vr kino

Es wurde ziemlich groß angekündigt. Als das „erste Virtual-Reality-Kino in Deutschland“. Mehr als 2.500 Nutzer hatten bei Facebook angegeben, dass sie sich für das Event interessierten. Sieben 30-minütige Vorstellungen wurden angekündigt. Die Kurzdokumentation „Clouds over Sidra“ stand namentlich auf dem Programm.

Um Kino-Atmosphäre zu erzeugen, wurden dann am Dienstagabend vor der Platoon Kunsthalle in Berlin-Mitte die vereisten Stufen mit einem roten Teppich bedeckt, durch das Fenster sah man eine große Popcorn-Maschine. Am Eingang drückte uns eine junge Frau die Karten und das Programm in die Hand. Die drei Kurzfilme „Take Flight“, „Clouds Over Sidra“ und „Real Memories“ standen oben. Zusätzlich durften wir uns zwischen dem Dokumentarfilm „The Displaced“ und zwei Horrorfilmen entscheiden. Aus Angst vor dem Horrorfilm entschieden wird uns für die Dokumentation von der New York Times über drei Kinder, die vor dem Krieg aus ihrer Heimat fliehen mussten. Alle Filme wurden mit 360°-Kameras gedreht.

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Durch dunkle Vorhänge wurden wir in den Saal mit rund 30 Drehstühlen und einer großen Leinwand geführt. Auf den Stühlen waren Brillen sowie Kopfhörer ausgelegt. Wir setzen sie auf. Und los ging’s.

Zunächst sind wir über den Wolken, unter uns eine Stadt mit hohen Gebäuden und vollen Straßen. Wir können einmal um uns herum gucken, andere Menschen tanzen in dem Film neben uns auf den Wolken, Glassplitter fliegen auf uns zu. Faszinierend. Ende. Nächster Film. Ein Mädchen erzählt von ihrem Leben in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Wir können uns in dem Zelt umsehen, wo sie mit ihrer Familie lebt. Stehen mit ihr und den Freundinnen auf dem Fußballplatz. Gehen mit ihr in die Schule. Beeindruckend und berührend. Nächster Film.

Irgendwann war uns etwas schlecht – wir hatten uns zu viel auf dem Stuhl gedreht, der Rundumblick machte Kopfschmerzen, die Brille drückte. Doch die Filmsequenzen waren beeindruckend, teilweise fühlte es sich tatsächlich so an, als sei man vor Ort, als würden einen die Menschen in den Filmen direkt ins Gesicht sehen, die Geschichte nur uns erzählen. Die VR-Filme katapultierten uns in eine andere Welt, so wie 2D-Filme, selbst 3D-Filme, das niemals könnten.

Noch mindert die Technik das Erlebnis

So atemberaubend das neuartige Kinoerlebnis auch war, komplett versinken konnten wir in dieser virtuellen Realität nicht. Das lag zuallererst an der Technik. In keiner Vorankündigung war beschrieben worden, mit welcher Brille die Zuschauer die Filme sehen würden. Wir hatten automatisch auf die neueste Oculus Rift oder ein vergleichbares Modell gehofft – schließlich haben schon mehrere Firmen diese Brillen für Testzwecke bei sich. Und auch wir hatten schon Filme und Spiele mit diesen Brillen gesehen.

Zu unserer Enttäuschung handelte es sich bei dem verwendeten Modell um eine Gear VR. Das Produkt von Samsung ist bereits seit einiger Zeit auf dem Markt. Damit lässt sich das Smartphone als Bildschirm für die VR-Brille nutzen. Einen Teil der Technologie steuert Oculus bei. Diese „VR-Notlösung“ bringt deutliche Einschneidungen bei der Qualität mit sich, da Smartphones wie beispielsweise das Galaxy S6 nicht vorrangig für den VR-Einsatz konzipiert wurden.

So wirkt das Bild plump, einzelne Pixel sind deutlich zu erkennen. Außerdem ist das Sichtfeld durch die Größe des Smartphones stark eingeschränkt. Bei längerer Nutzung kann es unangenehm warm unter der Brille werden. Und auch der Smartphone-Akku macht relativ schnell schlapp.

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Die Gear-VR-Halterung hat wenige Anpassungsmöglichkeiten. Mit mehreren Gummizügen lässt sich das Gerät zwar an die eigene Kopfform anpassen – im Kino war dazu allerdings keine Zeit. Denn kaum war das Gerät auf dem Kopf, lief auch schon der erste Film über die Brille. Die Folge: ständiges manuelles Nachjustieren der Halterung auf dem Kopf. Auch die Einstellung der Bildschärfe über ein Drehrad an der Gear VR klappte im Eigenversuch nur mäßig. Und natürlich passt auch ein Kopfhörer nicht auf jeden Kopf.

All diese Einstellungsmöglichkeiten benötigen normalerweise einiges an Vorbereitungszeit. Kurzum: Im normalen Kinobetrieb ist das derzeit nicht zu realisieren.

Das Potenzial ist erkennbar

Der VR-Kinobesuch lohnt sich, um einen Vorgeschmack auf das zu bekommen, was bald kommen kann. Und wohl auch wird. Denn mit moderneren Geräten wie der Oculus Rift oder HTC Vive dürfte sich das Erlebnis deutlich flüssiger anfühlen. Genauso wie 3D mittlerweile zum Kino-Standardrepertoire gehört, dürfte sich VR dort in den nächsten Jahren als dritte Säule etablieren. So kommen dann auch Menschen in den Genuss von VR, denen etwa die Anschaffungskosten für den Eigengebrauch zu hoch sind.

Bild: Samhound