Ankur Jain

Humin-Gründer Ankur Jain

Humin: eine „soziale Schicht über iOS und Android“

Es ist nicht die erste Startup-Kooperation der Telekom – im Zusammenhang mit ihrem Spotify-Angebot hat der rosa Riese aus Bonn hierzulande die Netzneutralitätsdebatte kräftig befeuert. Abseits dieser Diskussion arbeitet der Telekommunikationskonzern künftig auch mit dem US-Startup Humin zusammen. Letzteres hat sich zum Ziel gesetzt, die Telefon-Funktion auf Mobiltelefonen durch die eigene, schlauere App zu ersetzen.

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„Mit Humin lassen sich Kontakte nach ihrer Bedeutung für den Menschen verwalten und nicht anhand ihrer Reihenfolge im Alphabet. Humin denkt mit“, wirbt das Unternehmen. Kunden der Telekom sollen dabei von speziellen Features profitieren, wie beispielsweise einer Version in Landessprache, der Integration der Mobilbox oder der verpassten Anrufe. Die Kooperation startet in Griechenland, den Niederlanden und Deutschland. Weitere Länder sollen in Kürze folgen.

Künftig will die Telekom die App bewerben, auch vorinstalliert auf iPhones & Co. könnte sie ausgeliefert werden. Bislang gibt es die App nur für das Apple-Betriebssystem, eine erste Version für Android-Telefone werde zur Langen Nacht der Startups in Berlin vorgestellt.

Für Humin-Gründer Ankur Jain ist Humin bereits das zweite Projekt. Sein erstes: eine Gemeinschaft für junge Tech-Entrepreneure, bis heute ist er Vorsitzender seiner Kairos Society. Mit der hat sich Jain einen Namen gemacht, unter anderem wurde der Alumnus der Wharton School of Business als „Global Shaper“ des Weltwirtschaftsforum ausgezeichnet.

Im Interview sprechen Jain und Marc Sommer, Partnering-Verantwortlicher der Telekom, darüber, welches Problem die App lösen will, wie der Kontakt mit der Telekom zustande kam, was er in eineinhalb Jahren Startup gelernt hat – und darüber, was er mit Humin noch alles erreichen will.

Ankur, es heißt immer, Startups müssen ein echtes Problem angehen, damit sie erfolgreich sein können. Welches wollt Ihr lösen?

Ankur Jain: Die Kontakte-Verwaltung auf Mobiltelefonen hat sich in den vergangenen Jahren so gut wie nicht verändert: eine unendliche alphabetische Liste. Über die Jahre sammelt sich so einiges an, am Ende hat man Leute darin, die man gar nicht kennt. Hinzu kommen doppelte oder unvollständige Einträge, und wenn mir der Name gerade nicht einfällt, geht ohnehin gar nichts. Das wollten wir ändern.

Möglichkeiten, meine Freunde oder Geschäftskontakte zu verwalten gibt es schon viele. Was macht Humin anders?

Ankur Jain: Bisher hat man versucht, das Ganze über unterschiedliche „Gruppen“ zu lösen. Einige Kontakte hat man auf Facebook, andere auf Linkedin, und noch ein paar im Telefonbuch. Plus alle Adressen und Telefonnummern, die etwa in Emails sind. Übersichtlich ist das nicht. Unsere Idee: Man müsste für die Kontaktdaten das machen, was Google für das Internet gemacht hat – nach den Daten suchen. Und zwar so, wie man auch wirklich denkt.

Und die App ermöglicht das, sagst Du. Wie sieht das aus?

Ankur Jain: Man kann zum Beispiel nach den Leuten suchen, mit denen man sich heute getroffen hat. Humin kann die Frage beantworten: Wer war das noch mal, den ich letzte Woche zusammen mit Marc getroffen habe? Die App stellt dann alle auffindbaren Informationen dar – inklusive Bild, damit man sich an die Gesichter erinnern kann. Anderes Beispiel: Wenn ich nach Berlin komme, zeigt mit die App alle Leute aus Berlin und Umgebung an.

Du warst noch recht frisch aus dem College, als es mit Humin los ging. Mit wem hast Du das Startup gegründet?

Ankur Jain: Zusammen mit vier Freunden: Jake Medwell, Jonathan Shriftman, Daniel Pourbaba und David Wyler. Es ist aber auch das restliche Team, das seitdem die Entwicklung vorangetrieben hat: Unser CTO war zuvor unter anderem bei Bell Labs und hat schon langjährige Erfahrung bei Datenbanken. Unser Chief Scientist kommt vom MIT und ist einer der bekanntesten Professoren im Bereich Social Sciences. Unsere Produktchefin ist Arielle Zuckerberg, die kleine Schwester von Mark Zuckerberg, sie war zuvor bei Google.

Wie viele Leute beschäftigt das Startup derzeit?

Ankur Jain: Insgesamt arbeiten gerade 31 Leute für Humin.

Und wie seid Ihr finanziert?

Ankur Jain: Wir haben etwas Geld von Business Angels aufgenommen. Mehr möchten wir dazu nicht verraten.

Die App in ihrer derzeitigen Form ist sicher nur der Anfang. Wie soll es dann weitergehen?

Ankur Jain: Je besser wir lernen, die Beziehungen zwischen einzelnen Kontakten zu verstehen, um so genauer können wir den Kontext anpassen: Wenn jemand zu Besuch in Deiner Stadt ist, wer am nächsten Termin teilnimmt – falls man spät dran ist. Das Ganze lässt sich natürlich in Autos und Smartwatches einbauen.

Aber dabei trefft Ihr auf starke Konkurrenz, Google Now zum Beispiel.

Ankur Jain: Wir sehen beides eher als Ergänzung zueinander und arbeiten auch sehr eng mit Google zusammen. Verkehr, Wetter, Flugpläne und solche Dinge, das macht Google. Und wir bringen das soziale Element dazu. Google bildet die Welt um Dich herum ab, wir bieten den persönlichen Kontext.

Kannst Du ein konkretes Beispiel nennen?

Ankur Jain: Google zeigt Dir an, dass Dein Flug nach Miami verspätet ist – Humin stellt dann alle Kontakte in Miami dar, damit zu ihnen Bescheid geben kannst, dass Du später kommst.

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Verstehe. Eineinhalb Jahre lang habt ihr nun an dem Konzept gefeilt. Was ist das Wichtigste, das Du während der Produktentwicklung gelernt hast?

Ankur Jain: Wenn man wirklich etwas bewegen will, muss sich das Produkt natürlich anfühlen für den Nutzer. Wir hatten zuerst ein eigenes Interface rund um die Suchfunktion gebaut. So, wie wir dachten, dass ein Telefon funktionieren soll. Diesen Ansatz haben wir mittlerweile aufgegeben. Heute sieht sie App so aus, wie man es von einem Telefon gewöhnt ist – die neuen Funktionen sind aber trotzdem da.

Und abseits vom Produkt?

Ankur Jain: Dass man den Leuten das Produkt zugänglich machen muss.

Da kommt dann wohl die Telekom ins Spiel.

Ankur Jain: Richtig, über die Kooperation erreichen wir viele potenzielle Nutzer.

Wie seid Ihr eigentlich zusammengekommen?

Marc Sommer: Wir haben ein Scouting-Office im Silicon Valley, in Mountain View. Darüber haben wir den Kontakt aufgebaut.

Ankur Jain: Das erste Mal hatten wir auf der DLD in München miteinander gesprochen. Dort haben wir Humin offiziell vorgestellt.

Marc, was erhofft sich die Telekom von der Zusammenarbeit?

Marc Sommer: Die App passt natürlich zu unserem Kerngeschäft. Als Telekomunikationskonzern bilden wir die Schnittstelle zwischen Menschen ab. Humin setzt genau dort an – den Weg zu vereinfachen, eine Unterhaltung zu starten.

Sollte genau das nicht vielmehr die Aufgabe der Telefon-Hersteller sein? Wie abhängig seid Ihr von denen?

Marc Sommer: Bislang haben weder Apple noch die Android-basierten Hersteller, was die Kontakte betrifft, eine gute Lösung präsentiert. Vielmehr noch: Insbesondere iOS beschränkt die technischen Möglichkeiten recht stark. Wir als Netzanbieter haben natürlich ein Interesse, so viel Fortschritt wie möglich zuzulassen.

Bleibt noch die Frage nach dem Geldverdienen. Wie wollt Ihr mit Humin Gewinne machen?

Ankur Jain: Dazu muss man die langfristige Strategie verstehen. Humin wird eine soziale Schicht über den mobilen Betriebssystemen iOS und Android. Bald wird alle zwischenmenschliche Interaktion darüber laufen können. Was das Geldverdienen angeht, will ich jetzt nicht in die Details gehen.

Marc Sommer: Für uns steht der Zugewinn an Komfort für die Nutzer im Vordergrund – was natürlich ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Ankur, Marc, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Humin