WhatsApp-Gründer Jan Koum bei einer Veranstaltung an der TU in München

Nein, wie ein milliardenschwerer Silicon-Valley-Überflieger wirkt Jan Koum nicht. Und wenn man dem WhatsApp-Gründer gegenübersitzt, wirkt es so, als fühle er sich auch nicht als einer. Hoodie und Sneaker sind in der Tech-Welt zwar normal. Koum tritt in diesem Outfit aber auffallend ruhiger und zurückhaltender auf als viele andere. Koum verkörpert den Tech-Nerd, in der Öffentlichkeit macht er sich auffallend rar. Das steril eingerichtete Münchner Konferenzzimmer, in dem wir nun sitzen, ist sichtlich nicht „sein Ding“.

An die US-Westküste hatte es Koum bereits als Junge verschlagen: Er wanderte mit seiner Mutter 1992 aus der Ukraine nach Kalifornien aus. Dort geht er zur Schule, bringt sich das Programmieren bei, lernt die Tech-Szene kennen. Schließlich landet er bei Yahoo, seinem Arbeitgeber für ein Jahrzehnt. Im Februar 2009 gründet er – gerade 33 geworden – die WhatsApp Inc. Was folgt ist rasantes Wachstum. Und ziemlich genau fünf Jahre später der Exit: Neunzehn Milliarden Dollar bezahlte Facebook im Februar 2014 für den Messenger-Dienst.

Der hatte damals schon beachtliche 450 Millionen Nutzer. Seitdem hat das Unternehmen seine Nutzerzahlen mehr als verdoppelt, eine Milliarde Menschen weltweit halten sich heute mit der Smartphone-App regelmäßig auf dem Laufenden. Zusammen senden sie jeden Tag 42 Milliarden Nachrichten, teilen 1,6 Milliarden Bilder, tun sich in insgesamt einer Milliarde Gruppen zusammen. Das sind beachtliche Zahlen. Umso bemerkenswerter: Nur etwas mehr als 50 Techniker arbeiten beim Unternehmen.

Dabei hatte für WhatsApp-Gründer Jan Koum alles ganz harmlos angefangen. Wie, das verrät er im Gespräch mit Gründerszene.

Jan, eine Milliarde aktive Nutzer hat WhatsApp gerade vermeldet. Wie fühlt man sich bei einem solchen Meilenstein?

Schon ein bisschen stolz. Dass WhatsApp Potenzial hat, war uns recht früh klar. Und wenn man schnell wächst, will man natürlich noch mehr erreichen.

Aber hast Du zu Beginn schon an neun- und zehnstellige Nutzerzahlen gedacht?

An einige Hundert Millionen Nutzer schon. Ich wusste von Freunden, wie populär Textnachrichten in Europa waren – in den USA war das 2009 noch gar nicht der Fall. Also haben wir von Anfang an überlegt: Wie muss alles funktionieren, wenn die App einmal 100 Millionen junge und ältere Nutzer in der ganzen Welt hat. Sowohl vom Design her, als auch von der Technik im Hintergrund.

Du bist vor WhatsApp lange bei Yahoo gewesen, dann hast Du gekündigt. Wie kamst Du zu Deinem eigenen Startup?

Die Zeit bei Yahoo war anstrengend und ich wollte mir eine kleine Auszeit nehmen. Das habe ich auch gemacht. Nach einer Weile machten sich meine Freunde Sorgen, ich solle mir doch einen Job suchen. Um die ruhig zu stellen und mir eben keinen Job suchen zu müssen, habe ich dann von meinem Nebenprojekt erzählt, eine App bauen zu wollen. Damals war das noch etwas Ungewöhnliches: Das iPhone und der App Store waren gerade herausgekommen und niemand wusste, wie das alles funktioniert. Das war Ende 2008 beziehungsweise Anfang 2009.

Dein Hauptziel war es also, keinen festen Job zu haben.

Genau. Mein Gedanke war: Wenn ich meinem Hobby lange genug nachgehe, dann lassen meine Freunde mich vielleicht in Ruhe.

Aber der Plan ging nach hinten los.

Aus der Idee wurde nach einem guten Jahr ein funktionierender Prototyp – und ich hatte einen echten Vollzeit-Job. Als wir dann Messaging integrierten, arbeitete ich oft 80 Stunden in der Woche. Brian, mein Mitgründer, und ich wohnten regelrecht im Büro.

WhatsApp fing also gar nicht als Kurznachrichten-App an?

Nein. Zuerst konnte man darüber nur einen eigenen Status angeben. Ungefähr so, wie es bis heute funktioniert. ,Bin gerade im Meeting und erst heute Abend wieder erreichbar’ zum Beispiel. Das hatten Chat-Systeme wie ICQ zwar auch, aber wir wollten es aufs Handy übertragen. Blöderweise hat es niemand genutzt. Aber wir hatten den Programm-Code, Freunde über die Telefonnummer zu identifizieren. Das war damals einzigartig.

Erst dann habt Ihr überlegt, was man damit anfangen könnte?

Wir haben von einigen Freunden erfahren, dass sie die Status-Updates dazu nutzen, miteinander zu kommunizieren. Wir glaubten zwar nicht, dass das zum Riesenerfolg werden könnte. Aber wir wollten es einmal ausprobieren. Gleich, als wir die Funktion veröffentlichten, war der Ansturm gewaltig – weil die Nutzer gleich realisiert haben, dass sie so gegenüber SMS eine Menge Geld sparen können.

Wie groß war das Team zu Beginn?

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Es gab neben meinem Mitgründer Brian noch einen guten Freund von mir, er war Programmierer und hat sich um Android gekümmert. Hinzu kam ein Nokia-Entwickler in London.

Wer hat die Rechnungen bezahlt?

Zunächst waren wir gebootstrapped, Brian und ich haben den größten Teil des Kapitals bereitgestellt. Etwas später kamen dann auch einige wenige Freunde aus Yahoo-Zeiten als Business Angels dazu. Anfang 2011 bekamen wir dann 8 Millionen Dollar von Sequoia.

Es gab oft Kritik an WhatsApp wegen Sicherheits- und Privatsphäre-Aspekten.

Ich komme selbst ja auch aus dem Security-Bereich. Ich weiß also, dass es sehr einfach ist zu behaupten, eine App habe ein Sicherheitsleck. In Wirklichkeit sind die meistens sehr hypothetisch. Wir nutzen unser Produkt ja selbst – wenn es Sicherheitsbedenken unsererseits gebe, würden wir das wohl kaum.

Warum nehmt Ihr Euch dennoch immer recht viel Zeit, um darauf zu reagieren?

Tatsächlich ist es unsere interne Philosophie, nicht überstürzt auf alles zu reagieren. Wir prüfen alles gründlich und entscheiden dann, ob es etwas ist, für das wir eine Lösung finden müssen. Bei allen mobilen Entwicklungen dauert es, neue Versionen auf den Markt zu bringen. So schnell geht das nicht.

Davon abgesehen kommt aber immer wieder die Frage auf, was mit den Informationen in WhatsApp passiert.

Wir speichern Nachrichten nur so lange auf unseren Servern, bis sie auf dem Telefon des Empfängers angekommen sind. Anders geht es auch nicht, wenn man einen verlässlichen Dienst garantieren will.

Sind solche Bedenken etwas typisch Europäisches?

Natürlich gibt es Unterschiede in einzelnen Ländern, verschiedene Erwartungen. Schaut man sich nur einmal an, wie sich unterschiedliche Produkte unserer Wettbewerber in verschiedenen Ländern entwickelt haben. Ein Blick auf die Produkte unserer Wettbewerber in anderen Ländern zeigt: Die Features sind sehr unterschiedlich. In Europa haben die Menschen ein großes Bewusstsein für Datenschutz. Das gute an WhatsApp ist, dass wir versuchen ein Produkt zu bieten, das weltweit funktioniert. Natürlich verstehen wir, dass es in Europa große Bedenken in Sachen Datenschutz gibt und deswegen haben wir eine ganze Menge Verschlüsselung eingebaut. Über die Datenschutzeinstellungen kann der Nutzer in der App selbst Einstellungen treffen.

Hattest Du jemals das Gefühl, dass „schlechte Presse“ WhatsApp geschadet hat?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Wir reden ja nicht so oft mit der Presse – das hier ist eine Ausnahme (schmunzelt). Ich denke, es sind nicht negative Artikel, die einem Unternehmen schaden, sondern schlechte Produktentscheidungen, Ausfälle, eine langsame oder abstürzende App, Nachrichten, die nicht ankommen.

Der 19-Milliarden-Exit – wie WhatsApp zu Facebook passt…

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