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Die drei Gründer von Vibewrite: Alexander Hanke, Falk Wolsky und Daniel Kaesmacher

Der Geschäftsführer des insolventen Münchner Startups Vibewrite wurde vor wenigen Tagen angezeigt. Der Vorwurf gegen Falk Wolsky: Insolvenzverschleppung. Dies bestätigte die Münchner Staatsanwaltschaft gegenüber Gründerszene. Derzeit werde geprüft, ob es genügend Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat gebe, heißt es, nur dann könne ermittelt werden.

Vibewrite, Entwickler eines digitalen Stifts, der bei Rechtschreibfehlern vibrieren sollte, schlitterte im vergangenen Jahr in die Insolvenz – nur drei Monate nach erfolgreichem Crowdinvesting. Im September 2014 schloss das Startup seine Finanzierungsrunde auf Seedmatch ab. Die Einnahmen: 560.000 Euro. Wie im Dezember bekannt wurde, stellte die Krankenkasse DAK bereits Anfang Oktober den Insolvenzantrag, da Beitragszahlungen ausgeblieben waren. Wolsky rechtfertigte sich damals gegenüber Gründerszene: Konkret sei es um einen Mitarbeiter gegangen, so der CEO. Und: Von Insolvenzverschleppung könne nicht die Rede sein.

Das klingt nun anders. Auf erneute Anfrage von Gründerszene, sendete Wolsky ein Interview als Stellungnahme, das er mit Seedmatch geführt habe und das im Investorenbereich veröffentlicht worden sei. Darin gibt Wolsky zu: „Die Staatsanwälte werden sowohl den Straftatbestand der Insolvenzverschleppung als auch der Nichtbezahlung von Sozialversicherungsbeträgen finden und entsprechend bestrafen.“

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Wolsky erklärt weiter, er sei nie eine Planbarkeit gegeben gewesen, solange Vibewrite allein durch Crowdinvesting Finanzmittel für das Unternehmen bekommen hätte. Er schreibt: „Es muss allen bewusst sein, dass bis zum Abschlusstag des Seedmatch-Projektes unklar war, wie viel Investment wir durch Seedmatch letztlich bekommen werden! Wie soll man dies auf Monats- oder Quartals-Ebene planen?“ Wolsky wundert sich, warum Investoren so überrascht sind: „Die zu große Abhängigkeit des Cashflows vom Crowdinvesting-Projekt war offenbar den Investoren trotz vorgelegtem Cashflow und Businessplan nicht bewusst oder wurde nicht beachtet.“

„Zahlungsverzug gegenüber Krankenkassen riskiert“

Bei seinen unternehmerischen Entscheidungen habe er das Team an die erste Stelle gestellt. „Diejenigen, welche am wenigsten direkt von einem Zahlungsverzug betroffen sind, bei denen also der Schaden kurzfristig gesehen am geringsten ist, sind Krankenkassen und Finanzämter, welche Milliarden-Überschüsse einfahren. Bevor ich also auch nur einen einzigen Mitarbeiter entlassen muss, habe ich zunächst den Zahlungsverzug gegenüber Krankenkassen riskiert. Denn mit jedem Mitarbeiter, der gehen müsste, sind nicht nur Zusammenhalt und Motivation in Gefahr – sondern auch das Wissen und die Lösungen, in welche die Investoren eigentlich investiert haben.“

Die DAK findet das gar nicht witzig. Ein Sprecher betonte gegenüber Gründerszene, dass es kein Kavaliersdelikt sei, Sozialabgaben nicht zu zahlen. Schließlich handele es sich um Geld, das Angestellten zu Gute komme und nicht dem Unternehmen.

Da kein Folgeinvestor gefunden wurde, musste der Geschäftsbetrieb zum 1. Februar dieses Jahres eingestellt werden. Wolsky ist der Meinung, dass es in deutschen Szene ein Problem gebe: Investoren wollten erst Geld geben, wenn ein Produkt marktreif sei. Trotz positivem Feedback von Investoren habe er deswegen niemanden überzeugen können. „Wenn man kein Samwer-vergleichbares E-Commerce-Unternehmen ist, hat man es in Deutschland in diesen Zeiten schwer“, schreibt er in einer Mail an Gründerszene.

Doch warum sollten Investoren an die Funktionalität eines Produkts glauben, dessen Marktreife immer weiter nach hinten geschoben wurde? Als das Crowdinvesting für den Lernstift Ende August 2014 um einen Monat verlängert wurde, kündigte Vibewrite gleichzeitig an, dass der Verkauf nicht wie geplant im August starte – sondern erst ab November. Zur Marktreife gelangte der Stift letztlich nie, es gab nur frühe Vorab-Versionen. Somit entwickelte sich auch der Umsatz längst nicht wie erwartet. Vor dem Crowdinvesting hatte Vibewrite die Erwartungen noch geschürt: 2014 sollte ein Umsatz von 3,3 Millionen Euro erwirtschaftet werden, 2016 bereits 60 Millionen Euro.

Quartalsberichte liegen bis heute nicht vor

Unter den 551 Crowd-Investoren, die Geld für Vibewrite gaben, wurden Betrugsvorwürfe laut. Ein Geldgeber sagte gegenüber Gründerszene: „Ich bin bei dem Investment davon ausgegangen, dass ein serienreifes Produkt besteht, das ausgerollt werden kann.“ Viel bei der Insolvenz bleibe schleierhaft. So liegen den Investoren bis heute die letzten zwei Quartalsberichte Vibewrites nicht vor. „Ich will einfach nur Antworten“, so der Investor. Zwar habe Wolsky zu einem Treffen eingeladen, das sei aber tagsüber gewesen. „Wir sind alle berufstätig. Dafür kann ich doch nicht von Frankfurt nach München reisen.“ Wolsky schiebt in dem Seedmatch-Interview die Schuld auf die Buchhalter: „Den ersten Quartalsbericht konnte ich nicht in der korrekten Zeit erstellen lassen, weil die Buchhaltungskanzlei unserem Projekt anscheinend eine sehr geringe Priorität hat zukommen lassen.“

Auf dem Seedmatch-Blog haben viele Investoren ihrem Frust freien Lauf gelassen. Es ginge ihnen gar nicht um das Scheitern des Startups, sondern um die Art und Weise. Viele seien enttäuscht von der schlechten Kommunikation, andere kritisieren die Personalpolitik Vibewrites, das nach dem Crowdinvesting schnell von 13 auf 20 Mitarbeiter angewachsen ist. Viele finden, das Projekt sei mit weniger Leuten zu stemmen gewesen. Wolsky hingegen sieht ein großes Team und resultierende Schnelligkeit als wichtige Faktoren für Erfolg.

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Die Crowd will zudem wissen, wofür das Kapital verwendet wurde. Einer kommentiert: „Ich möchte als Investor endlich klare Fakten, wohin die Gelder geflossen sind, insbesondere, wie sich die Gehaltsstruktur der Führungsriege zusammensetzt. Als Gründer ist es nun mal so, dass die ersten Jahre finanziell eher mau sind, das weiß ich aus eigener Erfahrung.“ Wolsky schreibt, er habe als Freelancer für Vibewrite gearbeitet und „einen recht niedrigen Tagessatz von 600 Euro angesetzt“, Consulting-typisch seien 1.200 Euro. Zudem habe er nur ein Drittel seiner Arbeitszeit in 2013 und 2014 überhaupt berechnet. Ab August 2014 habe er das „zusätzlich sukzessive nochmals halbiert“.

Vorwurf: Vertragsbruch

Weiter argumentiert Wolsky, im Verhältnis sei das eingenommene Kapital nicht viel Geld gewesen. Seit Mai habe man bereits Tranchen der Gelder verwendet. Da war laut Seedmatch das Fundingziel von 100.000 Euro erreicht. Einige Investoren vermuten nun Vertragsbruch. Marco Binsch schreibt auf dem Blog: „Wenn während des Fundings bereits Schulden vorhanden waren und das eingeworbene Geld ‘nur’ zur Tilgung der Schulden verwendet wurde, dann kann mit dem Geld nicht die ‘versprochene’ Mittelverwendung durchgeführt werden. Damit entsteht ein Vertragsbruch und zwar bereits während des Fundings.“ Wolsky fordert die Investoren auf, das Honorar für die Kanzlei zu sammeln, um somit die Quartalsberichte zu erhalten und die Verwendung der Gelder nachvollziehen zu können.

Für Seedmatch ist der Vorfall „sehr unglücklich“, so eine Sprecherin gegenüber Gründerszene. Denn auch die Crowdinvesting-Plattform musste massive Kritik einstecken. Viele Investoren kündigten an, nicht mehr über Seedmatch investieren zu wollten. Der größte Kritikpunkt: Seedmatch sieht sich nur als Vermittler und prüft die vom Unternehmen vorgelegten Ist-Zahlen nicht. So könnten Investoren den Zustands des präsentierten Startups nicht einschätzen. Seedmatch ist sich des Problems bewusst: „Wir sind dabei, auszuarbeiten, was wir den Investoren über den Ist-Zustand eines Startups an die Hand geben können“, heißt es. Das kommt für die Vibewrite-Investoren allerdings zu spät.

Und Falk Wolsky? Er hat bereits eine neue Geschäftsidee und wieder gegründet: Curlybeans, eine Beratungsfirma für Produkt-Erfolg.

Update: Auf Nachfrage verschiedener Leser ist hier nun das gesamte Interview Falk Wolskys mit Seedmatch zu lesen, das dort im geschlossenen Investorenbereich zugänglich war. Wir haben Teile entfernt, in denen es um dritte Parteien geht.

Bitte wenden – hier geht’s zum Interview mit Falk Wolsky.

Bild: Vibewrite

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