. Filmsequenzen können nun endlich per Gesichtserkennung nach Schauspielern durchforstet werden.
  • Fotonauts gibt an, Bilder zu „befreien“. Eine extrem mächtige Desktop-Applikation, welche kollaborative Fotoalben ermöglicht und sie mit einer Reihe von Online-Communities vernetzt.
  • Bojam, ein Online-Music-Collaboration-Service, ermöglicht es Musikern, über die Welt verteilt Musik zu mixen, zu produzieren und aufzunehmen. Musikaufnahme im Browser und Zusammenstellen verschiedenster Tonspuren zu einem kollaborativen Songergebnis.
  • Akoha ist ein reality-based Onlinegame mit dem Ziel, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Angeregt von der TED-Konferenz in Monterey setzten sich die Gründer unter dem Motto „Ideas big enough to change the world“ zusammen und entwickelten diese neue Spielform. Spieler sammeln „Karmapunkte“, indem sie Menschen ihrer Umwelt kleine Freuden machen und durch das Prinzip „play forward“ verpflichten, gute Taten weiterzugeben. Ein Spiel mit viralen Effekten und noch dazu weltverbessernd. Mal sehen, ob es sich bis nach Deutschland vorspielen lässt.
  • Soziales Netzwerken durfte natürlich auch auf TechCrunch50 nicht fehlen. Mit dabei eine Plattform für Vogelbeobachter (Birdpost) – angeblich ein 18 Millionen Nutzer großer Markt –, sowie eine Community für Tote (Footnote). Als ob es nicht schon schwierig genug wäre, Social-Networks-Platformen mit quicklebendigen Nutzern zu füllen. Footnote wirft ein gänzlich neues Licht auf den Begriff „Karteileichen“.
  • Closet Couture bietet eine Modeplattform für Frauen, die Überblick und Rat für ihren Kleiderschrank suchen. Persönliche Stylistinnen geben Tipps zur Kombinationswahl für das abendliche Outfit. Die Chance, dass eine solche Plattform in den USA fliegt, ist wohl doch etwas größer als bei den doch eher modebewussten Vertreterinnen der europäischen Kleidungskonsumentinnen.
  • Causecast verbindet Non-Profit-Organisationen, Meinungsmacher und solche, die einen positiven Impact auf die Welt haben wollen. Hier können sich Hilfsorganisationen u.ä. vorstellen, offiziell von Celebrities unterstützt werden und dadurch Besucher der Plattform zur Unterstützung inspirieren.
  • Iamnews wurde mit seinem globalen News-Service vom Publikum zum Demopit-Award-Winner gekürt. Durch die Beteiligung und Bündelung von User-generated Content will Iamnews sich eines Tages AP und Reuters annehmen.
  • GoodGuide sammelt allerhand Informationen über den gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Einfluss von Produkten und Firmen. Auf dieser Basis werden Empfehlungen und Ratings für über 60.000 Produkte generiert. „Right for you and good for the planet“ – Die Jury stimmte zu und bestimmte GoodGuide zum Topfavoriten des TechCrunch50-Gewinners.

Doch nun zum Gewinner des TechCrunch50. 50.000 US-Dollar und die gesamte TechCrunch.Publicity gingen an Yammer. Diese Firma handelte nach allbewährtem Rezept: Ein erfolgreiches, bereits etabliertes Konzept auf die nächste evolutionäre Stufe gehoben. Herausgekommen dabei: Twitter für Unternehmen. „What´s happening at your company?“, „What are you working on?“ Yammer bietet also Firmenaccounts zur Vernetzung und Kommunikation der Mitarbeiter untereinander. Offensichtlich überzeugt von diesem Konzept überreichte die Jury CEO David Sacks das Preisgeld. Sicherlich eine dieser Ideen, denen man nachsagt: „Dass darauf nicht schon längst jemand gekommen ist!“ (Auf das Design der Page jedenfalls schon…) Glückwunsch, Yammer!

Ankündigungen wurden ebenfalls einige im Konferenzrahmen gemacht. Aufsehenerregendste sicherlich die Ansage von Google, alle Zeitungen der Welt in Original-Optik online per Volltextsuche zugänglich zu machen. Nach fleißigem Bücherscannen nun also der Angriff auf die vergilbten Zeitungsarchive auf dem Weg zur Bibliothek von Alexandria.

Auch Chris DeWolfe, CEO von MySpace, ließ sich in einem Interview die Ankündigung des noch für September geplanten Launch von MySpace Music entlocken. Gepartnert mit einigen mächtigen Vertretern der Musikindustrie wird es also künftig Musik-Downloads und -Streaming auch auf MySpace geben.

Weiteres Highlights des TechCrunch50 war das Interview mit Mark Cuban, Vorstand von HDNet und HDTV cable network, sowie Eigentümer des Dallas Mavericks Basketball-Teams. Der mit 30 „in Rente gegangene“ Multimilliardär sprach über seine zahlreichen Gründungen, darunter MicroSolutions und Broadcast.com.

In einer der Panel-Diskussionen wurde der Frage nach der Rolle der Angel-Investoren in StartUps nachgegangen. Kernaufgabe sei es hierbei, Netzwerk miteinzubringen und Schwachstellen der Firma aufzudecken. Überraschende Übereinstimmung fanden ein Großteil der Panelisten in der Wichtigkeit der lokalen Nähe zwischen Investor und Firmensitz. Chris Sacca tätigt demnach seine Investments nur in Firmen „a skateboard ride from my home“. Ähnlich Ron Conway: Für den früheren Angel-Investor von Google und PayPal besteht die StartUp-Welt nur aus zwei Teilen: Silicon Valley und der Rest. Er investiert grundsätzlich nur in einen davon.

Wonach suchen diese Investoren in einem Gründerteam? Daraufhin Yossi Vardi (Israelischer Entrepreneur und früher Investor in ICQ): „Top talents! You want to give your scholarship to nice people, not to idiots. Business Modells are a terrific sector in Science Fiction, so I don´t read them. The more attractive the Business Model looks like, the higher the losses at the end of the day“. Für Ron Conway sind „good chemistry, flexibility, passion and intellectual property“ Schlüssel zum Erfolg bei Investoren. Chris Sacca sieht das eher sportlich. Er mag athletische Gründer. Nicht nur, weil Athleten im Teamsport zu Hause sind, sondern vielmehr, weil diese in der Lage sind, Arbeit und Freizeit zu balancieren.

Auf die Frage der Involvierung des Investors in die Firma entgegnete Matt Coffin, Gründer von LowerMyBills.com: „It´s the business of the entrepreneur – 25 hours, 8 days a week“.

Soweit ein kurzer Überblick dreier äußerst spannender Tage im Herzen San Franciscos. Neben den präsentierenden Firmen wurde zahlreichen StartUps die Möglichkeit auf „Eyeballs“ auf der Ausstellungsfläche gegeben. Unter anderem war auch die Truppe von Plista aus Berlin zugegen. Das von ihnen vorgestellte soziale Empfehlungsnetzwerk für relevanten Content im Web hat ebenso wie die von ihnen organisierte After-Party-Party für Begeisterung und große Aufmerksamkeit gesorgt.

„Entrepreneurs are the crystal balls of future innovation“ (Ron Conway)