Toon Bouten, Tomorrow Focus

Tomorrow-Focus-Chef Toon Bouten über seine Startups

Was für ein Timing: Gerade knallte die Nachricht ein, dass Seriengründer Frank Thelen seine Dokumenten-App Dop einstellen wird, da kommt Tomorrow Focus mit einem ähnlichen Konzept. Organize.me (www.organize.me) soll für seine User die komplette Dokumentenablage übernehmen – und zwar in der Basisversion kostenlos. Es ist eines der wichtigsten neuen Projekte für Tomorrow-Focus-Chef Toon Bouten, der seit etwas über einem Jahr im Amt ist.

Herr Bouten, gerade musste Seriengründer Frank Thelen bekannt geben, dass seine Dokumenten-App Doo nicht funktioniert hat, im März wird sie abgestellt – obwohl Thelen zehn Millionen Dollar dafür eingesammelt hatte. Sie starten nun mit Organzie.me ein ähnliches Angebot. Warum soll das funktionieren?

Tomorrow Focus hat sehr viel Erfahrung darin, wie man Start-ups effizient zu erfolgreichen Unternehmen weiterentwickelt. Nehmen Sie Finanzen100 und Jameda. Finanzen100 ist in Deutschland Marktführer unter den mobilen Börsenportalen und Jameda unter den Arztbewertungsportalen. Nach der selben Rezeptur verfahren wir nun bei Organize.me. Wir haben die Medienpower, um für Reichweite zu sorgen, und können auf viel Know-How innerhalb unserer Gruppe zurückgreifen und für Organize.me nutzen.

Auch Ihr Programm kann man kostenlos nutzen. Glauben Sie, dass Sie am Ende genug zahlende Nutzer finden werden?

Es ist doch eigentlich ganz einfach: Für den langfristigen Produkterfolg muss man die Wünsche der Kunden optimal treffen, ihnen die beste, die komfortabelste Lösung für ihre alltäglichen Bedürfnisse und Probleme bieten. Bei erfolgreichen Produkten stand immer zuerst der Kundennutzen im Mittelpunkt. Welcher Weg der Monetarisierung der Richtige ist, zeigt sich dann meist von ganz allein. Bestes Beispiel ist für mich WhatsApp.

Wollen Sie Organize.me selbst nutzen?

Ja, wir werden bei Tomorrow Focus auf das Programm setzen. Auch Burda will künftig seine Rechnungen und Dokumente mit Organize.me verwalten. Und ich selbst nutze es natürlich auch schon.

Anzeige
Haben Sie keine Sicherheits- und Datenschutzbedenken bei einem Cloud-Service?

Die Sicherheit von Daten steht für uns bei Organize.me natürlich an oberster Stelle. Beispielsweise lässt Organize.me regelmäßig von Spezialisten Schwachstellenscans und Penetrationtests checken. Sie durchsuchen die gesamte Webseite nach Sicherheitslücken. Außerdem ist das Rechenzentrum, in dem die Daten liegen, ISO-zertifiziert. Es entspricht also den höchsten Sicherheitsstandards. Zusätzlich wurden wir gerade vom TÜV Rheinland für die Einhaltung datenschutz- und sicherheitsrelevanter Kriterien zertifiziert.

Organize.me ist bei Ihnen intern entwickelt worden. Wie kam es dazu?

Es war die Idee von fünf Mitarbeitern. Wir haben ihnen den Freiraum gegeben, diese Idee zu entwickeln, ein Tochterunternehmen gegründet und die Macher auch daran beteiligt.

Das heißt, Sie machen Ihre Mitarbeiter jetzt zu Gründern?

Ja, so haben sie einen Anreiz, dass sie das Produkt nach vorne bringen. Und es ist gleichzeitig ein Zeichen für alle anderen Mitarbeiter: Wer mit guten Ideen kommt, wer kreativ ist, kann auch bei uns zum Gründer werden. Wir sind auf kreative Leute angewiesen.

Warum?

Weil wir als Internetunternehmen dem Markt sonst ganz schnell hinterherlaufen. Unsere einzige Überlebenschance ist, uns immer wieder zu verändern. Wir dürfen auf keinen Fall zu einem Dinosaurier werden, sondern müssen immer wieder Neues ausprobieren. Mit dem Start von Organize.me zeigen wir, dass das kein Lippenbekenntnis ist. Wir wollen dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter, keine Angst haben, etwas Neues zu testen.

Das sagen Sie so einfach. In einem Konzern ist Scheitern doch immer noch ein Makel.

Ich fordere immer alle auf, Sachen auszuprobieren. Try fast, fail fast und vor allem lerne daraus.

Aber wenn alle immer nur Sachen ausprobieren, dann müsste entweder sehr viel Neues aus Ihrem Haus kommen. Oder Sie landen bald im Chaos.

Es geht mir um die Mentalität. Nur wenn unsere Mitarbeiter unternehmerisch denken, erkennen wir schnell Potenziale. Nehmen Sie das Beispiel Jameda. Da hat jemand bei Tomorrow Focus sehr schnell die Idee verstanden, wir haben das Ärzteportal gekauft, die Gründer sind immer noch an Bord, es entwickelt sich hervorragend und ist jetzt schon profitabel.

Wollen Sie Jameda internationalisieren?

Wir wollen uns anschauen, ob wir das Portal in einem nächsten Schritt nach Österreich und die deutschsprachige Schweiz bringen. Jameda funktioniert überall dort gut, wo es Privatversicherungen gibt. Darum kann das Geschäftsmodell auf der anderen Seite nicht in England oder Skandinavien funktionieren. Aber in Südeuropa etwa.

Anzeige
Wie geht es bei Ihren anderen Unternehmen? HolidayCheck zum Beispiel?

Wir hatten im vergangenen Jahr ein zweistelliges Wachstum und investieren gerade fünf Millionen Euro in den Ausbau einer neuen IT-Plattform. Damit wir auch hier länderübergreifend gut skalieren können. Netmoms internationalisieren wir gerade, sind damit in Russland gestartet. Mit Elitepartner bewegen wir uns leider in einem Markt, der nicht mehr wächst. Da geht es uns nicht anders als den Konkurrenten. Wir suchen gerade nach Potenzialen, indem wir zum Beispiel im Matching-Bereich mit Friendscout kooperieren und schauen, ob es da Synergien gibt. Was gigantisch wächst, ist der Publishing Bereich.

Sie meinen Focus Online oder die Huffington Post?

Mit Focus Online sind wir schon bei über 100 Millionen Visits im Monat. Und die Huffington Post entwickelt sich auch hervorragend, die Zugriffszahlen liegen deutlich über unseren Erwartungen.

Können Sie Zahlen nennen?

Nach unseren eigenen Messungen konnte die Huffington Post im Januar 8 Millionen Visits verzeichnen. Wir liegen damit bereits in den Top-20 der deutschen Nachrichtenportale. Interessant ist vor allem die Zielgruppe der Huffington Post: Sie ist sehr gebildet, hat ein hohes Einkommen und ist vor allem überwiegend weiblich. Was für Werbekunden sehr interessant ist.

Wie hoch ist Ihr Mobile Traffic bei den einzelnen Angeboten?

Bei Finanzen100 greifen 70 Prozent aller User von mobilen Endgeräten zu. Bei Focus Online ist es schon knapp die Hälfte.

Ist das nicht immer noch schwer zu monetarisieren?

Klar, man muss hart dafür kämpfen, Werbekunden zu überzeugen, dass es sich auch lohnt, mobil zu schalten. Aber Advertiser und Agenturen haben das mobile Geschäft inzwischen auch immer besser verstanden. Bei Finanzen100 zum Beispiel machen wir bereits 40 Prozent des Umsatzes mit mobiler Werbung.

Ist Werbung der einzige Weg, mit den Angeboten Geld zu verdienen?

Der einzige Weg sicher nicht, für uns aber derzeit der mit Abstand profitabelste. Warum sollten wir also etwas daran ändern?

Bild: Tomorrow Focus