Trello-Mitgründer Michael Pryor: „Einen festen Plan hatten wir nicht“

Angefangen hat alles in New York, im Jahr 2000, zu Zeiten des Dotcom-Booms. Michael Pryor und Joel Spolsky hatten bei einem großen Tech-Unternehmen gearbeitet. „Dann fing um uns herum alles an, in sich zusammenzubrechen.“ Die beiden gründeten ihr eigenes Unternehmen, Fog Creek Software, „wahrscheinlich zur schlechtesten Zeit, in der man eine Tech-Company hätte starten können“, sagt Pryor im Gespräch. „Aber es gab keine reinen, unabhängigen Software-Unternehmen mehr in New York, zu denen wir hätten gehen können. Und für eine Bank wollten wir nicht arbeiten.“

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Einen festen Plan, was sie machen wollten, hatten die beiden nicht. „Das hat uns eine Menge Freiheit gegeben, wir haben viel ausprobiert. Einiges hat funktioniert, anderes nicht.“ Bekannt wurden sie hauptsächlich durch die Programmierer-Plattform Stack Overflow - und durch die Produktivitäts-App Trello. Die sei eigentlich aus der eigenen Not entstanden, sagt Pryor. Gemeinsam mit Spolsky hatte er eine Bug-Tracking-App programmiert, allerdings fiel den beiden das Management des Unternehmens zunehmend schwer. „Klar konnten wir sehen, was in unserer App oder in Salesforce passiert“, so Pryor weiter. „Aber es gab kein Tool, das die gegenwärtige Situation und Strategie des Unternehmens irgendwie dokumentierte.“

Parallel experimentierten sie mit weiteren Software-Ideen. „Dann hatte Joel die Idee, ein Tool zu bauen, mit dem man die wahnsinnigen Mengen an Informationen – Emails, Chat-Nachrichten, Daten aus unseren Apps oder Salesforce – irgendwie unter einen Hut bringen und sie anderen Leuten im Unternehmen zukommen lassen kann.“

So sieht die Öberfläche von Trello aus.

Die erste Idee, erzählt Pryor, war sehr radikal: eine To-Do-Liste, die nur fünf Aufgaben ermöglichte, mehr ging nicht: „Zwei aktuelle, zwei für danach und eine, an der man niemals arbeiten wird.“ Es sollte das genaue Gegenteil von überlaufenden Email-Postfächern werden. Gleichzeitig fiel ihnen aber auf, dass in fast allen Büros Whiteboards standen, auf denen in mehreren Stapeln untereinander Post-its klebten oder Aufgaben geschrieben waren. „Es gab zwar immer auch Software. Aber um den Überblick zu behalten, griffen fast alle auf diese Methode zurück.“ Also packten Pryor und Spolsky beide Ideen zusammen und bauten ein sehr „horizontales“ Tool, das – analog zum herkömmlichen Whiteboard – für alle möglichen Einsatzzwecke dienen konnte. „Man kann mit Trello auch seine Hochzeit planen oder die Renovierung der Küche.“

Die Entwicklung von Trello finanzierten die beiden drei Jahre lang aus der eigenen Tasche. Vor einem Jahr schließlich beschlossen sie, ein eigenes Unternehmen auszugliedern und nahmen zehn Millionen Dollar an VC-Geld auf. „Wir wussten, dass wir allein aus den Gewinnen der anderen Plattformen nicht schnell genug hätten wachsen können, um aus Trello eine langfristig funktionierende Company zu bauen.“ Was die beiden mit dem Geld machen? Unter anderem internationalisieren – heute startet Trello offiziell in Deutschland.

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Ein eigenes Team gibt es hierzulande zwar noch nicht. „Wir sind heute ja insgesamt nur 50 Leute bei Trello.“ Irgendwann wünsche er sich aber auch eine Niederlassung in Berlin, beteuert Pryor. „Wir hoffen, die gleiche Entwicklung wie in den USA zu sehen: Vor allem in Tech-Unternehmen fangen Leute an, das kostenlose Angebot zu nutzen und holen dann Geschäftspartner auf die Plattform.“ Die grundsätzliche Idee der beiden Gründer: „Wenn wir 100 Millionen Nutzer gewinnen können und davon ein Prozent 100 Dollar im Jahr bezahlen, haben wir ein 100-Millionen-Business. Und wir brauchen kein Marketing zu machen.“ Bislang, so Pryor, funktioniere der Plan ganz gut. Auch wenn er und sein Team bei derzeit gut sieben Millionen Nutzern noch den einen oder anderen Schritt zu gehen haben.

Bild: Trello