Vinton Cerf lobt Samwers

„Erfinder“ des Internets: Vinton Cerf

Happy Birthday, WWW! Vor 25 Jahren skizzierte der britische Physiker Tim Berners-Lee ein Informationsmanagement-System, das später als World Wide Web die Welt veränderte. Grundlage dafür war das Übertragungsprotokoll TCP/IP. Gründerszene sprach vor wenigen Monaten mit dessen Erfinder Vinton Cerf. Und der hatte auch einiges zur deutschen Startup-Szene zu sagen.

Vinton Cerf: Trendschnüffler, Netzdenker und Evangelist

Viele von Euch waren noch nicht geboren, als Vinton Cerf das Internetprotokoll erfand, das alles andere erst ermöglicht hat: Mit TCP/IP haben er und andere Wissenschaftler die grundlegende Architektur geschaffen, auf der das heutige Internet basiert. Vor 40 Jahren, 1973.

Er gründete die Internet Society, war Präsident der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), forscht derzeit daran, welche Übertragungsprotokolle im Weltall funktionieren – und arbeitet als Chief Internet Evangelist für Google. Heißt: Er spürt nach Trends, denkt die vernetzte Zukunft und spricht für den Suchkonzern auf Veranstaltungen. Vor einigen Tagen war er in der Berliner Factory, um sich im Rahmen des Startupweekends mit der Frage zu beschäftigen: „Wie sieht das Leben auf der Erde in 10, 100 oder 1000 Jahren aus und wie kann deine Idee dieses Leben verändern?“

Vinton Cerf, wie sieht die Zukunft aus?

Alles wird miteinander vernetzt sein, alle Dinge arbeiten dann zusammen, Software wird überall stecken: in Stühlen, in Tischen. Wir werden sie gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie einfach überall ist. Es wird uns ganz normal vorkommen, wenn Akkus uns mitteilen, wie oft wir sie noch aufladen können.

Das Internet der Dinge also. Ein gutes Feld für Startups?

Sie dürfen nicht glauben, dass ich genau weiß, was die Zukunft bereit hält. Aber das Internet der Dinge ist sicher ein wichtiger Trend – inzwischen gibt es ja sogar schon Glühbirnen mit eigener IP-Adresse. All diese vernetzten Geräte bieten so viele Möglichkeiten, die kontrolliert werden müssen. Wenn man beispielsweise alle Unterhaltungselektronik-Gadgets und Geräte vernetzt, braucht man ein gutes Sicherheitssystem. Um zu verhindern, dass der 15-jährige Nachbarsjunge zwischen deine Filme irgendwelchen Content schmuggelt, den deine Familie vielleicht nicht so appetitlich findet. Hier müssen Standards entwickelt werden – eine Chance für neue Unternehmen.

Welche anderen Trends sehen Sie noch?

Der ganze Medizinbereich ist sehr interessant. Das Feld der Neuroelektronik, die lebende Zellen und Gewebe mit elektronischen Geräten und Anlagen verbindet. Das nächste große Ding: DNA-Analyse. Darmbakterien zum Beispiel! Sie sind lebenswichtig als Teil unseres Immunsystems, und speichern zehn Mal so viel DNA-Informationen wie unsere Körperzellen. Und natürlich Big Data wird noch wichtiger – vor allem die Interpretation dieser Daten, das tiefe Verständnis für sehr komplexe Zahlenmengen und Informationen. Hier gibt es viele Gelegenheiten für Startups, diese Informationsmassen aufzuarbeiten und echten Nutzen daraus abzulesen.

Das kann zum Sicherheitsproblem werden, wir wir gerade unter anderem an der Prism-Debatte sehen.

Richtig. Darum sind gewöhnliche Passwörter als Schutz nicht mehr ausreichend. Doch viele müssen offenbar erst noch lernen, dass es unsicher ist, immer das selbe Passwort zu benutzen. Ich glaube, es funktioniert nur mit einer Hardware-Lösung. Online-Banking ist viel sicherer, wenn man ein Gerät nutzt, das für jede Transaktion ein neues, einmal gültiges Passwort erstellt.

Kann sehr lästig sein.

Natürlich ist das nicht bequem und ein bisschen umständlich. Aber ich nehme das gerne in Kauf, weil ich weiß, dass es viel sicherer ist. Es wird schwer werden, die große Masse daran zu gewöhnen. Ich schlage darum vor, den maschinenlesbaren Personalausweis mit dem Bankkonto zu verknüpfen – ihr Geld wollen die Menschen schützen, daran sind sie gewöhnt und auch bereit, für jede Transaktion ein eigenes Passwort zu generieren.

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Also könnte man eine Plattform schaffen, auf der sie ihren Ausweis als Zugang zu ihrem Bankkonto verwenden – und wenn sie etabliert ist, könnte beispielsweise Google diesen Portal nützen, um den Menschen sicheren Zugang zu anderen Services zu bieten. Der Trick besteht darin, eine plausible Erklärung zu finden, warum man immerzu Hardware mit sich herumtragen muss. Wenn die Menschen es bei Bankgeschäften oder am Geldautomaten akzeptieren, kann man sie nach und nach auch an andere Felder gewöhnen.

Sind solche Hardwarelösungen auch eine mögliche Geschäftsidee für Startups?

Ja, da bieten sich durchaus Chancen – allerdings müssen die Chipfabrikanten erst in Vorleistung gehen und entsprechende Komponenten produzieren, für Startups wären diese Entwicklung und Produktion natürlich zu teuer. Doch dann könnten die Programmierer dafür Lösungen entwickeln. Und zum Beispiel festlegen, wer das Ding kontrollieren kann, in das der Chip eingebaut ist.

Hat Prism und die Sicherheitsdebatte also ein neues Geschäftsfeld geschaffen?

Auf jeden Fall! Vor allem Lösungen, die Sicherheitsmechanismen vereinfachen, damit die Masse sie auch annimmt, werden gefragt sein. Die große Herausforderung der nächsten Zeit: Wie gestaltet man diese Mechanismen möglichst bequem und komfortabel – aber hält sie immer noch sicher genug?

Momentan basieren viele Apps eher auf komfortabler Bedienung als auf Sicherheit. Wird sich das ändern?

Idealerweise ja. Die Appentwickler tragen da auch Verantwortung, darüber nachzudenken: Welche Daten sammle ich von den Nutzern ein, wie lange speichere ich sie, wie schütze ich sie? Der User hat das Recht darauf, auf diese Fragen Antworten zu bekommen. Und wir brauchen Regeln dafür, was Unternehmen mit ihren gesammelten Daten machen dürfen.

Gibt es ein deutsches Startup, das Sie besonders begeistert?

Ich habe von diesen drei Brüdern gehört…

Die Samwer-Brüder?

Ja, die es sich zum Geschäftsmodell gemacht haben, andere Ideen zu klonen – this is spectacular! That’s very cool. Sie zeigen, dass die USA nicht der einzige Ort sind, an dem es diese Art von Kreativität gibt. Es ist so wichtig, dass Kreativität sichtbar wird! Sie ist ja überall: In jedem Land, in jeder Population. Nur haben viele nicht die Möglichkeit, sie auch zu zeigen.

Was denken Sie über Berlin als Startup-Stadt?

Das Ökosystem ist gut und dem Silicon Valley nicht unähnlich: Alle kennen sich, vernetzen sich und helfen einander auch mal. Allerdings ist in Berlin die Kultur des Scheiterns noch nicht anerkannt genug. In den USA ist es eher ein Zeichen von Erfahrung, wenn du einmal gescheitert bist. In Deutschland bist du gebrandmarkt. Und natürlich ist das verfügbare Geld ein fundamentaler Unterschied.

Weil größere Finanzierungsrunden schwierig sind?

Ja, Seed-Investments bekommt man auch in Berlin, aber die größeren, späteren Runden, die sind in Deutschland immer noch schwierig. Aber es gibt hier so viele gute Gelegenheiten. Deutsche Startups haben so etwas wie einen eingebauten guten Ruf, wenn es um die Tech-Industrie geht. Basierend auf den guten internationalen Ruf von SAP und Siemens, das schafft Vorschusslorbeeren. Wenn ich zurück im Valley bin, werde ich auf jeden Fall einige Investoren drängen, nach Berlin zu kommen und hier auch einiges Geld zu investieren.

Als Sie 1973 das Internetprotokoll erfanden – hatten Sie da eine Ahnung, welche Auswirkungen diese Entwicklung haben würde?

Es wäre jetzt einfach, nein zu sagen – aber das stimmt nicht ganz. ich hatte mit meinen Kollegen ja schon ein paar Jahre lang Erfahrungen mit Arpanet gesammelt, einem Vorläufer des Internets, bevor wir TCP/IP erfanden – und wir haben durchaus gesehen, was damit alles möglich werden würde. Es gab bereits Personal Computer, die Email war schon erfunden – und uns war klar, dass diese Dinge die Welt in den nächsten 20 Jahren unglaublich verändern würden.

Haben Sie auch all die Business-Möglichkeiten vorhergesehen, die das Internet schaffen würde?

Nein, wir haben uns auf die technischen Möglichkeiten konzentriert, die fanden wir schon sehr aufregend. Aber wir hätten eine Geschäftsidee auch dann nicht erkannt, wenn sie uns direkt angesprungen und eine Ohrfeige gegeben hätte. We were just geeks.

Inteview: Nikolaus Röttger und Anja Rützel