Knapp ein Jahr liegt der Launch von Number26 nun zurück – seitdem scheiden sich die Geister an der Banking-App. Als smarter Bankenschreck wird das Startup von den einen gefeiert. Viel Hype um nichts, schimpfen die anderen. Die beiden Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal haben es zumindest geschafft, große Aufmerksamkeit zu erzeugen. Zunächst investierte Paypal-Gründer Peter Thiel in das Startup. Mittlerweile sollen 90.000 Kunden – nach Angaben von Number26 – ein Konto eröffnet haben. Wie viele davon die Karte aktiv nutzen, verschweigt das Startup allerdings.

Seine App hat Number26 zum Ende des Jahres noch einmal kräftig mit neuen Features ausgerüstet. Durch eine Kooperation mit dem Startup Barzahlen.de können die Kunden in Supermärkten wie Rewe oder der Drogerie DM Geld abheben und einzahlen. Erst kürzlich führte das Fintech einen Dispokredit ein. Seit gestern bekommen die Kunden auch eine EC-Karte. Zuvor mussten sie sich mit einer Kreditkarte begnügen, die in Deutschland in vielen Läden nicht akzeptiert wird.

Jochen Siegert, Fintech-Experte und COO bei Traxpay, verfolgt, wie sich das gehypte Startup entwickelt. Mit Gründerszene hat er darüber gesprochen, wie er die Zukunft des Startups einschätzt.

Jochen, Number26 führt jetzt für alle Kunden eine Maestro-Karte – bietet das Fintech damit ein vollwertiges Konto?

Die fehlende Debit-Karte war bislang abgesehen vom Dispokredit das Hauptproblem, weil die Kunden beim Friseur oder in manchen Discountern nicht mit der Number26-Kreditkarte zahlen konnten. Diese Gap hat das Startup nun geschlossen. Jetzt verfügt das Konto über die Funktionen eines Girokontos und kann sich mit der Postbank oder Comdirect messen.

Wo gibt es aus Deiner Sicht noch Schwierigkeiten?

Der Kontowechsel zu Number26 war bislang eher kompliziert: Als Kunde musste man verschiedene PDFs ausdrucken, um seinem Gas-Anbieter oder Vodafone die neuen Daten zu schicken. Selbst einige Banken waren da schon weiter. Seit Kurzem bietet Number26 nun einen Service, mit dem ein Kontowechsel angeblich in wenigen Minuten möglich sein soll. Den Service habe ich noch nicht ausprobiert.

Im Vergleich zu anderen Banken bietet das Startup allerdings keine weiteren Bankprodukte an, beispielsweise Tagesgeld-Konten oder die Möglichkeit, mit Aktien zu handeln. Dies nutzen die Banken, um den Kunden besser zu monetarisieren. Und bei neuen Produkten ist Number26 natürlich von seinen Partnern – unter anderem der Wirecard – abhängig.

Anzeige
Inwiefern ist das ein Problem? Denn Number26 ist ja im Grunde genommen bei seinen Features von Dienstleistern abhängig. Etwa Barzahlen – und eben der Wirecard Bank.

Es ist weniger ein Problem, aber zumindest eine Herausforderung: Bei der Bank-Produktentwicklung ist Number26 von seinen Partnern abhängig. Und es ist für ein Startup nicht unbedingt einfach, verschiedene Dienstleister zu managen, vor allem, wenn man als Unternehmen sehr schnell unterwegs ist. Ferner lässt sich Wirecard seinen Service sicherlich bezahlen und nimmt damit einen Teil der Marge.

Wie viel Geld muss Number26 an Wirecard zahlen, wenn ein Nutzer Geld abhebt?

Auch wenn ich verschiedene Zahlen gehört habe, will ich nicht spekulieren. Die Kooperation mit Barzahlen zeigt aber, dass Number26 offensichtlich einen Weg sucht, die Kosten fürs Abheben zu senken.

Das musst du erklären.

Normalerweise zahlt die Bank, die eine Maestro-Karte ausgibt, Gebühren an den Betreiber eines Geldautomaten, an dem der Kunde Geld abhebt. 0,2 Prozent des abgehobenen Betrags sind da üblich – also bei einer Abhebung von 100 Euro sind das 20 Cent. So günstig kann Barzahlen.de, das Auszahlungsstellen etwa bei der Drogerie DM unterhält, seinen Service niemals anbieten. Für Number26 könnte es also zwei Gründe geben, dennoch den Service von Barzahlen anzubieten: Der Kundenservice ist besser oder aber das Startup will die hohen Gebühren, die es an Wirecard zahlen muss, vermeiden.

Welche Probleme bringt eine enge Partnerschaft noch mit sich?

Wegen der Regulierung ist man als Fintech-Startup vollkommen auf die Bank angewiesen – und in einem großen Maße abhängig. Banken und Startups denken jedoch komplett unterschiedlich. Bei der Auslegungen der Regulierungsvorschriften, Geschwindigkeiten und auch dem Frontend, also im Fall von Number26 die App. Das führt durchaus öfters zu Eskalationsgesprächen zwischen Startup und ihren Bankpartnern.

Wirecard ist keine herkömmliche Bank und kooperiert mit vielen Fintechs.

Das stimmt. Aber auch Wirecard hat seine eigenen Prioritäten und Anforderungen von anderen Kunden. Ein Fintech mit einigen hundert oder tausend aktiven Nutzern hat noch keine sehr große Verhandlungsmacht. Dieses Abhängigkeitsproblem haben übrigens fast alle Fintechs. Die Startups besitzen schlicht noch nicht die nötige Größe.

Anzeige
Number26 hat schon angedeutet, dass es möglicherweise eine Banklizenz beantragen will.

Je nach Lizenz müssten sie dann eine Einlage, beziehungsweise eine Sicherheit stellen. Die ist abhängig von der Lizenz und dem Geschäftsvolumen des Bankgeschäfts und reicht von 750.000 Euro bis hin zu mehreren Millionen Euro. Das ist also ganz schön teuer. Die Investoren und das Management müssen entscheiden, ob sie ein paar Millionen in Marketing und Kundenakquise stecken oder in eine Lizenz. Aus meiner Sicht müssen sie erst einmal auf der Kundenseite skalieren, bis es sich wirklich lohnt und sie sagen können: „Jetzt mache ich mich unabhängig“. Bei Bergfürst hat das beispielsweise nicht geklappt – das Unternehmen hat seine Banklizenz zurückgegeben.

Bis dahin muss Number26 seine Einnahmen also mit den Partnern teilen.

Ein Girokonto selbst hat nur eine geringe Marge. Einige Retailbanken wie die Postbank, Comdirect und Co. bieten ein Konto mit Karte oft gebührenfrei an. Der Markt ist hart umkämpft – wie man an den hohen Prämien zur Kundengewinnung sieht. Die Banken verdienen oft nur Geld über Cross-Selling zu anderen Bankprodukten. Number26 hat also ähnliche Herausforderungen wie eine „normale“ Retailbank: Wie verdiene ich mit dem Produkt Girokonto überhaupt Geld?

Wie könnte das aussehen?

Zuerst war die Idee von Papayer, dem Vorgänger von Number26, über eine sogenannte Interchange-Gebühr Geld zu verdienen. Wenn man mit der Karte in einem Laden einkauft, fließt ein Teil des Umsatzes zur kartenausgebenden Bank. Seit diesem Monat hat die EU diese Gebühren sehr stark reguliert und eingeschränkt. Von durchschnittlich 1,5 Prozent sind die Erträge auf 0,2 bis 0,3 Prozent des Transaktionsbetrags eingebrochen. Damit sind diese Erträge so niedrig, dass es zunehmend schwierig ist, ein Geschäftsmodell im Zahlungsverkehr und Kartengeschäft aufzubauen – sowohl für Banken als auch für Fintechs.

Was ist die Alternative?

Number26 könnte sich als ein „Bankensupermarkt“ etablieren, der über seine Plattform Finanzprodukte anderer Fintechs anbietet, also eine „virtuelle Retail-Vollbank“. Generell gilt für viele Fintech-Startups, die noch kein Geld verdienen: Sie müssen hoffen, dass der Zugang zu Risikokapital so einfach wie bisher bleibt. Bei einer Börsenkrise oder Zinswende, wie sie sich gerade in den USA andeutet, kann sich der Wind schnell drehen und der Zugang zu VC-Geldern schwieriger gestalten.

Bild: Michael Berger/Gründerszene