Unister-Gründer Thomas Wagner

Einiges spricht dafür, dass der Leipziger Portalbetreiber Unister in einer finanziellen Klemme steckt: fehlende Jahresberichte, gescheiterte Verkaufsgespräche für die Reisesparte mit ProSiebenSat.1 oder auch Eventim oder Gerüchte, das Unternehmen halte sich nur noch mit Krediten seines Versicherers über Wasser. Der Wert der Gruppe, der einmal eine Milliarde Euro betragen haben soll, habe sich drastisch reduziert – laut einem Bericht des Handelsblatts vergangenen Herbst liege er nur noch zwischen 100 und 150 Millionen Euro.

Jetzt will die Zeitung erneut einen Hinweis für die angeblich schlechte Finanzlage des Unternehmens gefunden haben. Der Zahlungsverkehr-Dienstleister Concardis hat Unister zu Ende Januar gekündigt, wie Unister bestätigt. Die Zeitung zitiert ein internes Schreiben des Gemeinschaftsunternehmens der deutschen Banken und Sparkassen: Concardis hatte Unister darin mitgeteilt, man befürchte eine „verschlechterte Finanzlage“ bei der Firma.

Soll die Reisesparte an die Börse?

Der Portalbetreiber gibt gegenüber Gründerszene an, man habe verschiedene Kreditkartenanbieter. Soll heißen: Die Kündigung sei kein Problem. Die Sorgen um eine schlechte Finanzlage weist Unister außerdem zurück. Es heißt, aufgrund von Medienberichten sei es bei Partnern bereits zu diesem Eindruck gekommen. Im Gespräch habe man solche Sorgen aber ausräumen können.

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Unister sucht indessen weiter einen Weg, an frisches Kapital zu kommen – und scheint nun seine Reisesparte an die Börse bringen zu wollen. Bereits seit Ende November sind die Aktien der Capital One AG an der Düsseldorfer Börse notiert. Die Aktiengesellschaft hatte das Leipziger Internetunternehmen gekauft, bevor es sie an die Börse Düsseldorf brachte. Über 96 Prozent der Aktien gehören Unister Travel. Wie das Handelsblatt berichtet, besitzt die Capital One AG kein Geschäftsmodell, sondern ist lediglich eine Vorratsgesellschaft.

Was damit geschehen soll, verrät Unister auf Nachfrage von Gründerszene nicht. Allerdings scheinen die Schritte bereits konkreter zu werden: Heute wurde ein neuer Aufsichtsrat bestellt.

Obwohl der Zweck noch unklar ist, ist der Aktienwert, der bei der Ausgabe bei einem Euro lag, bereits auf 2,65 Euro gestiegen – entgegen der allgemeinen Marktbewegung. Laut Handelsblatt stehe das Papier jetzt unter Beobachtung an der Düsseldorfer Börse. Denn gehandelt wurde mit den Aktien bisher noch nicht. Warum der Wert dennoch so stark steigen konnte? Düsseldorfs Börsenchef Thomas Dierkes äußert gegenüber der Zeitung die Vermutung, der Kursmakler habe möglicherweise Kaufangebote erhalten, die nicht angenommen worden seien.

Das heißt: Es soll durchaus Nachfrage nach den Capital-One-Aktien geben – den Aktien einer Firma ohne Geschäftsmodell. Dass diese Nachfrage von Unister selbst kommt, um den Wert des Papiers anzutreiben, dementiert das Unternehmen gegenüber dem Handelsblatt.

„Aus der Luft gegriffen“

Laut Bericht sei nun denkbar, werthaltige Unternehmensteile von Unister in die Capital One AG einzubringen. Somit hätte die Hülle dann tatsächlich Werte, die eine Steigerung des Aktienpreises begründen könnten. Das Kapital könnte dann dazu genutzt werden, die Kredite des Unister-Versicherers Hanse Merkur zu bedienen. Das Handelsblatt zitiert Insider, die einem solchen Vorgehen „keine Chance“ geben. Unternehmensteile, die sich eigneten, seien als Sicherheiten verpfändet. Unister weist das auf Nachfrage als „aus der Luft gegriffen“ von sich.

Unister hatte in der zweiten Hälfte 2015 massiv umstrukturiert und die Firma aufgeteilt: die Reisesparte wurde ausgegliedert, dann im Herbst die Unister Investment Holding ausgegründet, welche die übrigen Teile des Unternehmens umfassen soll. Angekündigt wurde auch die Ausgründung eines eigenen Inkubators.

Seit Oktober ist der umstrittene Unister-Gründer Thomas Wagner wieder Geschäftsführer der Unister Holding. Er wurde 2014 des Steuerbetrugs verdächtigt und saß 2012 nach einer Razzia kurzzeitig in Untersuchungshaft, hält die Vorwürfe aber für unbegründet.

Mit Reisefirmen an der Börse hat Unister bisher keine guten Erfahrungen gemacht: Die Aktien der Tochter Travel24 liegen heute bei einem Wert von um die drei Euro. Der Höchstwert vor über drei Jahren lag bei über 30 Euro.

Bild: Unister