Thesius

Die Thesius-Gründer Michael Grupp, Jennifer Lee Antomo und Dennis Albert (von links)

An dem alten Backsteingebäude unweit des Mainzer Hauptbahnhofs rollen Züge vorbei. Es ist der einzige Bau auf dieser Seite der Straße, in den unteren Stockwerken residiert die Bundespolizei, drumherum: Baustelle. Hier soll demnächst ein Startup-Loft mit Industriecharakter eröffnen. Thesius ist schon vor ein paar Wochen eingezogen.

Das Startup, das vor gut drei Jahren als Deutsche Dissertationsliste von den Juristen Michael Grupp und Jennifer Lee Antomo sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Dennis Albert gegründet wurde, hat ein ehrgeiziges Ziel: Es will wissenschaftliches Arbeiten transparenter, übersichtlicher – und inzwischen vor allem einfacher machen.

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Juristische Arbeiten als Ausgangspunkt

Als sie 2012 die Idee für Thesius haben, sind Grupp, Antomo und Albert Doktoranden an der Uni Mainz. Sie erkennen ein Problem: Zu wenig Transparenz kann einen Schreibenden im schlimmsten Fall mehrere Jahre Arbeit kosten. Nämlich dann, wenn er zu spät erfährt, dass ein anderer zeitgleich über dasselbe Thema schreibt. Ihre Idee: eine Datenbank, die Doktoranden erstens einen Austausch untereinander ermöglicht und sie zweitens hochschulunabhängig über sämtliche Dissertationen informiert: über die, die bereits veröffentlicht wurden, und über die, die gerade bearbeitet werden. Vorbild ist das französische Theses.fr.

„Der Gedanke kam aus der juristischen Ecke“, sagt Geschäftsführer Michael Grupp, „dort liegt der Schwerpunkt auf einem eklektischen Teil. Man trägt Wissen aus fremden Arbeiten zusammen, um es aus einer anderen Perspektive zu untersuchen. Dafür muss man aber zunächst wissen, was bislang veröffentlicht wurde und im Idealfall auch, wer gerade zu eben diesem Thema forscht.“

Am Anfang denkt das Trio in erster Linie akademisch: „2012 war Thesius noch kein Startup, sondern ein Hobbyprojekt“, sagt Grupp. Die Professionalisierung ihres Vorhabens leiten sie erst einige Zeit nach dem Start in die Wege.

Thesius soll mehr sein als eine reine Stichwortsuche, wie man sie von anderen Seiten kennt. Also werden Hierarchien von Sachkategorien angelegt. Von nun an können sich Nutzer durch die fachlichen Verästelungen klicken wie durch einen Baum, je weiter man vordringt, desto spezifischer wird es. Anfang 2014 gehen die Partner mit ihrem Portal online, zunächst nur für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.

Schwerer Stand für Geistes- und Sozialwissenschaften

Allmählich weiten die Gründer ihre Index-Technologie auf andere Fachbereiche aus. Irgendwann merken sie, dass Studenten in Zeiten von Bachelor- und Master-Arbeiten vor allem die Themenfindung für Abschlussarbeiten Probleme bereitet. „Da war es für uns ein logischer und dank des bestehenden Produkts leicht machbarer Schritt, auch diese Perspektive abzudecken, von der ja auch viel mehr Nutzer betroffen sind“, erklärt Mitgründer Dennis Albert, selbst einige Jahre lang Dozent an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Mainz.

Also übertragen die Gründer das technische Fundament, die Inhaltsverzeichnis-Strukturen, auf ihr zweites Projekt. Heute wächst die Doktoranden-Datenbank mit derzeit etwas über zwei Millionen Titeln zwar weiterhin, doch der Großteil der insgesamt rund 10.000 Nutzer verteilt sich auf die Themensuche für Bachelor- und Master-Arbeiten, die es seit Ende letzten Jahres unter dem Namen Topics gibt. Beide Angebote teilen sich eine Seite.

Um die Einstellung von Themen kümmern sich Hochschulen, Forschungsgemeinschaften – und Unternehmen. Letztere zahlen für die Vorschläge. Grupp bezeichnet das als fachbezogene Art des Content-Marketings: „Hochschulmarketing mit Fach-Fokus“. Klar, dass es da einige weniger lukrative Wissenschaftszweige schwer haben. Geistes- und sozialwissenschaftliche Einträge sind bislang eher die Ausnahme. Eigenen Angaben zufolge deckt Thesius auf seiner Plattform aber bereits 70 Prozent aller Fachbereiche ab. Und dabei soll es natürlich nicht bleiben.

Nebenbei helfen, Plagiate auffliegen zu lassen

Die Zeit bezeichnete Thesius vor etwas über einem Jahr als „Facebook für Doktoranden“. Inzwischen ist es also mehr als das. Momentan besteht das Team aus 20 Leuten, ein rheinland-pfälzischer VC hat investiert.

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Daneben engagiert sich das Startup in einem Bündnis für akademische Integrität, einer Initiative, die in Mainz als Reaktion auf die Plagiatsskandale der vergangenen Jahre ins Leben gerufen wurde und wissenschaftliches Fehlverhalten aufdecken will. Denn als bundesweites Dissertationsverzeichnis könnte Thesius auch dabei helfen, Plagiate auffliegen zu lassen. Aber das nur nebenbei. Der Fokus, das betonen Grupp und Albert im Gespräch mit Gründerszene immer wieder, liegt nun auf der Lösung für Bachelor- und Master-Studenten.

In Zukunft wollen sich die Gründer mit Topics auch im europäischen Ausland einen Namen machen. Mit dem Bologna-Prozess gibt es schon seit etlichen Jahren harmonisierte Studienabschlüsse. Jetzt soll endlich auch die Themensuche einheitlicher werden.

Bild: Thesius