Will die Belegschaft bei Laune halten: Unister-Mitgründer Thomas Wagner

Die Negativ-Schlagzeilen um den Leipziger Portalbetreiber Unister wollen nicht versiegen. Nun hat die Generalstaatsanwaltschaft Dresden, das berichtet das Branchenportal FVW, ihre Ermittlungen gegen die zerstrittenen Firmengründer Thomas Wagner und Daniel Kirchhof noch einmal ausgeweitet – es geht um Untreue. Hinzu kommt: Die Mitgesellschafter der Unister-Holding, Christian und Oliver Schilling, werden dem Bericht zufolge verdächtigt, Beihilfe dazu geleistet zu haben. In einem unternehmensinternen Blogpost, der Gründerszene vorliegt, versucht Firmenchef Wagner, die Umstände kleinzureden:

Bei den erweiterten Ermittlungen geht es um die Art und Weise der Beschäftigung von drei Gesellschaftern. Diese haben nach unseren Informationen übrigens brav ihre Sozialabgaben abgeführt und im Einklang mit dem Finanzamt gehandelt.

Der Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein bestätigt gegenüber FVW die Ermittlungen gegen drei aktuelle und einen ehemaligen Unister-Gesellschafter zu den genannten Straftaten.

Dann aber treten noch weitere Ungereimtheiten zutage: Dass in der Bilanz des Leipziger Portalbetreibers etwa 80 Millionen Euro an Krediten schlummern, ist zwar bekannt – das Unternehmen sieht darin auch nichts Ungewöhnliches. Doch so sehr Unister die Bedeutung der Darlehen herunterspielen will, offenbar sind sie derzeit ein gewaltiger Streitpunkt, wie ein Bericht des Handelsblatts offenlegt.

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Einer der größten Kreditgeber von Unister ist der Versicherungskonzern Hanse Merkur. Mit mindestens 40 Millionen Euro soll dieser das Geschäft des Internetriesen am Laufen halten, heißt es in dem Bericht. Dafür nutze Hanse Merkur die Unister-Portale als Vertriebsplattform, vor allem im Reisebereich. Dort, so viel ist unbestritten, besitzt Unister eine gewaltige Reichweite. Schließlich sind die Leipziger mit ihrer abgespaltenen Travel-Tochter der größte deutsche Urlaubsvermittler im Internet.

Bereits seit einiger Zeit, das will das Blatt von mehreren Insidern erfahren haben, sollen die Darlehen des Hamburger Versicherers fällig sein. Allein passiert sei nichts, weder wurden sie zurückgezahlt noch verlängert. Neben umfangreichen Sicherheiten habe der Versicherer zwar die Möglichkeit, die Kredite in eine direkte Unister-Beteiligung umzuwandeln. Das sei für den Konzern angesichts der Vorbelastung der Leipziger aber kaum attraktiv.

Das soll auch daran liegen, dass das Unternehmen für den weiteren Fortbestand dem Vernehmen nach bis zu 100 Millionen Euro an frischem Kapital benötigt. Gegenüber Gründerszene betont Unister, dass „derzeit kein akuter Liquiditätsbedarf“ bestehe. Im Wagner-Blogpost heißt es dazu:

Kein Unternehmen dieser Welt äußert sich zu internen Darlehensverträgen. Das verbietet allein der Respekt vor dem Geschäftspartner. Wir haben das Handelsblatt vielmehr darauf hingewiesen, dass die Refinanzierung von laufenden Darlehensvereinbarungen seit geraumer Zeit organisiert und beschlossen ist. Es gibt deswegen keine finanzielle Drucksituation.

Als Inkubator wolle man seine Ventures weiter ausbauen, heißt es von Unister weiter. Dazu brauche man Geld und befinde sich – wie schon seit Längerem – auf „strategischer Partnersuche“. Auch ein IPO der Reisetochter oder der Holding selbst wird weiterhin nicht ausgeschlossen. Zu einem möglichen Zeitrahmen wollte sich Unister allerdings nicht äußern.

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Während man beim Portalbetreiber demnach weiter auf Wachstum pokert, scheint man beim Kreditgeber Hanse Merkur derweil um das eigene Investment besorgt zu sein. Im Falle einer Insolvenz, so heißt es im Handelsblatt-Bericht, würde der Versicherer nicht nur viel Geld, sondern auch einen wichtigen Vertriebskanal verlieren. Die Zeitung zitiert einen Insider, der unterstellt, Unister-Chef Thomas Wagner spiele sehr bewusst mit dieser Situation. Derzeit gebe es intensive Verhandlungen zwischen beiden Parteien.

Bei Hanse Merkur wollte man sich auf Nachfrage zu dem Handelsblatt-Bericht nicht äußern. Auch nicht zum Stand zur beabsichtigten Übernahme des Portals Geld.de durch den Versicherer, die im Sommer vermeldet worden war und die möglicherweise eine Art Schuldenrückzahlung gewesen sein könnte. Von Unister heißt es dazu, derzeit laufe die kartellrechtliche Prüfung, man habe bereits „externe Räume für die Kollegen angemietet“, der technische Umzug werde vorbereitet.

Des Weiteren gibt es aus Hamburg übrigens auch keine Erklärung dafür, warum der für Unister Verantwortliche beim Versicherungskonzern – ein hochrangiger Manager – vergangene Woche das Unternehmen verlassen hat.

Wir dokumentieren das Statement von Firmengründer Thomas Wagner auf dem Unister-internen Blog im Wortlaut:

Liebe Unisters,

sicher habt Ihr es längst in den Medien gelesen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen einzelne von uns ausgeweitet. Gut eine Woche nach den Artikeln in fvw und LVZ berichtete nun auch der MDR darüber. Für den flüchtigen Betrachter klingt das nach einer handfesten News, tatsächlich ist es warmgehaltener Kaffee von vergangener Woche. Und der kann kein vollmundiges Aroma haben.

Noch einmal für alle: Bei den erweiterten Ermittlungen geht es um die Art und Weise der Beschäftigung von drei Gesellschaftern. Diese haben nach unseren Informationen übrigens brav ihre Sozialabgaben abgeführt und im Einklang mit dem Finanzamt gehandelt. Möge sich jeder selbst ein Bild über die Wucht dieses Vorwurfs machen.

Und es geht um Betrugsvorwürfe innerhalb des Gesellschafterkreises. Dass einer dieser Gesellschafter Unternehmensgelder in nicht unerheblicher Höhe veruntreut haben kann, wissen wir bereits seit März. Im August mussten wir es öffentlich machen. Und wir werden diese Vorwürfe mit viel Verve aufklären, mit oder ohne staatsanwaltschaftlicher Hilfe.
Seit fast drei Jahren ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft gegen Mitarbeiter und Gesellschafter unseres Hauses. Dass noch immer keine Anklage zugelassen ist, kann vieles bedeuten. Nur die Justiz kennt aktuell die Gründe hierfür. Und allein diese hat darüber zu richten. Klar scheint aber, dass die Verdachtsmomente komplex sind. Und für jeden in einem Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung.

Als Verfahrensbeteiligter arbeitet unser Unternehmen eng mit der Generalstaatsanwaltschaft zusammen. Uns ist es wichtig, dass sämtliche Verdachtsmomente gegen jeden von uns umfassend und zeitnah aufgeklärt werden. Leider haben wir den Eindruck, dass dieses Interesse von den Behörden nicht ausreichend berücksichtigt wird. Und wir bedauern es, dass immer wieder Ermittlungsakten bei den Medien landen und dort nicht vollständig verstanden und eingeordnet werden. Wir können die Strömungen dieser Akten in die Öffentlichkeit nur erahnen. Vom Gesetzgeber vorgesehen sind sie sicherlich nicht.

Unter dem Blickwinkel der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen kommt es leider immer wieder vor, dass in den Medien selbst kalter Kaffee einen warmen Eindruck macht. So beehrt uns heute wieder einmal das Handelsblatt mit einem Bericht. Streng genommen geht es um unseren Versicherungspartner Hanse-Merkur.

Das Handelsblatt spekuliert hier das Szenario, das ein angebliches Darlehen der Hanse-Merkur für unser Unternehmen fällig ist. Selbst wenn es so wäre: Kein Unternehmen dieser Welt äußert sich zu internen Darlehensverträgen. Das verbietet allein der Respekt vor dem Geschäftspartner. Wir haben das Handelsblatt vielmehr darauf hingewiesen, dass die Refinanzierung von laufenden Darlehensvereinbarungen seit geraumer Zeit organisiert und beschlossen ist. Es gibt deswegen keine finanzielle Drucksituation. Viel deutlicher können wir es nicht sagen.

Diese Nachricht geht im Kontext des Handelsblatt-Artikels leider etwas unter. Uns ist wichtig, dass sie bei Euch ungefiltert ankommt. Trinken wir also einen frisch gebrühten Kaffee und machen wir uns an die Arbeit. Und freuen wir uns, losgelöst von den Recherchen des Handelsblatts, über handfeste Nachrichten aus der Geschäftsleitung, die in Vorbereitung sind. Ihr erfahrt sie zuerst.

Bild: Unister