Pavel Durov Jacob Burda

Der Telegram-Gründer in München – und in bester Gesellschaft: Pavel Durov (links) mit Verlegersohn Jacob Burda bei einem DLD-Dinner im Januar

„Wird Telegram das nächste Berlin-Einhorn?“ Mit dieser mutigen These überschrieb der Fachblog Digital Kompakt vor kurzem einen Text über den populären WhatsApp-Konkurrenten, hinter dem der schillernde VKontakte-Gründer Pavel Durov steht. Dabei ist es zwar durchaus denkbar, dass Telegram irgendwann eine Milliarden-Bewertung erreicht. Was aber nicht ganz klar ist: Ob es sich bei Telegram wirklich um ein Berliner Startup handelt.

Denn obwohl das Unternehmen regelmäßig behauptet, dass Telegram von Berlin aus betrieben würde und in der deutschen Hauptstadt seine Zentrale hätte, gibt es dafür bis heute keinen handfesten Beleg. Das Startup weicht Nachfragen nach dem Standort immer wieder aus.

Warum ist das wichtig? Telegram bewirbt den eigenen Dienst als besonders sichere und transparente Alternative für WhatsApp, anders als beim US-Branchenprimus seien bei Telegram sämtliche Daten sicher vor dem Zugriff von Sicherheitsbehörden oder anderen Unbefugten. Als Chef seiner ersten Gründung, dem Facebook-Pendant VKontakte, fiel Pavel Durov beim Kreml in Ungnade, weil er sich dem Zensurdruck des Regime nicht beugen wollte. Gemeinsam mit seinem Bruder Nikolai und einer Reihe von Entwicklern verließ Durov das Land, um sich dem neuen Projekt eines sicheren Messengers zu widmen.

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Heute betont das Startup auf seiner FAQ-Seite, Telegram sei „weder rechtlich noch physisch mit Russland verbunden“. Und: „Telegrams Hauptquartier ist in Berlin.“

Kein Impressum, keine GmbH, lauter Sackgassen

Aber ist das wirklich so? Zweifel an der Behauptung kamen immer wieder auf, zuletzt unternahm die Welt am Sonntag eine Spurensuche – mit magerem Erfolg. Unter Berliner Verschlüsselungsexperten wisse niemand, „wo sich das Büro befinden soll“, schreiben die Journalisten, „niemand kennt jemanden, der dort arbeitet“. Beim Bezirksamt Berlin-Mitte sei ein Gewerbetreibender mit dem Namen Durov nicht bekannt. Dafür würde der Bundesdatenschutzbeauftragte gern mehr über das Startup erfahren, die WamS zitiert ihn mit dem vielsagenden Satz: „Probleme der Auffindbarkeit der hinter Telegram stehenden Firma können also durchaus bestätigt werden.“

In der Tat ist das kein leichtes Unterfangen. Der übliche und einfachste Weg, mehr über den Anbieter eines digitalen Produkts in Deutschland herauszufinden, führt über das Impressum der Website. Doch Telegram.org hat kein Impressum. Registriert wurde die Domain über den Dienst Domains by Proxy, mit dem Website-Betreiber ihre Identität verschleiern können. Eine Sackgasse.

Der nächste Versuch: die App-Stores. Die Telegram-App gibt es für die meisten gängigen Betriebssysteme. Doch als Anbieter tauchen immer wieder unterschiedliche Unternehmen auf: Mal ist es die Telegram Messenger LLP, mal Telegram LLP, Telegram LLC oder Digital Fortress LLC.

Was sind das für Unternehmen? Die Telegram Messenger LLP ist in London registriert, als Gesellschafter treten zwei Firmen aus Steueroasen auf: die Dogged Labs Ltd., angemeldet auf den Britischen Jungferninseln, und die Telegraph Inc., registriert in Belize. Das Londoner Unternehmen ist eine Briefkastenfirma – unter der angegebenen Adresse sind mehr als 10.000 Firmen registriert. Wo die Telegram LLP sitzt oder ob sie noch existiert, lässt sich nicht sagen. Die Telegram LLC wurde im US-Bundesstaat Delaware von einer Registrierungsagentur angemeldet, genauso wie die ebenfalls mit Durov in Verbindung stehenden Unternehmen Pictograph LLC und Durov LLC. Die Digital Fortress LLC hat ihren Sitz in Buffalo im US-Bundesstaat New York. Ein deutsches Unternehmen lässt sich mit Telegram nicht in Verbindung bringen.

„Undurchsichtiges Netz von Briefkastenfirmen“

Einige der US-Firmen, die mit Telegram zu tun haben, waren dafür in der Vergangenheit schon Gegenstand von gerichtlichen Auseinandersetzungen: Der kremlnahe russische Investmentfonds United Capital Partners, der 2013 bei VKontakte eingestiegen war, sah sich als Eigentümer der Telegram-App, weil sie während Durovs Zeit bei dem sozialen Netzwerk entwickelt worden war, und ging gegen Durov vor. Das führte dazu, dass der Gründer während eines Zeitraums von mehr als einem halben Jahr keinen Zugriff auf die Version der App hatte, die in Apples App-Store angeboten wurde. Im November 2014 soll der Rechtsstreit beigelegt worden sein, über die damit verbundenen Bedingungen ist nichts bekannt.

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Das „undurchsichtige Netz von profitorientierten Briefkastenfirmen“, wie die Washington Post das Konstrukt kürzlich bezeichnete, hat Pavel Durov mit Absicht so errichtet. Wie frühere Weggefährten des Gründers der Post berichteten, wollte er damit nicht nur Steuern vermeiden und günstigere Verträge mit lokalen Datenzentren aushandeln können, es ging ihm auch darum, die tatsächliche Urheberschaft der Telegram-App zu verschleiern. Durov will es so jeder denkbaren Regierung unmöglich machen, ihn vorzuladen oder zur Herausgabe von Nutzerdaten zu zwingen. „Als ausländisches Unternehmen und Offshore-Körperschaft werden wir nicht dazu verpflichtet sein, den Regeln von Russland, China, Saudi-Arabien und anderen solcher Staaten folgen zu müssen“, erklärte Durov schon 2013.

Pavel Durov schreibt an Gründerszene

Nach mehreren erfolglosen Versuchen antwortete der Telegram-Gründer vor einigen Monaten auch auf eine Gründerszene-Anfrage und die Bitte, den Unternehmenssitz in Berlin nachzuweisen. Dies lehnte er dankend ab. Er würde „nichts davon haben“, diese Information preiszugeben, schrieb Durov in einer Mail. Seine Erklärung:

„In den fast zwei Jahren seiner Existenz hat Telegram kein einziges Byte an Nutzerdaten für Dritte zugänglich gemacht, auch nicht für staatliche Stellen. Das ist nicht nur möglich durch technische Maßnahmen wie Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und eine dezentrale Rechenzentren-Infrastruktur, sondern auch durch eine unkonventionelle rechtliche und organisatorische Struktur unseres Projekts. Teil dieser Struktur ist, dass wir niemals die exakten Positionen unserer Büros oder die Namen der juristischen Personen öffentlich machen, die wir nutzen, um die Büros anzumieten. Wir würden nichts davon haben, diese Informationen zu veröffentlichen; wir würden damit nur die Privatsphäre unseres Teams aufs Spiel setzen und uns zu einem einfacheren Ziel für Datenanfragen machen.“

Ob er mit der Verschleierungstaktik allerdings auf Dauer das Vertrauen der Nutzer gewinnen kann, ist fraglich. Schließlich ist durch das Unternehmenskuddelmuddel völlig unklar, welchen Datenschutzregeln sich Telegram verpflichtet fühlt – den strengen deutschen, den etwas laxeren britischen oder gar den kaum vorhandenen US-amerikanischen? Wahrscheinlich ist die richtige Antwort: Telegram unterwirft sich nur seinen eigenen Regeln.

Wer steckt dahinter – und wenn ja, wie viele?

Für seinen Dienst wirbt Durov nicht nur damit, dass er besonders sicher sei, Telegram soll nach seinen Worten auch gemeinnützig und nicht profitorientiert sein und bleiben. „Gewinne zu erzielen wird nie das Ziel von Telegram sein“, heißt es auf der FAQ-Seite. Ein gemeinnütziges Unternehmen oder eine Stiftung, die das garantieren könnte, ist allerdings nicht bekannt. Vergangenen Sommer erzählte Durov der Financial Times, dass er monatlich etwa eine Million US-Dollar für Equipment-, Personal- und Reisekosten im Zusammenhang mit Telegram aufbringen müsse. Durch den Verkauf seiner VKontakte-Anteile soll Pavel Durov über ein Privatvermögen von etwa 300 Millionen US-Dollar verfügen – aber selbst damit wird er nicht ewig das Messenger-Projekt querfinanzieren können.

Ein von Pavel Durov (@durov) gepostetes Foto am

Wo sich Pavel Durov selbst herumtreibt, lässt sich am besten über seinen Instagram-Account nachvollziehen. Hier sein jüngster Post – aus Dubai.

Und noch etwas ist bei Telegram intransparent: Es ist bis heute nicht ganz klar, welche Personen hinter der App stehen. Neben Durov haben an der Konzipierung und Einrichtung von Telegram auch sein ehemaliger Vize bei VKontakte, Ilya Perekopsky, sowie der US-Amerikaner David „Axel“ Neff mitgewirkt. Mit beiden überwarf sich Durov später.

Die Urheberschaft am Code der App schreibt Durov seinem Bruder Nikolai zu, einem 35-jährigen hochbegabten Mathematiker; auf Github, wo Telegram Teile des Quellcodes veröffentlicht, finden sich auch die Namen von Entwicklern wie Mikhail Filimonov, Peter Yakovlev oder Igor Zhukov. Offizielle Kontaktperson ist ein gewisser Markus Ra, der auch immer wieder in Medienberichten auftaucht, allerdings nur über den Messenger zu erreichen ist.

Im Herbst 2015 sagte Durov auf einer Konferenz in San Francisco, hinter Telegram stehe ein 15-köpfiges Team von digitalen Nomaden, die immer wieder an anderen Orten arbeiteten. Gegenüber der FT sprach er von einem „Kernteam von vier Entwicklern“, die mit ihrer Arbeit umherzögen. „Wir wählen einen Ort aus und bleiben dort zwei oder drei Monate, dann ziehen wir zum nächsten Ort um. Adios.“ Durov, der eigentlich ukrainisch-russische Wurzeln hat, reist laut FT mit einem Pass des Inselstaats St. Kitts und Nevis.

2014 und 2015 hat sein Team nach eigener Aussage mal in London oder Paris gearbeitet, mal eine Zeit in Finnland, außerdem in San Francisco, New York – und, zugegebenermaßen, auch in Berlin.

Mitarbeit: Christina Kyriasoglou; Bild: © Hubert Burda Media / Brauer Photos