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Spätestens seitdem die 6Wunderkinder im August 2011 zur “Anti-Copycat Revolution” aufriefen und damit nicht nur Team-Europe-Gründer Lukasz Gadowski, sondern das gesamte Lager der Inkubatorstartups provozierten, tobt sie wieder: Die ewige Copycat-Debatte. Während sich die deutschen Gründer in den Haaren liegen, freuen sich andere und bedienen sich an Innovationen “Made in Germany”. Erst vor wenigen Tagen entdeckte das Berliner Brainstorming-Tool Tricider (www.tricider.com) seinen verblüffend ähnlichen russischen Zwilling.

Ideen – Made in Europe

Auf Berlins Straßen tobt seit Jahren ein auswegloser Kampf: Inkubatorengründungen vs. die Szene-Startups oder auch “Die ewige Copycat-Debatte“. Immer wieder beschuldigt das eine Lager das andere, lediglich Ideen aus den USA umzusetzen, während dieses mit der bewiesenen Tragfähigkeit ihrer Geschäftsmodelle kontert. Ob jedoch in den USA abgeschaut wurde oder nicht: Bisher spart die öffentliche Debatte völlig aus, dass auch deutsche Geschäftsmodelle nicht davor geschützt sind, kopiert zu werden. Aktuellstes Beispiel ist das Berliner Startup Tricider, das eines Morgens über Twitter auf seinen russischen Klon stieß.

Tricider.ru kopiert Tricider.com aufs Haar genau

Die jüngste unfreiwillige Vorlage ist das junge Berliner Brainstorming-Tool Tricider.com, zu dem über Nacht ein russischer Zwilling aufgetaucht ist. Auf dem Firmen-Blog von Tricider.com berichtet das kleine Gründerteam, wie es über einen Twitter-Kommentar auf die russische Seite Tricider.ru aufmerksam wurde. Wenn Innovationsapostel schon bei Rocket Internets Amazon-Kopien Lazada und Mizado in lautes Wehklagen ausgebrochen sind, setzt Tricider.ru noch einen drauf: Die russische Seite übernimmt nicht nur die Unternehmensidee, Logo und Corporate Identity, sondern auch das Imagevideo (hier das Original) und sogar den Namen des deutschen Vorbildes.

Tricider.com aus Berlin
Tricider.ru aus Moskau

“Taking the same name is the biggest slap in the face”, kommentiert Stephan Eyl, Gründer von Tricider.com das Geschehen auf dem Firmenblog. “The name, the brand, is so personal. Even the Samwers don’t do that.”

Oder doch alles nur eine Marketingkampagne?

Tricider wurde in der deutschen Medienberichterstattung bisher eher weniger wahrgenommen und über den russischen Klon ist nur sehr wenig bekannt. Theoretisch wäre daher auch denkbar, dass Tricider den Russen-Klon als interessante Marketingkampagne angelegt hat, um das eigene Geschäft anzutreiben. Wenn internationale Gründer ein Modell für kopierwürdig erachten, scheint an der Idee etwas dran zu sein – so der mögliche Gedankengang.

Da das Team von Tricider.com bisher jedoch nur aus einer Handvoll Mitarbeitern besteht und keine Investitionsrunde öffentlich wurde, scheinen für eine derartige Kampagne die Ressourcen zu fehlen. Für etwas reifere Startups könnte das Erfinden eines Klons jedoch einen ordentlichen Aufmerksamkeitsschub bedeuten.

Im Gespräch erläutert Tricider-Gründer Stephan Eyl, die kopierte Website gleiche dem Original zwar enorm, sei technisch allerdings nur bedingt einsatzfähig. Da sich das Brainstorm-Tool gerade in Studentenkreisen schnell verbreite (durch Einladungsfunktionen wie bei Doodle), ist es denkbar, dass die Kopie eher als Bastelei russischer Studenten entstanden ist. Die zugehörige VK-Seite (ein russisches Facebook-Equivalent) mit mehr als 15.000 Fans scheint hingegen laut Eyl als Landingpage für mehrere schleierhafte Webangebote zu dienen. Ernsthafter Angriff oder Lausbubenstreich?

Update: Wie Venture Village berichtet, konnte das deutsche Tricider-Team per ICQ Kontakt mit dem russischen Kopierer aufnehmen. Der Mann, der sich selbst “Vladimir” nennt, gibt offen zu, Tricider geklont zu haben – ein ungewöhnlicher Copycat-Zug, erinnert man sich an das Gizmodo-Interview mit Pinspire-Gründer Karl Jo Seilern. Nachdem Tricider.com kein Interesse an einem Kauf der russischen Domain gezeigt hat, konnte der Student aus Moskau dennoch zu einem Namenswechsel bewegt werden und Tricider.ru firmiert nun als Fortox.ru (Funfact: Fortox.com ist bereits von einem deutschen Waffenhersteller belegt).

Bild: George Eastman House Collection
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