Punkt 19.00 Uhr trat gestern im Vorlesungssaal des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) auf dem Campus der Universität Potsdam Institutsleiter Christoph Meinl vor das Mikrophon. In dem ausgefüllten Saal befanden sich rund 200 Gäste aus allen Branchen und jeden Alters. Der Grund: David Kelley, Gründer und Geschäftsführer der weltweit bekannten Design-Consulting-Firma IDEO traf zum Austausch mit Hasso Plattner, dem Gründer von Deutschlands Vorzeige-Software-Schmiede SAP, zusammen. Angekündigt durch Institutsleiter Meinel philosophierten die beiden „Architekten des Design Thinking“ gemeinsam über zwei Stunden über diese innovative Kreativmethode, welche Kelley mit seiner Firma entwickelte und seither in Stanford auch als Studiengang etablierte. Beide wirken routiniert und entspannt. Man merkt ihnen an, dass sie schon oft über ihr Zusammentreffen und Design Thinking sprachen und je mehr sie erzählen, desto intensiver wird Begeisterung in ihren Gesichtern sichtbar. Aus diesen beiden Design-Architekten spricht eine Abgeklärtheit und Selbstverständlichkeit, die ansteckt. Sie sind bescheiden und doch animierend. Routiniert, aber nicht langweilig. Es wird viel gelacht an diesem Abend. Über sich selbst, über Querelen des Business-Alltags und über die amüsanten Geschichten der berühmten Querdenker auf der Bühne. Begeistert erzählen Kelley und Plattner von Konzernchefs die ihre selbst entwickelten Handys nicht bedienen können und von den tollen Ideen die bei Interviews mit Kindern herauskamen.

Das Kennenlernen zwischen dem deutschen Milliardär und Mäzenen Plattner und dem vom Fortune Magazine als „People to Watch“ gekrönten Kelley war so technisch geprägt, wie man es von den beiden erwartet. Plattner war auf einer SAP-Konferenz in New Orleans als Redner über Innovation in großen Konzernen vorgesehen. Kurz vor seiner Ansprache blätterte er in der aktuellen Business Week und stolperte über den schnurrbärtigen Kelley, der mit IDEO das Titelblatt des Magazins zierte. Begeistert von deren Vorstellungen zum Innovationsbegriff baute er das Magazin kurzerhand in seinen Vortrag ein, was von IDEO-Mitarbeitern über einen Internetstream mit verfolgt wurde. Sofort nahm man Kontakt auf und die Bekanntschaft der beiden machte Plattner schließlich zum Investor des Hasso Plattner Institute of Design in Stanford – kurz D-School. Wenige Jahre später sollte an Plattners Institut das deutsche Schwesterinstitut in Potsdam folgen. „Wir haben eine echte Internetbeziehung“, kommentiert Plattner lächelnd. „Ja, gut aussehender Milliardär sucht…“, vervollständigt Kelley den Satz. Der ganze Saal lacht ausgelassen.

Doch worauf basiert dieser innovative Ansatz des „Design Thinking“? Und was kann man als junger Unternehmer unter Umständen für sich mitnehmen? Design bezieht sich dabei weniger auf Formgebung als vielmehr auf das nutzerzentrierte Denken, das dem Design-Bereich so sehr zu Eigen ist. In der Stanforder wie auch in der Potsdamer „D-School“ treffen Studenten verschiedener Studienrichtungen zusammen und bearbeiten nach einem bestimmten Prozess so genannte Design Challenges. Wesentliches Element ist neben den multidisziplinären Teams zum einen ein Raum, der auf die Bedürfnisse der Studierenden ausgerichtet ist (beispielsweise ist jedes Möbelstück auf Rollen befestigt und Whiteboards zieren nahezu alle Wände). „Relaxed attention“ nennt Kelley den Effekt solcher Räumlichkeiten, was zum Nachdenken beflügelt, nicht zwingt. Vor allem aber konzentriert sich der Design Thinking-Ansatz eben auf einen Prozess-Teil, der vielen, insbesondere großen Firmen zum Teil verloren gegangen ist: den Nutzer. Gerade im IT- und Software-Bereich lehren Negativbeispiele wie Fahrkartenautomaten oder Handy-Applications, dass nutzerfreundliche Produkte heutzutage das Zentrum der Programmierarbeit ausmachen (sollten). Dass auch SAP hier beileibe nicht immer glänzt, deutet Plattner mit einem weiteren Lächeln an.

Als Unternehmer sollte auf einen komplementären Mitarbeiter-Pool geachtet werden, was sich sowohl auf die verschiedenen Disziplinen als auch auf Geschlecht und Alter bezieht. Wenn Erfahrung und unverbrauchter Blick, Fachwissen und Querdenken zusammentreffen, entstünden gezielte Innovationen. Wesentlich ist hierbei dann auch der Konsumenten-Fokus: Die eigene Zielgruppe sollte anhand von Personas definiert werden und Kunden befragt und beobachtet werden, während sie das eigene Produkt nutzen. Gepaart mit Iterationen und der Bereitschaft Produktentwicklungen auch wieder zu verwerfen verspricht der Design-Thinking-Ansatz so intensive Einsichten. Denn insbesondere im Software-Bereich ist frühes Feedback nahezu unbezahlbar, als dass Veränderungen am Programmcode umso teurer werden, je weiter fortgeschritten das Produkt ist.

Das Motto des ganzen Abends steht dabei ganz im Lichte der kindlichen Unverbrauchtheit: Mit schelmischer Freude spricht Kelley nur ein paar Worte zu Beginn, bevor er sich zur Diskussion mit Plattner und dem Leiter der Potsdamer D-School Ulrich Weinberg begibt. Er spricht davon, andere Menschen von ihrem kreativen Selbstbewusstsein zu überzeugen. Dass sie ihrer rechten, kreativen Gehirnhälfte doch genauso vertrauen könnten, wie ihrer linken, analytischen. Zu oft würde man Spaß bei der Arbeit mit unprofessionellem Verhalten verwechseln, weshalb er seine linke Gehirnhälfte genutzt habe, um einen analytischen Prozess (Design Thinking) zu entwickeln, der es der rechten erlaubt, sich besser zu entfalten. Er hat die Analytiker-Fraktion quasi ein wenig ausgetrickst. An diesem Abend fällt hierzu wiederholt die Metapher des Kindergartens: Die Studierenden mit ihren Post-Its, Legobausteinen und Papier-Prototypen wirkten ein wenig wie Kinder beim Spielen. „Wenn wir Amerikas größter Bank völlig neue Klientengruppen erschließen, muss an diesem Kindergarten wohl etwas dran sein, oder?“, kommentiert Kelley. Mit Plattner ist er sich einig, dass Kinder die Offenheit und das Querdenken mitbringen, das so vielen Erwachsenen verloren gegangen ist. „Wir können von der Unschuld von Kindern nur lernen und dass sie sich nicht scheuen, Fehler zu machen“ kommentiert Kelley mit leuchtenden Augen. Seinem eigenen Motto wird der gebürtige Kalifornier dabei vollends gerecht: Noch zwei Stunden nach der Veranstaltung tollt er wie ein energiegeladenes Kind durch die Menschenmenge, spricht Gäste an, tauscht sich mit ihnen über die Flötenspiel-Application für sein iPhone aus und teilt begeistert Projekte seiner Firma. Wie auch zum Ende seines Vortrags, den Kelley mit einem „Okay?“ beendet, als wollte er fragen, ob es denn noch irgendwelche Zweifler gäbe, wir einem klar, dass dieser Mensch Spaß und Kindsein auf gewiefte Weise mit dem Berufsleben verquickt hat.

 

 

Über den Autor

Joel Kaczmarek studierte als Master Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und besuchte parallel zu seinem regulären Studium die HPI School of Design Thinking, wo er sich in der Kreativmethode des Design Thinking fortbildete. Nach verschiedenen Tätigkeiten für die Berliner Morgenpost, den Rundfunk Berlin Brandenburg oder das Design-StartUp D-LABS ist er heute vor allem als Autor im Onlinebereich sowie als Grafiker tätig.