Aschheim bei München: Hier hat Wirecard seinen Hauptsitz

Eigentlich war die Aktie des Münchner Payment-Unternehmens Wirecard zuletzt nicht für besonders starke Schwankungen bekannt. Monatelang pendelte sie um die 45-Euro-Marke, Anfang Februar schwächte sich der Kurs etwas ab, zuletzt lag er bei etwa 42 Euro. Am Mittwoch dann der Paukenschlag: Aus heiterem Himmel stürzt das Papier ab, um fast 25 Prozent bis auf 32 Euro. Der niedrigste Wert seit November 2014.

Schnell wird klar: Dahinter scheint eine Attacke von Shortsellern zu stehen. Ein dubioses Analysehaus hatte Wirecard kriminelles Handeln unterstellt, ein einflussreicher britischer Blog darüber berichtet, sofort rutschte der Kurs ab. Darauf hatten eine Reihe angelsächsischer Hedgefonds gewettet, sie verdienten nun kräftig. Wirecard versuchte sich zu verteidigen: Das Unternehmen dementierte sämtliche Vorwürfe, der CEO stützte den Kurs mit Aktienkäufen in Millionenhöhe, das Papier erholte sich etwas.

Am Donnerstagnachmittag lag die Aktie immerhin wieder bei etwa 36 Euro. Aber mehrere hundert Millionen Euro Börsenwert waren dennoch vernichtet. Und bei einigen wichtigen Startups, die mit Wirecard verbandelt sind, dürfte mit Sorge nach München geblickt werden: Was ist da los? Wir haben die Antworten auf die wichtigsten Fragen gesammelt.

Also, was war passiert?

Der Auslöser des Kursrutsches war die Veröffentlichung eines 100 Seiten starken Reports der Research-Firma Zatarra. Darin wurden Wirecard und seinen Managern alle möglichen Verfehlungen unterstellt – von Korruption, Betrug, Geldwäsche bis hin zur Beteiligung an illegalem Glücksspiel. „Wegen des signifikanten Risikos einer Strafverfolgung durch US-Behörden, von Strafzahlungen sowie der Beendigung der Geschäftsbeziehungen durch Visa und MasterCard, sehen wir Wirecards Firmenkapital als wertlos an“, bilanzieren die Autoren des Berichts, die allerdings ungenannt bleiben.

Als Kursziel gibt Zatarra „null Euro“ aus. Auf den Report aufmerksam werden die meisten Aktionäre erst, nachdem ein Blog der britischen Financial Times darüber berichtet – und zwar ohne sich zu fragen, wer diesen Bericht eigentlich verfasst hat.

Wer steckt dahinter?

Hierfür gibt es bislang keine zufriedenstellende Antwort, nur Indizien. Von einer „Boutique-Beratung“ namens Zatarra Research & Investigations hatte vor Mittwoch kein Trader je etwas gehört – auch eine Google-Suche dazu liefert keine Ergebnisse, die älter sind als gestern. Die Website von Zatarra wurde erst am 17. Februar über eine Agentur registriert, die den Auftraggeber verschleiert. Die zur Beratung gehörende LLC dürfte laut Financial Times auf den Britischen Jungferninseln registriert worden sein, nachprüfen lässt sich das allerdings nicht – die Offshore-Inselgruppe bietet kein durchsuchbares Handelsregister an. Auf Anfragen verschiedener Medien hat Zatarra bislang nicht reagiert.

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Gegenüber der dpa erklärt eine Unternehmenssprecherin von Wirecard: „Wir nehmen an, dass die Verbreitung des Berichts unseren Aktienkurs negativ beeinflussen sollte.“ Das wäre ein klassisches Muster betrügerischer Spekulanten: Man bringt halbwegs plausible Vorwürfe gegen ein Unternehmen in Umlauf und verursacht so einen Kursabsturz. Damit machen die Hintermänner dann Kasse. Häufig reicht dafür schon das Streuen von Gerüchten auf sozialen Netzwerken – dass sich jemand die Mühe macht, 100 Seiten mit elaborierten Grafiken und Quellenangaben zu füllen, ist ungewöhnlich. Aber damit eben auch besonders wirksam.

Und wer profitiert?

Zum einen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Urheber des Reports. Bizarrer Weise geben diese unter der Überschrift „Disclaimer“ sogar zu, der Leser solle annehmen, dass Zatarra über Positionen verfüge, die „von einer Bewegung der in diesem Report besprochenen oder erwähnten Aktie profitieren werden“.

Allerdings gibt es noch weitaus mehr Player, die aus dem Sinkflug der Wirecard-Aktie einen Nutzen ziehen – und die sind bekannt: Eine ganze Reihe angelsächsischer Hedgefonds hat auf sinkende Wirecard-Kurse gewettet. Das Prinzip dabei heißt Shortselling oder Leerverkauf: Investoren leihen sich Wertpapiere, um sie sofort weiterzuverkaufen. Das Ziel ist, bis zur Rückgabe des Papiers dieses zu einem niedrigeren Kurs einzukaufen und die Differenz als Gewinn einstreichen zu können.


Wer bei Wirecard über sogenannte Netto-Leerverkaufspositionen verfügt, lässt sich zum Beispiel im Bundesanzeiger einsehen: Darunter sind etwa der Londoner Hedgefonds Odey Asset Management, in den auch schon George Soros sein Geld steckte, Blue Ridge Capital aus New York, aber auch das Canada Pension Plan Investment Board, also die kanadische Rentenkasse. Laut dem Finanzinformationsdienst Markit sind derzeit 80 Prozent der verfügbaren Wirecard-Papiere verliehen – das ist fast ein Viertel der ausgegebenen Wertpapiere. All diese Akteure glaubten also daran, dass der Kurs irgendwann sinken würde.

War das die erste Attacke auf Wirecard?

Keineswegs. Erst Anfang Februar gab es einen Angriff von Leerverkäufern, als mehrere Blogs und Twitter-Nutzer von einem Systemausfall bei Wirecard berichtet hatten. Das Unternehmen dementierte einen solchen Ausfall umgehend – doch mindestens zwei Unternehmer bestätigten der dpa Systembeeinträchtigungen.

2015 zog ein Report des ebenfalls kaum bekannten Analysehauses J Capital Research das Geschäftsmodell von Wirecard in Zweifel – auch damals berichtete der FT-Blog Alphaville ausführlich. Das Unternehmen dementierte die Anschuldigungen.

2010 rutschte der Wirecard-Kurs um fast ein Drittel ab, nachdem im Netz über dubiose Geldtransfers und Geldwäsche berichtet worden war – Wirecard dementierte.

Der absurdeste Fall stammt aus dem Sommer 2008: Damals verkündete die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, sie untersuche angebliche Bilanzierungsmängel bei Wirecard. Später entlastete ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young das Unternehmen – und es kam heraus, dass einige Aktionärsschützer massiv auf fallende Kurse von Wirecard gesetzt und damit Millionen verdient hatten. Ein Vorstand der Schutzgemeinschaft musste zurücktreten und wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Warum ist Wirecard so anfällig dafür?

Das Geschäftsmodell des 1999 gegründeten Unternehmens ist ziemlich komplex, die Struktur schwer durchschaubar. Die Süddeutsche Zeitung bat einen Banker und einen Fondsmanager, sich in die Bilanz des Unternehmens einzuarbeiten – beide sollen „entnervt“ aufgegeben haben – das Zahlenwerk sei „ein Buch mit sieben Siegeln“.

In den letzten Jahren hat Wirecard reihenweise Zahlungsanbieter auf der ganzen Welt, vor allem in Entwicklungsländern, aufgekauft und ist damit massiv gewachsen – seit der Börsennotierung 2005 um mehr als das zehnfache. Das hat die Komplexität weiter erhöht und Kritiker auf den Plan gerufen.

Halt! Was ist das überhaupt für ein Unternehmen?

Das Hauptgeschäft von Wirecard ist das sogenannten Acquiring: Das Unternehmen wickelt Kreditkartenzahlungen für Händler ab, springt ein, wenn ein Käufer nicht zahlen kann, und kassiert dafür eine Gebühr. Im Zuge der Abwicklung der Transaktionen hantiert das Unternehmen mit riesigen Summen – laut SZ ist die Frage, wie diese in der Bilanz zu behandeln sind, einer der strittigen Punkte.

Inzwischen bietet Wirecard mit seinen 1.750 Mitarbeitern aber auch Lösungen für Mobile Payment oder Risikomanagement an, dank einer deutschen Vollbanklizenz kann es außerdem für Dritte Whitelabel-Kreditkarten ausgeben.

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Was hat Wirecard mit Startups zu tun?

Die Karten des gehypten Berliner Fintech-Startups Number26 oder des britischen Jungunternehmens Mondo stammen zum Beispiel von Wirecard. Genauso wie das Kartenlesesystem, das das Kassensystem-Startup Orderbird einsetzt. Zwischen Rocket Internet und Wirecard besteht seit 2014 eine strategische Partnerschaft: So haben laut dem Fintech-Blog Paymentandbanking schon die Rocket-Ventures PaymillPaylevenZencap oder Lendico mit den Münchnern zusammengearbeitet.

Was müssen die Startups nun fürchten?

Erst einmal nichts. Die Short-Attacke hat Wirecard zwar schwer getroffen, aber die allermeisten Analysten geben für die Aktie des Unternehmens weiter eine Kaufempfehlung aus. CEO Markus Braun, seit 2002 im Amt, kaufte am Mittwoch für mehr als vier Millionen Euro Aktien. Er hatte bereits in den vergangenen Tagen mehrfach Papiere seines Unternehmens erworben.

Wirecard tut alles, um das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen. Am Mittwoch zeigte sich ein Sprecher gegenüber Börse Online zum Beispiel überzeugt: Die Behauptungen von Zatarra seien „falsch und kompletter Schwachsinn“. Ansonsten ist Wirecard übrigens längst nicht mehr der einzige Bankpartner, der mit deutschen Startups zusammenarbeitet – Alternativen zeigt etwa diese Übersicht.

Und was sind die Konsequzen des Vorfalls?

Das Unternehmen hat angekündigt, juristisch gegen die Behauptungen von Zatarra vorzugehen. Wie genau das gehen soll, ist unklar. Denn einfach wird man den Urhebern des Reports nicht habhaft werden können – sie haben ihre Spuren gut verwischt.

Auch die deutsche Börsenaufsicht will sich des Vorfalls annehmen. „Wir sehen uns die aktuellen Vorgänge um Wirecard routinemäßig im Hinblick auf eine mögliche Marktmanipulation durch unrichtige oder irreführende Angaben an“, hieß es gegenüber der Wirtschaftswoche.

Bild: Wirecard AG