Teleclinic Team

Patrick Palacin (CTO), Katharina Jünger (CEO) und der Radiologe Reinhard Meier haben zusammen Teleclinic gestartet.

Jeder, der schon einmal eine mehr oder minder schwere Krankheit hatte, kennt dieses Problem: Einen spontanen Termin bei einem Arzt zu bekommen, ist beinahe unmöglich. Auch wenn es nur um eine schnelle Beratung geht – oder man eine zweite Meinung einholen möchte. Die Lösung? Häufig wenden sich Kranke an Dr. Google. Nutzer mit Kopfschmerzen bilden sich nach einer oberflächlichen Recherche ein, sie hätten einen Hirntumor. Leichte Bauchschmerzen werden sofort als Darmgeschwür diagnostiziert.

Auch der Münchner Gründer und Arzt Reinhard Meier kennt dieses Problem. Als Oberarzt der Radiologie arbeitete er am Klinikum rechts der Isar der TU München und am Universitätsklinikum Ulm. „An der Universität habe ich gesehen, dass unheimlich viele Menschen mit unzureichenden Diagnosen und nicht den optimalen Therapie-Empfehlungen zu uns kommen“, sagt Meier. Mit Recherchen im Internet hätten sich die Patienten „gefährliches Halbwissen“ angelesen und seien anschließend verunsichert.

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Mit Teleclinic hat der Radiologe nun ein Startup gegründet, das Patienten eine digitale Sprechstunde via Chat, Video oder Telefon mit Ärzten anbietet. Seine beiden Mitgründer, Katharina Jünger (CEO) und Patrick Palacin (CTO), sind mit 25 und 24 Jahren deutlich jünger als der 38-jährige Meier. Über das Startup-Programm CTDM der Münchner Universitäten LMU und TU haben sich die drei kennengelernt. Mit ihrer Idee für ein Telemedizin-Startup konnten die Gründer 600.000 Euro von dem Exist-Programm des Bundeswirtschaftsministerium und Business Angels wie den Stylight-Gründern, StudiVZ-Macher Michael Brehm oder Ex-Web.de-Manager Urs Keller einsammeln.

Nutzer können von 6 bis 23 Uhr über die Webseite oder die Teleclinic-App mit einem Arzt verbunden werden, wirbt das Startup auf seiner Seite. Eine finale Diagnose dürfen die Ärzte rein digital aber nicht geben – auch ein Rezept dürfen sie nach deutschem Recht nicht ohne Untersuchung ausstellen. Aber: „Wir können unsere Nutzer zu Gesundheitsthemen aller Fachrichtungen beraten, beispielsweise zu bestimmten Medikamenten wie der Pille danach“, erläutert Meier, der selbst Patienten über die Plattform betreut, bei einem Gespräch in München. „Ebenso können wir eine zweite Meinung, beispielsweise für Krebstherapien geben. Besonders viele Nutzer wollen eine Zweitmeinung im Bereich Orthopädie, weil hier immer noch viel zu häufig zu einer Operation geraten wird – auch wenn eine konservative Therapie ausreicht.“

18 Ärzte seien in dem festen Netzwerk von Teleclinic, erzählt uns sein Mitgründer Patrick Palacin. 100 weitere Ärzte seien im Bedarfsfall ebenfalls verfügbar. Bisher kämen die meisten von ihnen über das Netzwerk von Reinhard Meier. „Jeder Arzt merkt, dass in der Medizin gerade viel digitalisiert wird“, berichtet dieser. „Insofern sind die Kollegen unserer Idee gegenüber sehr offen und wollen ihren Patienten das anbieten.“

Von anderen Ärzte-Hotlines der gesetzlichen Krankenkassen unterscheidet sich Teleclinic, weil die Nutzer über die Plattform eine digitalen Patientenakte mit Dokumenten erstellen können, die der Arzt nach Freigabe des Patienten einsehen kann. Für die kommenden Monate seien weitere Features geplant. „Kurzfristig wollen wir eine Plattform anbieten mit allen Informationen, die für Ärzte wichtig sind“, beschreibt Meier. Eine ähnliche Vision hat das US-Unternehmen Doctor On Demand, aber auch das New Yorker Startup Oscar, das hauptsächlich als Versicherer agiert.

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Bisher hat Teleclinic einen Vertrag mit der privaten Versicherung Barmenia abgeschlossen, die für jeden Anruf zahlt und eine jährliche Gebühr an das Startup entrichtet. Drei weitere private Krankenkassen sollen in diesem Jahr folgen. Langfristig wollen die Versicherungen so unnötige Arztbesuche verhindern, ihre Kosten senken – und zudem junge Versicherte gewinnen. Gesetzlich Versicherte müssen an Teleclinic einen monatlichen Fixbetrag aus eigener Tasche zahlen. Für 6,99 bis 8,99 Euro können Nutzer bis zu fünfmal im Monat mit einem Arzt sprechen oder chatten. „Wenn ein Patient akut Hilfe benötigt, machen wir natürlich eine Ausnahme“, lenkt Gründer Patrick Palacin ein.

Palacin ist auch für die Datensicherheit bei Teleclinic zuständig, eine der wichtigsten Aufgaben für das Startup, wie die Gründer mehrmals betonen. „Wir müssen dem Patienten jederzeit die Hoheit über seine Daten garantieren und dürfen unbefugten Dritten auf keinen Fall Zugriff gewähren, deswegen müssen alle Daten verschlüsselt gespeichert werden“, sagt Palacin. „Außerdem müssen wir für die Dokumentationspflicht alle Daten für zehn Jahre speichern.“ Diese Daten würden deswegen ausschließlich auf deutschen Servern liegen.

Seit Anfang Mai ist Teleclinic live – im Schnitt sind die bisherigen Nutzer 50 Jahre alt. Die Gründer hat das überrascht: „Die ältere Generation ist digital affiner als wir anfangs dachten“, sagt Palacin. Für dieses Jahr rechnet er mit einem sechsstelligen Umsatz für Teleclinic, für 2017 schon mit einem „höheren siebenstelligen Umsatz“. Schließlich geht es um die Entmachtung von Dr. Google.

Unsere Redakteurin Hannah Loeffler ist diese Woche in München, um dort spannende Gründer und ihre Startups kennenzulernen. Für Anmerkungen und Ideen schreibt ihr eine Mail an hannah@gruenderszene.de.

Bild: Teleclinic