Tonio-Gründer Florian Novak

„Was wäre, wenn das Radio nicht nur das Ohr des Hörers erreicht, sondern auch das Handy?“

Radio ist eines der wenigen Medien, das wir auch heute noch zu einem großen Teil analog konsumieren. Meist als Begleitmedium, das uns durch den Tag führt. In Zeiten von Streaming, Web-Radios und Podcasts könnte der Hörfunk diese Rolle jedoch einbüßen. Damit das nicht geschieht, hat Florian Novak, passionierter Radiomensch und Gründer des Radionetzwerks LoungeFM, in Wien das Startup Tonio gegründet.

Seit Anfang 2014 bastelt er gemeinsam mit Mitgründer und CTO Dominik Meissner an einer Technologie, mit der beim Radiohören zugleich Internetadressen auf das Smartphone geschickt werden können. Wenn man nun im Radioprogrammm etwas Spannendes hört, muss man nicht erst im Netz nach Zusatzinfos suchen, sondern hält einfach sein Smartphone an das Radiogerät. Im Gründerszene-Interview spricht Florian Novak über die Chancen, die diese Technologie für das Radio bereithalten könnte – und über seine nicht ganz bescheidene Vision, mit Tonio einen weltweiten Standard zu schaffen.

Was steckt hinter Tonio?

Tonio steht für Ton mit Information. Damit können Radiosender live über ihr terrestrisches Radioprogramm zusätzlich Internetadressen auf das Smartphone der Hörer mitschicken – ohne, dass dies für das menschliche Ohr hörbar ist.

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Wie ist das Ganze technisch umgesetzt?

Wie wir das genau machen, bleibt unser Betriebsgeheimnis. Letztlich handelt es sich um in das Audioprogramm hineingewobene Signale, die das menschliche Gehirn nicht verarbeiten kann – ein schlaues Telefon aber sehr wohl. Dazu muss das Radioprogramm eingeschaltet und die Tonio-App auf dem Handy installiert und aktiviert sein. Das Mikrofon des Smartphones empfängt dann diese für das Ohr nicht hörbaren Signale.

Und welche Zusatzinformationen kann ich dann über mein Smartphone beispielsweise empfangen?

Das kann alles erdenklich Verlinkbare sein. Zum Beispiel Begleitinformationen zu den Radionachrichten, aber natürlich auch ein App-Store-Link, ein E-Book, ein Konzertticket, ein Gutschein und so weiter. Ich könnte sogar ein Affiliate-Programm darüber starten und Bücher verkaufen – und Schuhe. Product Placement ist möglich. Oder ich kann Opern untertiteln lassen. Den Möglichkeiten ist da kein Ende gesetzt. Und dadurch kann man natürlich auch das Radioprogramm verlinkbar und teilbar machen.

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Das klingt so, als wäre Tonio für das Radio so etwas wie der Second Screen für Film und Fernsehen.

Radio wird ja hier tatsächlich visuell, daher könnte man vielleicht von einem First Screen sprechen. Ich zeichne da aber auch gerne eine Analogie zum QR-Code: Ich halte meine Kamera auf etwas drauf und eine Website öffnet sich. Jetzt halte ich dafür eben das Mikro des Smartphones irgendwo dran.

Das funktioniert aber nur beim terrestrischen Radioprogramm?

Unser Fokus liegt zwar auf dem terrestrischen Programm, Tonio ist aber nicht darauf beschränkt. Unsere Technologie funktioniert grundsätzlich mit allem, das eine Audiospur hat. Beispielsweise auch mit dem Fernsehen. Beim Radio sehe ich persönlich aber den größeren Mehrwert.

Weshalb?

Radio hat in dieser Welt eine Berechtigung, weil es kuratiert: Es begleitet durch den Tag, wählt aus, informiert und unterhält. In dieser Kernaufgabe hat es sich seit mittlerweile 80 Jahren nicht verändert. Ich glaube aber, dass das Radio nun aufpassen und sich auch weiterentwickeln muss, um diese Rolle weiterhin wahrzunehmen – und nicht allein in der guten alten UKW-Welt zurückbleibt und eben keinen Mehrwert mehr bietet. Und dieser gebotene Mehrwert kommt auch noch zusätzlich unter Druck, denn es gibt mit Spotify und Co. inzwischen ja Alternativen.

Die Welt wird einfach immer dichter, was die Informationen betrifft, die wir bewältigen müssen. Da ist es die große Chance, dass das Radio direkt mit dem Smartphone sprechen kann und auch vom Smartphone verstanden wird. Das ist aber auch eine Entwicklung, die in Zeiten von Smart Watches und CarPlay nicht auf das Handy beschränkt sein muss, sondern noch viel weiter gehen kann.

Wie bist Du eigentlich auf die Idee dazu gekommen?

Ich bin ja seit vielen Jahren im Radio-Business. Und gegenüber den Werbekunden wurde lange argumentiert, Radio sei das letzte Medium vor dem Einkauf: Der Kunde hörte sozusagen noch im Auto auf dem Weg in den Supermarkt Radio, also auf der letzten Meile vor der Kaufentscheidung. In den Zeiten von E-Commerce hat sich das aber geändert. Wir kaufen über das Tablet und das Smartphone ein. Das hat mich sehr inspiriert und ich habe mir die Frage gestellt: Was wäre, wenn das Radio nicht nur das Ohr des Hörers erreicht, sondern auch das Handy? Vor diesem Hintergrund habe ich angefangen, zu forschen und zu recherchieren.

Das hat sicher einiges an Ressourcen gefressen. Wie ist Tonio denn bisher finanziert?

Ich habe das Ganze bisher komplett eigenständig finanziert.

Und wie soll es künftig Geld einbringen?

Für den Hörer wird es kostenlos sein und für den Radiosender, der die Technologie nutzt, wird es ein Lizenzmodell geben.

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Im Oktober habt ihr die Tonio-App gelauncht. Wie ist der aktuelle Stand? Wird die Technologie bereits von Radiosendern genutzt?

Ende Oktober haben wir Tonio bei den Medientagen in München erstmalig vorgestellt. Soweit ich weiß, war das wirklich eine Weltpremiere. Sonst gibt es meines Wissens nichts Vergleichbares. Zur Zeit sind wir im Gespräch mit mehreren Sendern, der Ball liegt jetzt also bei den Partnern.

Wohin willst Du langfristig mit Tonio?

Ich sehe Tonio als Einladung für Radiomacher, zum bestehenden linearen Programm einen Mehrwert zu bieten. Und – wie sage ich das jetzt, ohne dass das wahnsinnig großkotzig klingt? [lacht] Meine Vision ist, dass wir Tonio weltweit als Standard für diesen Zusatznutzen von Audio etablieren werden. Das ist der Griff zu den Sternen, aber ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn das Wirklichkeit wird.

Florian, danke für das Gespräch!

Bild: Stephan Rauch PHOTO